L´Eperviere bei Gigny sur-Saône, derselbe Tag, 19:30 Ich wartete heute morgen im Zelt bis 12:30 ab, aber es hörte nicht auf zu regnen. Um das Zelt bildeten sich immer größere Pfützen. Ich wusch mich im Regen, ich putzte mir die Zähne im Regen. Im strömenden Regen baute ich das Zelt ab; alles klitschnass, der Zeltsack wog mehr als das Doppelte wie sonst. Ich wollte nach Gigny; dort war der einzig sicher geöffnete CP auf 100 km Richtung Süden. Der Regen war indes so stark, dass ich nach 10 km meinen Plan änderte und in Richtung St. Germain-du-Bois fuhr. Dort war ein CP eingezeichnet, und es waren nur noch 10 km dorthin, anstatt wie nach Gigny, noch 40 km. Der CP in  St. Germain-du-Bois war dann geschlossen. Ich musste also doch noch nach Gigny, oder, so ich es nicht schaffen würde, in eine Auberge. Zeitweise ließ der Regen etwas nach, dann wurde allerdings der Gegenwind  stärker. Ich kann nicht so recht entscheiden, was von den beiden Dingen angenehmer ist. Auf den letzten 10 km wurde mir die Entscheidung abgenommen. Ich bekam beides. Kurz vor Gigny war die Straße auf sechzig Meter Länge vollständig überschwemmt. Dies hätte einen Umweg von 7 km bedeutet, und meine Kräfte näherten sich der Nullmarke. Zum Glück kam dann ein Auto entgegen, und ich konnte dadurch die Wassertiefe abschätzen: Nirgendwo tiefer als vielleicht 30 cm. Es ging ganz gut durch. Bangen vor der Einfahrt in den CP: Offen? Ja. Sämtliche Kleidungsstücke sind feucht. Ich sitze barfüßig und in der Unterhose herum, aber ich glaube, es ist etwas wärmer geworden. Wenn die Sachen in den nächsten zwei Tagen nicht trocknen, fahre ich heim. Oder mir einmal eine Auberge leisten? Es erscheint mir manchmal sinnlos, allein mit solchen Mimimalstsprachkenntnissen weiter zu reisen. Kontakte regerer Art beschränken sich auf Englischsprechende, und die sind hier und zur Zeit wahrlich dünn gesät. In Isolation wie ein Schatten durch das Land zu ziehen, macht wenig Spaß und Sinn. L´Eperviere bei Gigny sur-Saône, Samstag, 09.04.1983, 09:30 Am gestrigen Tag hat es verhältnismäßig wenig geregnet. Außer einmal zum Einkaufen habe ich mich nicht von hier fortbewegt, der Tag diente den Pflege- und Wartungsarbeiten. Das Innenzelt ist fast trocken, nur der Boden zeigt noch einige dunkle Stellen. Leider war auch in die Lenkstangentasche Wasser eingedrungen: Bücher, Karten und Hefte sind teilweise noch feucht. Der Reisepass am Boden der Lenkertasche dagegen: klatschnass. Die Innenoptik des Fernglases ist mit Wasserdampf beschlagen. Im strömenden Regen kann man mit dieser Ausrüstung nicht fahren. Auch das Rad hatte ich mir vorgenommen: Den gröbsten Dreck entfernt an Kette und Schaltzug, bewegliche Teile eingeölt, Schaltung eingestellt. Die Tretachse war erheblich gelockert, und das nach nicht nicht mal 1000 km, wohl ein Folge der erheblichen Beanspruchung, die durch das enorme Gewicht des Rads bedingt ist. Vom „Patron“ des CP hatte ich mir einen „Engländer“ besorgt und das Tretlager einigermaßen anziehen können. Der CP-Inhaber ist übrigens bemerkenswert: Nett, spricht einige Brocken Englisch, Pudelmütze auf, ständig am Werkeln. Der CP liegt in Au-Niederungen der Saône; es ist eine parkähnliche Anlage mit einem alten Schloss, das recht heruntergekommen ist, und an dem herumrenoviert wird. Die sanitären Anlagen im Schloss sind allerdings recht gut. Diese alte Au-Niederung hat ein lebhaftes Nachtleben: Zahllose Enten sind zu hören (die auch tagsüber durchwatscheln bzw. durchfliegen), viele Käuzchen, und noch mindestens zwei andere Nachtvögel, die mir unbekannt sind und die auch weit nach Mitternacht laute und ziemlich unmelodische Strophen von sich geben. Die Rabenkrähen, die ja bekanntlich zu den Singvögeln zählen, haben hier ebenfalls einen erstaunlichen Stimmumfang. Meine Wäsche habe ich gestern auch gewaschen; man kann hier eine Maschine mieten, und die ist randvoll geworden. Diese Wäsche ist jetzt mein Hauptproblem. Sie hängt bereits den ganzen Abend und die ganze Nacht draußen, aber es nieselt ununterbrochen, auch jetzt. Was tun? Noch einen Tag hier bleiben, und auf bessres Wetter hoffen? Oder die halb feuchte Wäsche mitnehmen? 15:30 Ich bleib hier, ich will die nasse Wäsche nicht mitnehmen. Jetzt komme ich drauf: Der „Patron“ ähnelt in Gesicht, Körperform, Sprechart und vor allem Gang: Louis de Funès. Gerade ist zum ersten mal seit Dienstag morgen die Sonne zu sehen.
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Siegfried Trapp
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L´Eperviere bei Gigny sur-Saône, derselbe Tag, 19:30 Ich wartete heute morgen im Zelt bis 12:30 ab, aber es hörte nicht auf zu regnen. Um das Zelt bildeten sich immer größere Pfützen. Ich wusch mich im Regen, ich putzte mir die Zähne im Regen. Im strömenden Regen baute ich das Zelt ab; alles klitschnass, der Zeltsack wog mehr als das Doppelte wie sonst. Ich wollte nach Gigny; dort war der einzig sicher geöffnete CP auf 100 km Richtung Süden. Der Regen war indes so stark, dass ich nach 10 km meinen Plan änderte und in Richtung St. Germain-du-Bois fuhr. Dort war ein CP eingezeichnet, und es waren nur noch 10 km dorthin, anstatt wie nach Gigny, noch 40 km. Der CP in  St. Germain-du-Bois war dann geschlossen. Ich musste also doch noch nach Gigny, oder, so ich es nicht schaffen würde, in eine Auberge. Zeitweise ließ der Regen etwas nach, dann wurde allerdings der Gegenwind  stärker. Ich kann nicht so recht entscheiden, was von den beiden Dingen angenehmer ist. Auf den letzten 10 km wurde mir die Entscheidung abgenommen. Ich bekam beides. Kurz vor Gigny war die Straße auf sechzig Meter Länge vollständig überschwemmt. Dies hätte einen Umweg von 7 km bedeutet, und meine Kräfte näherten sich der Nullmarke. Zum Glück kam dann ein Auto entgegen, und ich konnte dadurch die Wassertiefe abschätzen: Nirgendwo tiefer als vielleicht 30 cm. Es ging ganz gut durch. Bangen vor der Einfahrt in den CP: Offen? Ja. Sämtliche Kleidungsstücke sind feucht. Ich sitze barfüßig und in der Unterhose herum, aber ich glaube, es ist etwas wärmer geworden. Wenn die Sachen in den nächsten zwei Tagen nicht trocknen, fahre ich heim. Oder mir einmal eine Auberge leisten? Es erscheint mir manchmal sinnlos, allein mit solchen Mimimalstsprachkenntnissen weiter zu reisen. Kontakte regerer Art beschränken sich auf Englischsprechende, und die sind hier und zur Zeit wahrlich dünn gesät. In Isolation wie ein Schatten durch das Land zu ziehen, macht wenig Spaß und Sinn. L´Eperviere bei Gigny sur-Saône, Samstag, 09.04.1983, 09:30 Am gestrigen Tag hat es verhältnismäßig wenig geregnet. Außer einmal zum Einkaufen habe ich mich nicht von hier fortbewegt, der Tag diente den Pflege- und Wartungsarbeiten. Das Innenzelt ist fast trocken, nur der Boden zeigt noch einige dunkle Stellen. Leider war auch in die Lenkstangentasche Wasser eingedrungen: Bücher, Karten und Hefte sind teilweise noch feucht. Der Reisepass am Boden der Lenkertasche dagegen: klatschnass. Die Innenoptik des Fernglases ist mit Wasserdampf beschlagen. Im strömenden Regen kann man mit dieser Ausrüstung nicht fahren. Auch das Rad hatte ich mir vorgenommen: Den gröbsten Dreck entfernt an Kette und Schaltzug, bewegliche Teile eingeölt, Schaltung eingestellt. Die Tretachse war erheblich gelockert, und das nach nicht nicht mal 1000 km, wohl ein Folge der erheblichen Beanspruchung, die durch das enorme Gewicht des Rads bedingt ist. Vom „Patron“ des CP hatte ich mir einen „Engländer“ besorgt und das Tretlager einigermaßen anziehen können. Der CP-Inhaber ist übrigens bemerkenswert: Nett, spricht einige Brocken Englisch, Pudelmütze auf, ständig am Werkeln. Der CP liegt in Au-Niederungen der Saône; es ist eine parkähnliche Anlage mit einem alten Schloss, das recht heruntergekommen ist, und an dem herumrenoviert wird. Die sanitären Anlagen im Schloss sind allerdings recht gut. Diese alte Au-Niederung hat ein lebhaftes Nachtleben: Zahllose Enten sind zu hören (die auch tagsüber durchwatscheln bzw. durchfliegen), viele Käuzchen, und noch mindestens zwei andere Nachtvögel, die mir unbekannt sind und die auch weit nach Mitternacht laute und ziemlich unmelodische Strophen von sich geben. Die Rabenkrähen, die ja bekanntlich zu den Singvögeln zählen, haben hier ebenfalls einen erstaunlichen Stimmumfang. Meine Wäsche habe ich gestern auch gewaschen; man kann hier eine Maschine mieten, und die ist randvoll geworden. Diese Wäsche ist jetzt mein Hauptproblem. Sie hängt bereits den ganzen Abend und die ganze Nacht draußen, aber es nieselt ununterbrochen, auch jetzt. Was tun? Noch einen Tag hier bleiben, und auf bessres Wetter hoffen? Oder die halb feuchte Wäsche mitnehmen? 15:30 Ich bleib hier, ich will die nasse Wäsche nicht mitnehmen. Jetzt komme ich drauf: Der „Patron“ ähnelt in Gesicht, Körperform, Sprechart und vor allem Gang: Louis de Funès. Gerade ist zum ersten mal seit Dienstag morgen die Sonne zu sehen.
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