Hecke bei Nenon bei Dole, Mittwoch,
06.04.1983, 09:00
Das schwindende Tageslicht hat mich
gestern Abend der Möglichkeit
des Weiterschreibens beraubt.
Wenige Kilometer vor dem CP trafen
wir auf die gesamte Crew, die im Opel
saß: Der CP gefiel nicht, direkt an der
Straße liegend, und überhaupt. So
beschloss man, eine Auberge zum
Übernachten zu suchen. P. und ich
fuhren derweil mit dem Rad zum CP, um
auf die anderen zu warten. Sie kamen
recht bald mit positivem Ergebnis
zurück. P. lud sein Fahrrad ins Auto, ich
strampelte die restlichen sieben
Kilometer im Höchsttempo dorthin.
Die Auberge erwies sich als einsam
gelegen und sehr annehmbar. Drei
Doppelzimmer waren für sieben
Personen gemietet worden; ich war
darauf eingestellt im 3-Personen-
Zimmer zu schlafen. Es war jedoch
anders, angenehmer geregelt worden:
Ich hatte mit C. ein Doppelzimmer mit
eigener Dusche und WC.
Ziemlich bald machte ich mich daran, im
Waschbecken einen Teil meiner Wäsche
zu waschen, da man sie auf der
Heizung trocknen konnte. Das war sehr
wichtig. C. half mir dabei.
Anschließend saßen wir alle noch einige
Zeit unten bei Sandwiches und Eiern,
begaben uns aber ziemlich bald nach
oben: Müdigkeit; außerdem waren wir
praktisch die einzigen Gäste in der Bar,
was alles etwas ungemütlich machte.
C. war sehr müde, ich schlief dennoch
mit ihr. Über uns hustete des nachts ein
Mann; die Wände und Decken mussten
sehr dünn sein. C. schlief röchelnd mit
Atemaussetzern, vermutlich mit ihrer
Bronchitis zusammenhängend, es hörte
sich gefährlich an.
Am nächsten Morgen waren wir uns
näher; die Befangenheit war etwas
gewichen.
Dann trennte sich mein
Weg von den Anderen.
Wäre bei mir nicht
äußerlich und innerlich
alles fixiert gewesen, wäre ich vielleicht
mit zurückgefahren.
Die Übernahme des bislang von Charly
transportierten Gepäcks (Zelt,
Wasserbehälter, Lebensmittel) erwies
sich als recht problematisch; zunächst
einmal was die Verstauung anbelangte;
viel problematischer war aber in der
Folge das Gewicht: Das Rad lässt sich
kaum noch sicher halten, es ist sehr
instabil, ja schwammig beim Fahren,
das Gepäck lässt das Rad bei jeder
Seitwärtsbewegung schwanken. Und
Berge sind jetzt ein wahrlich echtes
Problem; aber auch Randsteine.
Zur Chronik des gestrigen Tages, des
ersten wirklich unerquicklichen
der Reise.
Nachdem ich etwa 2 km mit
dem beklemmenden Gefühl des
Jetzt-Alleinseins gefahren war,
entwich mitten im Stadtverkehr
von Besançon in kürzester Zeit
die Luft aus dem Hinterreifen.
Ich musste das Rad mit dem schweren
Gepäck gut 50m auf Felge und
Schlauch schieben, bis eine Parkbank
als Reparaturplatz zur Verfügung stand.
Nachdem ich alle Gepäckstücke
entfernt, z.T. auf der
Suche nach dem
Flickzeug ausgepackt
hatte, begann es in
Strömen zu regnen. Das
Loch war so groß, dass
ich sogar den Mantel
flicken musste.
Danach quälte ich mich wieder im
Hauptverkehr um halb Besançon herum.
Ich habe mittlerweilen entsetzlichen
Horror vor dem Radeln innerhalb einer
größeren Stadt.
Außerhalb ging´s besser, der Himmel
war jedoch nach wie vor trüb, an und an
regnete es, und ein kalter Wind blies.
Ich kam wieder durch zahlreiche kleine
Flecken, die alle keine Boulangerie
hatten, so dass es bis halb vier dauerte,
bis ich, in Fraisans dann, Brot kaufen
konnte. Dort bekam ich auch endlich
das Felgenbremsenersatzteil. Ich hatte
mir gestern noch ab und zu vorgestellt,
was los wäre, wenn bergab die Kette
runterginge und ich somit ohne
Rücktrittbremse und damit komplett
ohne Bremse wäre.
In der “Credit Agricole” sah man sich
dann außerstande, einen Euroscheck zu
akzeptieren. Ich besitze gerade noch 50
FF. Die fehlenden Sprachkenntnisse
sind immer unangenehmer, sei es in
Banken, sei es bei spontanem Kontakt
auf den Straßen. Das ist vielleicht das
bislang schlimmste auf der ganzen
Reise.
Kurz vor dem Örtchen Our wurde mein
Nervenkostüm schwer angegriffen. Um
mir einen kleinen Hügel
zu ersparen, zu dem die
Straße hinaufführte,
nahm ich einen Feldweg
als Abkürzung. Dieser
ward nach etwa 300m
so schlammig geworden, dass er nicht
mehr befahrbar war. Ich schob das
schwere Rad weitere 300m über eine
Wiese wieder Richtung
Straße. 20m vor der Straße
war dann die Wiese
überflutet. Nach einigem Hin
und Her schob ich das Rad schließlich
durch, wobei mir das Wasser in die
Schuhe lief. Zwei Meter vor der Straße
befand sich dann ein breiter tiefer
Wassergraben.
Ich musste den ganzen Weg zurück
schieben. Über den Hügel hätte ich
zehn Minuten gebraucht. Jetzt war es
eine entnervende Stunde geworden.
Ein paar Kilometer zuvor hatte ich noch
einen 4-km-Umweg zu einem CP
gemacht, der dann geschlossen war.
Auch der nächste CP in Nenon war
geschlossen. Als ich eine kurze Strecke
zurück fahren musste, fuhr ich seit
undenklichen Zeiten zum ersten Mal
wieder mit dem Wind. Und zum ersten
Mal wünschte ich mir zurück zu fahren,
mit Rückenwind.
Es war inzwischen sieben Uhr abends
geworden, ich ich war so fertig, dass ich
die fehlenden 10 km bis zum CP in Dole
nicht mehr bewältigen konnte. Ich
suchte einen Übernachtungsplatz in
nächster Nähe, das war an der Doubs.
Inzwischen fing es wieder an zu regnen.
Der Platz schien einigermaßen
ungestört; angeschwemmtes Material an
den Hecken zeigte jedoch, dass er nicht
ganz ungefährlich war.
Im weiteren Verlauf des Abends war
wieder das beklemmende Gefühl der
Einsamkeit da; der Zug nach Süden ist
nicht mehr so stark.
Die ganze Nacht und den ganzen
Morgen hindurch regnete es heftig, mit
stürmischen Böen. Die Zeltnähte lecken
inzwischen an 4 – 5 Stellen, der
Schlafsack ist wieder nass.
Jetzt eben, um halb elf, hat es endlich
aufgehört zum regnen.
Ich muss das ganze nasse Zeug
verpacken, und vor mir liegt zunächst
keine schöne Strecke: Ich muss wieder
in die Stadt hinein, nach Dole, wegen
des Geldumtausches.
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