Beim Heimweg herrscht starker Nebel. Beim Zelt
angekommen: Eisbrocken auf dem Zelt,
obwohl es uns nicht besonders kalt
vorgekommen war.
Am nächsten Morgen
Raureif und wieder Nebel; um 10 Uhr kommt die Sonne heraus, um 12
Uhr verlassen wir den etwas unsympathischen Campingplatz (keine
Warmdusche, dafür Dauercamper), auf dem wir wieder mal einziger
Zeltgast waren.
In der Folge kommen wir nicht weit. Zwei Gründe gab es dafür: Zum einen hat die doch
eher langweilige Ebene zwischen dem Schwarzwald und den Vosges ein Ende, und eine
sanft hügelige, auch der Zwiebeltürme wegen fast bajuwarisch anmutende Gegend nimmt
uns auf. Zum anderen machen wir nach Bréchaumont eine Rast, die bei warmem
Sonnenschein und in Gegenwart von zwei Milanen in ein längeres Gespräch über
Technikgläubigkeit, eine Fressorgie und den Konsum von je einem dreiviertel Liter Wein
ausartet. Als anschließend wegen Straßenbauarbeiten ein anstrengender sumpfiger
Feldweg zu befahren ist, befassen wir uns schon am frühen Nachmittag mit der
Parkplatzfrage.
Dann folgt noch in einer Telefonzelle ein Gespräch mit C., das reichlich fremd war und
wegen Münzmangel dann abrupt unterbrochen wurde.
Wir machen einen Umweg von 8 km zu einem Campingplatz, der sich als geschlossen
herausstellte, und haben jetzt einen nassen Zeltplatz am Waldrand, nicht allzuweit von der
Autobahn entfernt.
Nachzutragen: Auf der Strecke irgendwo zwischen Benfeld und Marckolsheim, am 28. des
Monats, sahen wir in einem Tälchen Tausende von Misteln, bisweilen bis zu zehn an einer
Pappel.
Bavilliers bei Belfort, Donnerstag 31.03.1983, 10:15
Am gestrigen Morgen kam für zwei Stunden die Sonne
hervor, und wir konnten Zelt und Schlafsack
einigermaßen trocknen. Das Kondenswasser im Zelt
spielt eine viel größere Rolle, als ich mir das je vorstellen
konnte. Morgens ist regelmäßig das Fußende meines
Daunenschlafsackes nass, weil ich an das
hochgezogene Bodenteil des Innenzeltes stoße, und ich bekomme kalte
Füße. Auch die Innenseite des Außenzelts ist oft klatschnass. Zwei Ursachen
dürfte dies haben: Erstens ständig hohe Luftfeuchtigkeit außen. Zweitens die
Temperaturen um 0 °C, die Luft vermag kaum ausgeatmetes Wasser auf zu nehmen, und
es schlägt sich sofort an den kältesten Flächen nieder, besonders bei Windstille, und
diese kältesten Flächen sind der Seitenboden des Innenzeltes, wo unter dem Außenzelt
kalte Luft rankommt, und natürlich das Außenzelt. Beide Belüftungsklappen im Innenzelt
müssen ständig offen sein.
Das Wetter wurde wieder schlechter, ein eisiger Wind blies. Wir fuhren nach Belfort rein,
aßen dort zu Mittag, wobei sich beim Anblick der beiden Bedienungen
wie auch beim späteren Stadtbummel immer deutlicher sexuelle Nöte
bemerkbar machten, und schauten uns die beiden offiziellen
Sehenswürdigkeiten an: Die Zitadelle, und den 11m hohen Löwen von
Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker Freiheitsstatue.
Bei einem kleinen Krämer in Bavilliers , der uns auch mit Wasser versorgte, kauften wir
ein, und fanden nur unter Schwierigkeiten wieder aus dem Städtchen heraus.
Dann ein recht nasser, aber abgelegener Zeltplatz im Gebüsch.
Heute morgen ist der Himmel wieder grau in grau, und es sieht nach Regen aus.
Eine reiche Tierwelt gibt es hier, viele Vögel, viele Rehe.
Wir müssen nach L´Isle-sur-le-Doubs, wo eventuell heute Abend oder morgen früh P. mit
R. ankommt, ev. auch B.
Jetzt gilt es noch an beiden Rädern die Felgenbremse hin zu kriegen, dann können wir
los.
Es ist viel zu kalt.
Wald bei L´Isle-sur-le-Doubs, 20:00
An der Felgenbremse habe ich eine Schraube abgedreht, jetzt geht sie gar nicht mehr.
Der von uns befahrene Weg hierher war sehr, sehr hügelig; dagegen die Autostraße an
der Doubs entlang sicher fast eben.
Radfahrerlos.
Wir sind durch unglaublich arm aussehende Dörflein gekommen; zum Teil waren zwei
Drittel der Häuser um 1865 herum erbaut worden. Auch sieht man hier, wie schon im
Elsass, große, ins Haus integrierte Hoftore. An der Doubs angekommen, gab es noch mal
Ärger, ich vermutete eine Brücke, wo dann keine war, Charly machten die Berge zu
schaffen und wahrscheinlich auch das Wetter; er war heute über längere Strecken sauer,
versteinertes Gesicht und kleine Augen, wie P. in Bayern.
Der Campingplatz war natürlich geschlossen.
Wir besorgten Nahrungsmittel, um eventuell über Karfreitag hinweg fünf Personen zu
versorgen.
Dann betrat ich das Telefonhäuschen und führte drei Telefonate.
Heubach: P. um 15 Uhr nach Stuttgart, will dort übernachten.
Stuttgart: P. nicht da.
Strümpfelbach: C. mit tonloser Stimme, vermutlich weinend.
Lange Pausen.
Kann nicht herkommen. Bronchitis nicht Ursache. Über Ursache schweigt sie. Sehr
private Probleme? Obwohl es mich nichts mehr angehen sollte, berührt es mich doch
sehr.
„Es tut mir leid, dass ich dich nicht sehen kann.“
Dann war das Geld aus: Klack.
Ständige Rätsel.
Das hat keine Zukunft und keine Gegenwart.
Eigentlich darf und soll es mich nicht so berühren. Aber fünf Jahre sind in ein
paar Monaten nicht wegzuwischen.
Ich muss mich auf meine Reise konzentrieren.
© strapp 2022
© strapp 2022
Beim Heimweg herrscht starker Nebel.
Beim Zelt angekommen: Eisbrocken auf
dem Zelt, obwohl es uns nicht
besonders kalt vorgekommen war.
Am nächsten Morgen Raureif und
wieder Nebel; um 10 Uhr kommt die
Sonne heraus, um 12 Uhr verlassen wir
den etwas
unsympathischen
Campingplatz (keine
Warmdusche, dafür
Dauercamper), auf dem wir
wieder mal einziger Zeltgast waren.
In der Folge kommen wir nicht weit.
Zwei Gründe gab es dafür: Zum einen
hat die doch eher langweilige Ebene
zwischen dem Schwarzwald und den
Vosges ein Ende, und eine sanft
hügelige, auch der Zwiebeltürme wegen
fast bajuwarisch anmutende Gegend
nimmt uns auf. Zum anderen machen
wir nach Bréchaumont eine Rast, die
bei warmem Sonnenschein und in
Gegenwart von zwei Milanen in ein
längeres Gespräch über
Technikgläubigkeit, eine Fressorgie und
den Konsum von je einem dreiviertel
Liter Wein ausartet. Als anschließend
wegen Straßenbauarbeiten ein
anstrengender sumpfiger Feldweg zu
befahren ist, befassen wir uns schon am
frühen Nachmittag mit der
Parkplatzfrage.
Dann folgt noch in einer Telefonzelle ein
Gespräch mit C., das reichlich fremd war
und wegen Münzmangel dann abrupt
unterbrochen wurde.
Wir machen einen Umweg von 8 km zu
einem Campingplatz, der sich als
geschlossen herausstellte, und haben
jetzt einen nassen Zeltplatz am
Waldrand, nicht allzuweit von der
Autobahn entfernt.
Nachzutragen: Auf der Strecke irgendwo
zwischen Benfeld und Marckolsheim,
am 28. des Monats, sahen wir in einem
Tälchen Tausende von Misteln,
bisweilen bis zu zehn an einer Pappel.
Bavilliers bei Belfort, Donnerstag
31.03.1983, 10:15
Am gestrigen Morgen kam für zwei
Stunden die Sonne hervor, und wir
konnten Zelt und
Schlafsack
einigermaßen
trocknen. Das
Kondenswasser im Zelt
spielt eine viel größere
Rolle, als ich mir das je vorstellen
konnte. Morgens ist regelmäßig das
Fußende meines Daunenschlafsackes
nass, weil ich an das hochgezogene
Bodenteil des Innenzeltes stoße, und ich
bekomme kalte Füße. Auch die
Innenseite des Außenzelts ist oft
klatschnass. Zwei Ursachen dürfte dies
haben: Erstens ständig hohe
Luftfeuchtigkeit außen. Zweitens die
Temperaturen um 0 °C, die Luft vermag
kaum ausgeatmetes Wasser auf zu
nehmen, und es schlägt sich sofort an
den kältesten Flächen nieder, besonders
bei Windstille, und diese kältesten
Flächen sind der Seitenboden des
Innenzeltes, wo unter dem Außenzelt
kalte Luft rankommt, und natürlich das
Außenzelt. Beide Belüftungsklappen im
Innenzelt müssen ständig offen sein.
Das Wetter wurde wieder schlechter, ein
eisiger Wind blies. Wir fuhren nach
Belfort rein, aßen dort zu Mittag, wobei
sich beim Anblick der beiden
Bedienungen wie auch beim späteren
Stadtbummel immer deutlicher sexuelle
Nöte bemerkbar machten, und schauten
uns die beiden offiziellen
Sehenswürdigkeiten an: Die Zitadelle,
und den 11m hohen Löwen von
Bartholdi, dem Schöpfer der New Yorker
Freiheitsstatue.
Bei einem kleinen Krämer in
Bavilliers , der uns auch mit
Wasser versorgte, kauften wir
ein, und fanden nur unter
Schwierigkeiten wieder aus
dem Städtchen heraus.
Dann ein recht nasser, aber
abgelegener Zeltplatz im
Gebüsch.
Heute morgen ist der Himmel wieder
grau in grau, und es sieht nach Regen
aus.
Eine reiche Tierwelt gibt es hier, viele
Vögel, viele Rehe.
Wir müssen nach L´Isle-sur-le-Doubs,
wo eventuell heute Abend oder morgen
früh P. mit R. ankommt, ev. auch B.
Jetzt gilt es noch an beiden Rädern die
Felgenbremse hin zu kriegen, dann
können wir los.
Es ist viel zu kalt.
Wald bei L´Isle-sur-le-Doubs, 20:00
An der Felgenbremse habe ich eine
Schraube abgedreht, jetzt geht sie gar
nicht mehr.
Der von uns befahrene Weg hierher war
sehr, sehr hügelig; dagegen die
Autostraße an der Doubs entlang sicher
fast eben.
Radfahrerlos.
Wir sind durch unglaublich arm
aussehende Dörflein gekommen; zum
Teil waren zwei Drittel der Häuser um
1865 herum erbaut worden. Auch sieht
man hier, wie schon im Elsass, große,
ins Haus integrierte Hoftore. An der
Doubs angekommen, gab es noch mal
Ärger, ich vermutete eine Brücke, wo
dann keine war, Charly machten die
Berge zu schaffen und wahrscheinlich
auch das Wetter; er war heute über
längere Strecken sauer, versteinertes
Gesicht und kleine Augen, wie P. in
Bayern.
Der Campingplatz war natürlich
geschlossen.
Wir besorgten Nahrungsmittel, um
eventuell über Karfreitag hinweg fünf
Personen zu versorgen.
Dann betrat ich das Telefonhäuschen
und führte drei Telefonate.
Heubach: P. um 15 Uhr nach Stuttgart,
will dort übernachten.
Stuttgart: P. nicht da.
Strümpfelbach: C. mit tonloser Stimme,
vermutlich weinend.
Lange Pausen.
Kann nicht herkommen. Bronchitis nicht
Ursache. Über Ursache schweigt sie.
Sehr private Probleme? Obwohl es mich
nichts mehr angehen sollte, berührt es
mich doch sehr.
„Es tut mir leid, dass ich dich nicht
sehen kann.“
Dann war das Geld aus: Klack.
Ständige Rätsel.
Das hat keine Zukunft und keine
Gegenwart.
Eigentlich darf und soll es mich nicht so
berühren. Aber fünf Jahre sind in ein
paar Monaten nicht wegzuwischen.
Ich muss mich auf meine Reise
konzentrieren.
© strapp 2022