Da Charly Durst verspürte, gingen wir ein Bier trinken. Ich studierte mit eben gekauften Karten neue Routen; zwischen Mulhouse und Besançon, und auch etwas weiter unten, gibt es so gut wie keine Campingplätze. Eine größere Reisegruppe traf im Restaurant ein, und eine etwa fünfundzwanzigjährige Texanerin, die bisher vor einem halben oder dreiviertel Liter Wein alleine saß, wurde  infolgedessen vom Restaurantpersonal an unsren Tisch  verfrachtet. Die Unterhaltung klappte einigermaßen; im weiteren Verlauf des Abends landeten wir wieder in unserer  heutigen  Mittagsessenskneipe, deren dubioser Charakter erst jetzt sichtbar wurde (fingerndes junges Mädchen, „tschechischer Kellner“) und dann noch in einem anderen Restaurant („tarte flambée“); in letzterem allein betrug die Zeche für uns horrende FF 130. Die Texanerin Marsha (in Gestik und Mimik stark an Bubba erinnernd) war stellenweise recht beschwipst, wollte noch mit den Zug nach Straßbourg, und verschwand dann auch, als wir gingen, kurz vor Mitternacht, Richtung Bahnhof. Wir lagen kaum  in unseren Schlafsäcken, da tappte eine Gestalt um unser Zelt: Marsha teilte uns mit, dass kein Zug mehr fuhr. Dann fing es auch noch zu schneien an. Also rein mit dem Mädchen in unser Zelt; der Platz reichte sogar recht gut in meinem Zweimannzelt. Ich ratschte den Reißverschluss meines Schlafsackes auf bis zum Fußteil und machte ihn dadurch zu einer Zudecke. Am nächsten Morgen stellte sich dann heraus, dass dies überflüssig gewesen war, da sie sich voll in ihren Mantel eingewickelt und nicht gefroren hatte, was ich wegen meines geöffneten Schlafsacks nicht behaupten kann. Am frühen Morgen machte sie sich auf Richtung Bahnhof. Im Verlauf des Abends hatte ich mit dem Gedanken gespielt, da ich wähnte, sie würde hier im Ort im Hotel wohnen, da wäre ein warmes Bett für die heutige Nacht drin, obwohl ich sie keineswegs attraktiv fand. Ich schlafe nach längerer Durststrecke ungern einfach so neben einer Frau: Es macht doch ziemlich unruhig. Wie schon erwähnt ist auch heute morgen schlechtes Wetter, Schneeregen noch um die Mittagszeit; trotzdem wollte ich weg. Charly schlug vor, uns mit dem Zug weiter Richtung Süden zu verfrachten; allein das wollte ich nicht, es widerstrebte mir völlig. Das entsprach meiner Vorstellung von der Radreise. Da es immer noch sakrisch kalt war, fiel es mir dann doch einigermaßen leicht, noch einen dritten Tag hier zu bleiben. Morgen soll das Wetter etwas besser werden; das tut nötig, insbesondere muss der Wind nachlassen. Volgelsheim bei Neuf-Breisach, Montag 28.03.1983, 09:45 Tatsächlich schien am Sonntagmorgen die Sonne; allerdings war es saukalt, nicht viel über 0 °C. Ich hatte ziemliche Kopfschmerzen vom Vorabendrotwein, die sich noch verschärften, da ich mit nach dem Aufstehen mit frisch gewaschenen nassen Haaren im kaltem Märzwind umher lief. So dauerte es etwas länger, also konkret bis Mittag, bis wir wegkamen. Die Fahrt ging zügig vonstatten, wir machten ziemlich Kilometer, nur einmal unterbrochen von einer Kaffeepause in einer extra sauberen Bäckerei. Umständehalber bedingt hinterließen wir dort brockenweise Dreck von unseren Schuhen. Gegen vier Uhr nachmittags verschwand die Sonne, und mir wurde lausig kalt. Ich hatte Charly meinen Anorak gegeben, da er befürchtete, wieder eine Stirnhöhlenvereiterung zu erwischen. Der Gegenwind nahm zu. Mit dem Wind haben wir schier unglaubliches Pech: Als wir westwärts zogen, war Westwind; jetzt wo wir uns nach Süden gewendet haben, bläst uns eisiger Südwind entgegen. Abends hatten wir noch etwas Schwierigkeiten, den Campingplatz zu finden; er war im ADAC-Führer nicht richtig eingezeichnet. Charly ging noch auf zwei Biere in eine Pinte und traf dort eine Ex- Stripteuse aus dem “Tabula” in Schwäbisch Gmünd. Mir war so kalt, dass ich mich in den Schlafsack verzog. In der Nacht wachte ich für eine Stunde auf, und löschte meinen Durst mit dem letzten Bier. Heute morgen ist es ein klein wenig wärmer, die Wolkendecke ist aufgerissen. Wald bei Lariviére, Dienstag 29.03.1983, 19:30 Tatsächlich wurde es zunächst wärmer; dennoch hatten wir wieder diesen verdammten verfluchten Gegenwind, wirklich schier unglaubliches Pech damit in den letzten fünf bis sieben Tagen. Trotzdem schafften wir zunächst mal an die 20 km. Danach war mir aber sehr flau im Magen, und ein Plat du jour ward jetzt goldrichtig: Sehr gutes gegrilltes Schwein mit Bohnen incl. einem Viertel Wein, einer Vorspeise und einem Kaffee danach, das alles für unschlagbare 12 Märker. Danach machten wir munter noch 30 km, obwohl stärkerer Regen aufkam. Dazwischen gab es eine nette Episode in einem Krämerladen bei Wittelsheim: Wir tranken zwei Biere, füllten zwei Flaschen Wein in unsere Feldflaschen um, ein schwarzzopfiges Verkäufermädel lacht, und eine Elsässerin erklärt. Viel Glück dann in Heimsbrunn bei Mulhouse: Der Campingplatz hat offen. Zeltaufbau im Regen, dann Abmarsch Richtung Kneipe. Schachspiel und sieben Biere pro Mann inklusive einer heftigen Diskussion was das Verlieren bzw. das Führen von Schach- Endpielen anbelangt. Ungewöhnliche Sprachgegend: Der circa 25jährige Wirt und seine Kumpane sprechen dieses Elsäßisch-Schwyzerdütsch; seine Bedienung nur französisch, kann also ständig nicht dem Gespräch am Stammtisch folgen, oft muss jemand für sie übersetzen.
Die Radreise Die Radreise Die Radreise
© strapp 2022
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Da Charly Durst verspürte, gingen wir ein Bier trinken. Ich studierte mit eben gekauften Karten neue Routen; zwischen Mulhouse und Besançon, und auch etwas weiter unten, gibt es so gut wie keine Campingplätze. Eine größere Reisegruppe traf im Restaurant ein, und eine etwa fünfundzwanzigjährige Texanerin, die bisher vor einem halben oder dreiviertel Liter Wein alleine saß, wurde  infolgedessen vom Restaurantpersonal an unsren Tisch  verfrachtet. Die Unterhaltung klappte einigermaßen; im weiteren Verlauf des Abends landeten wir wieder in unserer  heutigen  Mittagsessenskneipe, deren dubioser Charakter erst jetzt sichtbar wurde (fingerndes junges Mädchen, „tschechischer Kellner“) und dann noch in einem anderen Restaurant („tarte flambée“); in letzterem allein betrug die Zeche für uns horrende FF 130. Die Texanerin Marsha (in Gestik und Mimik stark an Bubba erinnernd) war stellenweise recht beschwipst, wollte noch mit den Zug nach Straßbourg, und verschwand dann auch, als wir gingen, kurz vor Mitternacht, Richtung Bahnhof. Wir lagen kaum  in unseren Schlafsäcken, da tappte eine Gestalt um unser Zelt: Marsha teilte uns mit, dass kein Zug mehr fuhr. Dann fing es auch noch zu schneien an. Also rein mit dem Mädchen in unser Zelt; der Platz reichte sogar recht gut in meinem Zweimannzelt. Ich ratschte den Reißverschluss meines Schlafsackes auf bis zum Fußteil und machte ihn dadurch zu einer Zudecke. Am nächsten Morgen stellte sich dann heraus, dass dies überflüssig gewesen war, da sie sich voll in ihren Mantel eingewickelt und nicht gefroren hatte, was ich wegen meines geöffneten Schlafsacks nicht behaupten kann. Am frühen Morgen machte sie sich auf Richtung Bahnhof. Im Verlauf des Abends hatte ich mit dem Gedanken gespielt, da ich wähnte, sie würde hier im Ort im Hotel wohnen, da wäre ein warmes Bett für die heutige Nacht drin, obwohl ich sie keineswegs attraktiv fand. Ich schlafe nach längerer Durststrecke ungern einfach so neben einer Frau: Es macht doch ziemlich unruhig. Wie schon erwähnt ist auch heute morgen schlechtes Wetter, Schneeregen noch um die Mittagszeit; trotzdem wollte ich weg. Charly schlug vor, uns mit dem Zug weiter Richtung Süden zu verfrachten; allein das wollte ich nicht, es widerstrebte mir völlig. Das entsprach meiner Vorstellung von der Radreise. Da es immer noch sakrisch kalt war, fiel es mir dann doch einigermaßen leicht, noch einen dritten Tag hier zu bleiben. Morgen soll das Wetter etwas besser werden; das tut nötig, insbesondere muss der Wind nachlassen. Volgelsheim bei Neuf-Breisach, Montag 28.03.1983, 09:45 Tatsächlich schien am Sonntagmorgen die Sonne; allerdings war es saukalt, nicht viel über 0 °C. Ich hatte ziemliche Kopfschmerzen vom Vorabendrotwein, die sich noch verschärften, da ich mit nach dem Aufstehen mit frisch gewaschenen nassen Haaren im kaltem Märzwind umher lief. So dauerte es etwas länger, also konkret bis Mittag, bis wir wegkamen. Die Fahrt ging zügig vonstatten, wir machten ziemlich Kilometer, nur einmal unterbrochen von einer Kaffeepause in einer extra sauberen Bäckerei. Umständehalber bedingt hinterließen wir dort brockenweise Dreck von unseren Schuhen. Gegen vier Uhr nachmittags verschwand die Sonne, und mir wurde lausig kalt. Ich hatte Charly meinen Anorak gegeben, da er befürchtete, wieder eine Stirnhöhlenvereiterung zu erwischen. Der Gegenwind nahm zu. Mit dem Wind haben wir schier unglaubliches Pech: Als wir westwärts zogen, war Westwind; jetzt wo wir uns nach Süden gewendet haben, bläst uns eisiger Südwind entgegen. Abends hatten wir noch etwas Schwierigkeiten, den Campingplatz zu finden; er war im ADAC-Führer nicht richtig eingezeichnet. Charly ging noch auf zwei Biere in eine Pinte und traf dort eine Ex-Stripteuse aus dem “Tabula” in Schwäbisch Gmünd. Mir war so kalt, dass ich mich in den Schlafsack verzog. In der Nacht wachte ich für eine Stunde auf, und löschte meinen Durst mit dem letzten Bier. Heute morgen ist es ein klein wenig wärmer, die Wolkendecke ist aufgerissen. Wald bei Lariviére, Dienstag 29.03.1983, 19:30 Tatsächlich wurde es zunächst wärmer; dennoch hatten wir wieder diesen verdammten verfluchten Gegenwind, wirklich schier unglaubliches Pech damit in den letzten fünf bis sieben Tagen. Trotzdem schafften wir zunächst mal an die 20 km. Danach war mir aber sehr flau im Magen, und ein Plat du jour ward jetzt goldrichtig: Sehr gutes gegrilltes Schwein mit Bohnen incl. einem Viertel Wein, einer Vorspeise und einem Kaffee danach, das alles für unschlagbare 12 Märker. Danach machten wir munter noch 30 km, obwohl stärkerer Regen aufkam. Dazwischen gab es eine nette Episode in einem Krämerladen bei Wittelsheim: Wir tranken zwei Biere, füllten zwei Flaschen Wein in unsere Feldflaschen um, ein schwarzzopfiges Verkäufermädel lacht, und eine Elsässerin erklärt. Viel Glück dann in Heimsbrunn bei Mulhouse: Der Campingplatz hat offen. Zeltaufbau im Regen, dann Abmarsch Richtung Kneipe. Schachspiel und sieben Biere pro Mann inklusive einer heftigen Diskussion was das Verlieren bzw. das Führen von Schach-Endpielen anbelangt. Ungewöhnliche Sprachgegend: Der circa 25jährige Wirt und seine Kumpane sprechen dieses Elsäßisch- Schwyzerdütsch; seine Bedienung nur französisch, kann also ständig nicht dem Gespräch am Stammtisch folgen, oft muss jemand für sie übersetzen.
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© strapp 2022
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