CP in Bourg-en-Bresse, Montag,
11.04.1983, 10:30
Am Samstagabend war das Wetter richtig
freundlich gewesen. Ich hatte gute Lust,
mich etwas zu betrinken, aber ich hatte
nichts da. So setzte ich mich mit dem
Rücken an einen mächtigen Baumstamm
und spielte Gitarre.
Plötzlich stand ein Mann vor mir, versuchte
meine Nationalität heraus zu bekommen,
hatte in der einen Hand einen Teller mit
Essen, in der anderen ein Kelchglas mit
Weißwein: Für mich.
Er kam wenige Minuten später nochmal,
um mich an den Tisch seiner Familie
einzuladen. Er sagte: „It´s not good to be
alone.“
Es waren Engländer aus der Nähe von
Sussex, ein ein etwa fünfzehnjähriges
Mädchen und ein etwa siebzehnjähriger
Sohn waren auch dabei. Die Idee zur
Einladung hatte die Tochter gehabt; weil
ich immer solche „sad songs“ spielen
würde; da waren wohl welche von Cat
Stevens dabei gewesen. Wir unterhielten
uns über alles mögliche, meine Reise,
Arbeitslosigkeit im Allgemeinen; dabei
wurde mir noch gesagt, dass ich einen
„slight“ amerikanischen Akzent hätte, aber
tatsächlich war es wohl eher ein deutlicher
deutscher. Die Engländer waren für mich
zum Teil recht schwer zu verstehen
gewesen.
Danach im Zelt konnte ich nicht gleich
einschlafen, sicherlich auch eine Folge des
Irish Coffee zum Schluss der Mahlzeit.
Gegen 11:30 am nächsten Morgen verließ
ich den bislang sicherlich schönsten CP;
das Rad war in Ordnung, der hintere
Schlauch hatte noch am Vormittag seinen
dritten Flicken erhalten. Ich wollte nur ca.
35 km bis Uchizy fahren; der nächste
sicher offene CP lag erst in Bourg-en-
Bresse, fast oder sogar über 90 km
entfernt.
Die ersten acht Kilometer
waren für die Katz: Ich
musste zurück, weil die
Straße, die ich vor drei
Tagen gerade noch
durchfahren konnte, nun
endgültig stark überflutet
war, angeblich über einen
halben Meter. Die
Alternativstrecke war,
deshalb hatte ich sie auch
nicht gewählt, wesentlich
schlechter, da ich jetzt, um
der stark befahrenen
Autostraße zu entgehen, auf
einen Feldweg mit grobem
Bahnschotter angewiesen
war.
Am CP in Uchizy angekommen musste ich
sehen dass dieser (wie auch seine Zufahrt)
von der Saône vollständig überflutet war.
Das Wetter war zwar windig, aber
ansonsten recht gut, und so wagte ich es
noch, obschon es nach 15:00 Uhr war, die
fehlenden etwa 45 km bis Bourg-en-
Bresse anzugehen. Der nächste CP in
Pont-de-Vaux, auch an der Saône, war
ebenfalls überflutet.
Es ging gut voran, wenn auch stressig, da
ich längere Zeit die stark befahrene Route
Nacional 6 benutzen musste; aber es ging.
Ohne 5 x 0,33 l Kronenbourg wäre es
allerdings erheblich schwerer gefallen, da
es auch sehr warm geworden war.
Auf den letzten 15 km war ich wieder am
verzweifeln: Ständig leicht bergauf und der
gottverdammte Gegenwind!
Um 19:30 war ich in Bourge: ca. 90 km
Tagesetappe, vielleicht auch ein paar
Kilometer mehr.
Bahnhofshotel in Bourg-en-Bresse,
derselbe Tag, 15:30
Der CP hier ist wahrlich nicht schön: Mehr
eine Art Parkplatz, dazu laut. So beschloss
ich, obwohl ich ursprünglich einen Tag hier
bleiben wollte, abzureisen.
Schon beim Abbauen des Zeltes war ich
sehr nervös, nichts klappte auf Anhieb. In
der Dusche brach ein Bügel der Brille ab,
und mit der Ersatzbrille sehe ich um
einiges schlechter. Beim Verlassen des
Campingplatzes fing es an zu regnen. Als
ich das Gepäck besser zurecht rücken
wollte, riss ein Halteband am Schlafsack
ab. Der Supermarkt, dessen Beschilderung
ich 800m folgte, hatte Montags bis 15:30
zu. Es regnete immer stärker. Meine Wut
und mein Ärger wuchsen parallel zu
meinem Hunger. Ich entschied mich dafür,
mir ein Essen zu leisten. Bei strömendem
Regen durchquerte ich die Stadt. Als wir im
Elsass nach Bars suchten, fanden wir nur
Restaurants; jetzt war es umgekehrt. Als
ich endlich ein Restaurant fand, tropfnass
drinnen stand, wurde mir unfreundlich, mit
Blick auf meine Lenkertasche, beschieden,
dass man „complete“ sei.
Ich hasste diese Stadt.
In der Bahnhofsgaststätte fand ich dann
ein „repas“, das einigermaßen ging und
nicht allzu teuer war.
Ich unterdrücke nochmal den Wunsch,
Fahrrad und Gepäck sowie mich selbst in
einen Zug zu verfrachten, und versuche
den „Intermarché“ wieder zu finden, um
einzukaufen.
© strapp 2016
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