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Siegfried Trapp
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Essay. Eine kleine Geschichte vom Umgang mit der wechselnden Zeit.* „Ach, Du liebe Zeit" Karlheinz A. Geißler          ir können noch so hoch steigen, der Zeit entkommen wir nicht. Man kann die Zeit nicht durch den Raum erobern. Den Raum können wir zwar überwinden, die Zeit aber, sie überwindet uns. Sie bleibt bei allen noch so heftigen Kämpfen, die wir mit ihr ausfechten, am Ende immer Sieger. Insofern ist und bleibt sie die größte Heraussforderung der Menschheit. Mit den Zeiten haben sich jedoch die Zeiten geändert. Norbert Elias fand für diese historische Entwicklung ein Bild: Er erzählt die Geschichte einer Gruppe von Menschen, die in einem unbekannten, sehr hohen Gebäude immer höher stiegen. Die erste Generation drang bis zum fünften Stock vor, die zweite bis zum siebenten, die dritte bis zum zehnten. Im Laufe der Zeit gelangten die Nachkommen bis in das 100. Stockwerk. Dann brach das Treppenhaus ein. Die Menschen richteten sich in diesem 100. Stockwerk ein. Sie vergaßen mit der Zeit, daß ihre Ahnen je auf unteren Stockwerken gelebt hatten und wie sie auf das 100. Stockwerk heraufgelawaren. Sie sahen sich und die Welt aus der Perspektive dieser Höhe, ohne zu wissen, wie Menschen dahin gelangt waren. Ja, sie hielten sogar die Vorstellungen, die sie sich aus der Perspektive ihres Stockwerks machten, für allgemein menschliche Vorstellungen. Zeitgeschichte von oben betrachtet. Auch das ist eine relativ neue Erfahrung. Bis zum Beginn der Neuzeit war die vorgegebene, gottgefällige BlickrichtUng, diejenige von unten nach oben. Das hat sich grundlegend geändert. Die himmelwärts gerichteten Kathedralen der Kommunikation unserer Postmoderne, wir befinden uns in einer solchen, inszenieren den Blick von oben nach unten in grandioser Art und Weise. Aber sie verführen auch dazu, die Repräsentanten vergangener Zeitordnungen nur mehr zu hübsch anzuschauenden Antiquitäten zu reduzieren. Dieser Verführung will ich widersprechen. Wir können noch so hoch hinaus, aber wir brauchen dazu Fundamente. Ich will meinen Teil dazu beitragen, indem ich eine Geschichte des Umgangs mit der Zeit in drei epochalen Abschnitten anbiete.      I. Die erste Epoche, sie wird von mir als Vormoderne bezeichnet, ist durch eine enge Verbindung des gesamten Lebens - speziell auch der Arbeit - mit den Dynamiken der Natur gekennzeichnet. Natürliche Zyklen bestimmten den Lebensrhythmus, insbesondere der Wechsel der Gestirne, Ebbe und Flut, Regen- und Trockenzeiten, die Jahreszeiten, Tag und Nacht. An ihnen wurden soziale, kulturelle und individuelle Ereignisse festgemacht. Man lebte in der Natur und mit der Natur. Abstrakte Maße, wie zum Beispiel Jahreszahlen, waren ungebräuchlich. Noch bis ins 17. Jahrhundert konnten die wenigsten Menschen jenes Jahr beziffern, in dem sie geboren waren. Das soziale Leben begann mit dem Aufgang der Sonne und es endete meist bei Sonnenuntergang. Homer beispielsweise bestimmte den Verlauf der Zeit nach Morgenröten. Das Sonnenzeitmaß bestimmte die Grundgeschwindigkeit der Natur und die des sozialen Lebens. Im Sommer reduzierten die Bauern in Mitteleuropa die Nachtruhe auf die wenigen Stunden der Dunkelheit, im Winter waren so lange Schlafenszeiten üblich, daß man auf, die Idee kommen konnte, der Mensch hätte alle Anlagen für einen ausgiebigen Winterschlaf. Die von Menschen geschaffenen Signale und Geräte, mit deren Hilfe man Zeitpunkte und Zeitstrecken festlegte, wurden nicht, wie heute, an einem abstrakten Maß Uhrzeit, sondern an der Länge des lichten Tages festgemacht. Die dunklen Stunden wurden nicht gezählt. Die Uhren waren Sonnenuhren. An solch konkrete Anschauungen waren auch jene Zeitstrecken, die über die Wiederkehr der Jahreszeiten hinausgingen, geknüpft. Nicht das Jahrhundert oder etwa die Legislaturperiode waren die, bestimmenden Maße, es war die Generation. Das Zählen nach Generationen stellte einen zur Orientierung ausreichenden konkreten und langfristigen Zusammenhang der Ereignisse her. Über den familiären Rahmen hinaus wurde Zeit nach den Regentschaftszeiten von Monarchen eingeteilt. Man kennt dies ja aus der Weihnachtsbotschaft in Lukas 2: „Es begab sich aber, in jenen Tagen erging ein Erlaß des Kaisers Augustus, den ganzen Erdkreis aufzeichnen zu lassen. Diese Aufzeichnung war die erste und geschah, als Quirinius Landpfleger in Syrien war." Zeit ist in der Vormoderne nicht die Summe von Tagen, Stunden, Minuten und Sekunden. Zeit ist der Zusammenhang von Erlebnissen und Erfahrungen. Es ist beispielsweise nicht sechs Uhr, sondern Sonnenaufgang. Die Gänse wurden an Kirchweih verspeist und der Henker tauchte Agnes Bernauer „fünf Vaterunser lang' unter. Die kosmischen, natürlichen und die sozialen Prozesse gaben dabei nicht die Zeit an, sie waren die Zeit und sie legten fest, um welche Art Zeit es sich jeweils handelte. Zukunftsperspektiven entwickelten sich bei einem solchen Zeiterleben und Zeitverständnis nur in sehr begrenztem Maße. Man ging davon aus, daß alles so weitergeht, wie es bisher geschah. Typisch dafür ist die Formulierung aus der Thorner Zunfturkunde von 1523, die den Fortschritt verbietet: Kein Handwerksmann soll etwas Neues erdenken oder erfinden oder gebrauchen, sondern jeder soll aus bürgerlicher und brüderlicher Liebe seinem Nächsten folgen und sein Handwerk ohne des nächsten Schaden treiben. Die Zeit war kein Besitz des Menschen, sie gehörte Gott, der allen Lebewesen ihre Zeiten gab. „Meine Zeit liegt in Deinen Händen”, sang man und lebte es auch. Sündig wurden jene, die mit der Zeit handelten und aus ihr Profit zogen. Darum galt im Mittelalter der Wucher, das Geldverleihen auf Zins, als besonders verwerfliche Sünde. In einem Handbuch für Beichtväter läßt sich das nachlesen: Der Wucherer leiht dem Schuldner nicht, was ihm gehört, sondern nur die Zeit, die Gott gehört. Er darf also keinen Gewinn aus dem Verleih fremden Eigentums machen. Die Wucherer sind Diebe, denn sie handeln mit der Zeit, die ihnen nichtgehört; und mit dem Eigentum eines anderen gegen den Willen des Besitzers zu handeln, ist Diebstahl. Und da sie außerdem mit nichts anderem als mit erwartetem Geld, das bedeutet mit Zeit, handeln, treiben sie mit Tagen und Nächten Handel. Der Tag aber ist die Zeit der Helligkeit und die Nacht die Zeit der friedvollen Ruhe. Also handeln sie mit Licht und friedvoller Ruhe. So wäre es nicht gerecht, wenn sie das ewige Licht und den ewigen Frieden erlangten. Bei solchem Blick auf das Vergangene darf man sich jedoch nicht zu idyllischer Verklärung verführen lassen. Die Naturnähe war damals auch zwangsläufig mit all jenen Dramatiken verbunden, in die eine nicht beherrschte und nicht beherrschbare Natur die Menschen mit einbezog. Hungersnöten, Überschwemmungen, Trockenheiten war man ausgeliefert, und nicht wenige Männer, Frauen und Kinder fielen den Naturgewalten zum Opfer. Wenn, so Otto Neurath, ein Wiener Philosoph, früher ein Sumpf und ein Mensch zusammenstießen, starb der Mensch, heute stirbt der Sumpf. Das ist zweifelsohne ein Fortschritt, aber eben kein ungetrübter. II. Alles dies änderte sich am Ausgang des Mittelalters, beim Übergang zu jener Epoche, die wir die Renaissance nennen. Die Menschen begannen in einigen europäischen Städten, besonders in den italienischen und nordfranzösischen, „einen eigenartigen und bislang ungehörten Wunsch zu verspüren. Sie wollten wissen wie spät es ist" (Adolf Holl). Damit wurde Zeit als Thema entdeckt. 1358 wurde in Regensburg die erste deutsche Schlaguhr am Rathaus angebracht, andere Städte wie Nürnberg und Augsburg folgten. Die Stadtbewohner konnten von da, an in pünktliche und unpünktliche Einwohner eingeteilt werden. Es ließen sich Termine machen, das, was 500 Jahre später, zum allseits beliebten Volkssport wird. Die Zeit wurde wertvoll, Turmuhren dienten zur Orientierung bei der Arbeit und beim Geschäft. Die Kaufleute entwickelten sich zu Kalkulatoren und zu Buchhaltern der Zeit. Durch das Aufkommen der verschiedenen Kreditformen, besonders des Wechsels, waren diese zunehmend gezwungen, genau mit der Zeit zu rechnen. Das theologische Verbot, die Zeit durch Zinseinnahmen zu verkaufen, wurde aufgehoben. Nicht länger mehr ist Zeit ein Gottesgeschenk, sondern eine knappe Ressource mit der kalkulatorisch umgegangen werden kann. Und konsequent wurde zu dieser Zeit auch die Stunde mit ihrer Unterteilung in 60 Minuten erfunden. Das alles vollzog sich langsam, dauerte Jahrhunderte und hatte seinen Schwerpunkt in den wachsenden Städten. Beispielsweise in Frankfurt. 1453 wurde das Frankfurter Rathaus, der Römer, der 1405 vom Rat der Stadt einem Patrizier abgekauft wurde, mit einer Uhr ausgestattet. Noch bis 1561 war es jedoch die monumentale Domuhr, die die offizielle Zeit für die Bevölkerung von Frankfurt angab. Die Verfügungsgewalt über die ordnungspolitisch höchst wichtigen Kommunikationsmittel Uhr und Glocken war im 16. Jahrhundert zwischen Stadtverwaltung und Kirche heftig umstritten. Nicht überall wurde der Konflikt so eindeutig entschieden wie in Venedig. Dort verbot der Doge, eine Uhr an der Markuskirche anzubringen. Diesem Beschluß haben wir den schönsten städtischen Uhrturm der Welt, gleich neben der Markuskirche, zu verdanken. In Frankfurt, wie in vielen anderen mitteleuropäischen Städten und Gemeinden, wurden Kompromisse, zum Beispiel Mietpachtverhältnisse für Kirchtürme schlossen. Im Turm des Frankfurter Doms beispielsweise hingen zu Beginn der neuen Zeit zehn Stadt- und Kirchenglocken, deren Funktion durch eine bis ins kleinste Detail ausgefeilte Läuteordnung geregelt wurde. Die Werkglocke regelt den Arbeitstag, die Wein- beziehungsweise Bierglocke die Ausschankzeiten, die Feuerglocke ermahnte die Bevölkerung zur Verwahrung der Herdfeuer, die Ratsglocke rief zu Ratsversammlungen, die Marktglocke regelte Beginn und Ende des lokalen Handels und - so etwas muß an diesem Ort besonders erwähnt werden - die Zinsglocke mahnte säumige Zahler. Die Bevölkerung der Städte fand ihre temporale Orientierung zu dieser Zeit primär übers Ohr. Mit einem gesonderten Zeitsinn ist der Mensch allerdings nicht ausgestattet, so daß er kompensatorische Aktivitäten, die sich erfreulicherweise häufig in bewundernswerten kulturellen Errungenschaften darstellen, entfalten mußte. Ab dem 17. Jahrhundert läuft die Zeit schneller. Ein völlig neues Gefühl entwickelt sich, es ist das Gefühl, daß einem die Zeit davonläuft. Dies alles geschieht mit *Auszug eines Vortrags, den Professor Karlheinz A. Geißler in einem kleinen Kreis vor Topmanagern in der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt gehalten hat.
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