Diario de un motociclista/6
Refugio de los Volcanes, Freitag, 19. Mai 2006, Tag 21
Der Bericht brach ab in Santa Cruz, Tag 18
Am Mittwoch konnte ich in Santa Cruz in einem Gartenrestaurant das
Endspiel der Champions League samt Jens Lehmanns Aussetzer verfolgen.
Am Donnerstag dann die Fahrt aus Santa Cruz hinaus zum „Refugio de los Volcanes“; ab
der Schranke in Angostura, nach vielleicht 70 oder 80 km, eine völlige
Änderung: Praktisch kaum noch Verkehr, vom Flachland geht es kurvig in die
Berge hinein in einer sehr schönen waldreichen Umgebung, eine Freude für
den Motorradfahrer. Ein Kilometer vor dem Ort Bermejo muss man rechts
abbiegen (der Hinweis auf das „Refugio de los Volcanes“ ist kaum zu sehen!),
auf schlechter Fahrbahn 5 km die Berge hoch. An einem grünen Gatter stürzt
sich der Weg dann in sehr engen und sehr steilen Kurven in ein von Felsbergen
umschlossenes etwa 400 m tiefer gelegenes Tal hinab. Nach weiteren 3 oder 4 km war
aber
Schluss: Die schweren Regenfälle des vergangenen Dezembers
hatten dem Weg stark zugesetzt, an mehreren Stellen vorher
waren erst Tage zuvor Erdrutsche von Hand beseitigt bzw. der
Weg neu in den Abhang gegraben worden, und an einer
weggeschwemmten Brücke war entgültig kein Weiterfahren mehr möglich;
etwa 1-2 km vor dem Refugio. Das Motorrad konnte ich an einem
gemauerten Häuschen abstellen, und ein Pferd brachte dann das Gepäck
zum Refugio.
Das „Refugio de los Volcanes“ liegt traumhaft schön auf einer großen
ebenen Lichtung, umgeben von einem Dutzend wenige Hundert Meter
hohen Berge, mit Regenwald, der sich an ihrem Fuß hochzieht, Berge, die
teils Kegel, teils Kuppeln aus Sandstein sind, mit hohen roten Wänden. Die
majestätischen Kegel umrunden fast das ganze Refugio; die Lichtung, auf
der es sich befindet, mag vielleicht 500 m Durchmesser haben. Dieses Refugio entpuppte
sich als solide Konstruktionen von zwei Gebäuden, die etwa 150 m voneinander getrennt
liegen; ein Übernachtungshaus mit 6 Zweibettzimmern, und ein Ess- und
Aufenthaltshaus. Die Einrichtungen sind vorbildlich und modern, mit
Warmwasser aus Gasdurchlauferhitzern und Strom von
einer wasserkraftgetriebenen Turbine im nahen idyllischen
rotgefärbten Bach, der stromabwärts sehr schöne
Wasserfälle mit Badeteichen besitzt. Erbaut wurde das
Refugio im Jahr 1996, von, ich hatte es schon vermutet, einem Deutschen.
In der Umgebung (der Eigentümer hat dort etwa 270 ha, man darf gar
nicht sagen, für wie wenig Geld gekauft) sind gute Wege angelegt, die kilometerlange
Wanderungen durch den Regenwald erlauben, ein kundiger
Führer aus dem Ort Bermejo steht zur Verfügung. Die
Vollverpflegung ist hervorragend; die Preise liegen bei 25 $ unter
der Woche und 50 $ an den Wochenenden für die Übernachtung.
Wer weiter in den Wald will, kann zu Fuß in den Amboró-
Nationalpark eindringen, dessen Grenze etwa 1,5 Wegstunden entfernt liegt. Aber auch in
der näheren Umgebung sind Tiere beobachtbar; Vögel in erster Linie, Klammeraffen, und
Jochis hatte ich gesehen.
Paradiesisch also.
Dann entdeckte ich, dass ich eine Tasche mit Wertsachen im Hotel „Libertador“ in Santa
Cruz liegengelassen hatte. Um das Hotel anzurufen, fuhr ich mit dem Moto hoch in die
Berge, bekam aber kein Signal für mein Mobiltelefon. Nach Bermejo, wo sich ein
Festnetztelefon befindet: Der Besitzer hatte gerade keine Telefonkarte dafür. Wieder in
die Berge, weil nach Auskunft im Dorf es dort jemanden in einer Hütte geben sollte, der
ein Celular mit Entelnet-Netz (meins hat Viva-Netz) hätte: Niemand da.
Nichts ging.
Dann kam Donnerstagnacht der Regen. Starke Winde bei der Fahrt von Santa Cruz zum
Refugio hatten ihn schon angekündigt. Der Regen fiel auch am Freitag, den 19.5 praktisch
den ganzen Tag. An eine Fahrt mit dem Motorrad aus dem nassen Kessel heraus wollte
ich nicht denken. Der Weg ist das weitaus schwierigste, weil engste und steilste, was ich
bislang gefahren bin. Der jetzige Betreiber des Refugios, ebenfalls ein Deutscher (und
lupenreiner Schwabe) rät Besuchern davon ab, den Weg mit eigenem Fahrzeug zu
befahren, weil sich schon einige Unfälle ereignet haben. Er bietet an, Gäste in Bermejo
oder dem Beginn der Abfahrt abzuholen. Reiseagenturen fahren Besucher bis zu dem
grünen Gatter; der Weg ist bei Trockenheit sehr schwer, bei Nässe nicht passierbar.
Um der Langeweile zu entgehen, machten wir in einer Regenpause eine
Wanderung von etwa zwei Stunden auf einen der Berge. Die Regenpause
dauerte allerdings nur die ersten zehn Minuten; eine Schlammrutschbahn
erwartete uns auf dem Rückweg. Völlig durchnässt und verdreckt kamen
wir zurück.
Refugio de los Volcanes, Samstag, 20.5.2006, Tag 22
Um 11:30 nieselt es immer noch. Das einzige Fahrzeug im Tal, ein Toyota Landcruiser,
versucht momentan hoch zu kommen, da bei weiterem Regen mit Erdrutschen zu rechnen
ist. Das kann bedeuten, dass das Fahrzeug (und eventuell auch mein Motorrad) 15 Tage
hier unten feststecken.
Es ist kalt. Außer der Fleece-Jacke umhülle ich mich noch mit zwei Wolldecken.
Zwei Stunden später: Der Toyota hat es nicht geschafft und steckt nach etwa 1 km in einer
der Steilkurven fest.
Höhepunkt des restlichen Tages sind Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiele,
welche aber nur zwei junge Mädchen aus Santa Cruz, die Freundinnen
der deutlich älteren Refugio-Betreiber, die dieses Spiel noch nicht
kannten, ganz entzücken.
Refugio de los Volcanes, Sonntag, 21.5.2006, Tag 23
In der Nacht hat es nicht geregnet, aber der Himmel ist immer noch grau; es dürfte etwa
10 Grad Celsius haben. Ich denke, ich lasse mein Gepäck mit dem Pferd hochschaffen und
versuche, mit dem Motorrad hoch zu fahren. Das Motorrad wiegt schätzungsweise 140 kg
mit Betankung und ohne Gepäck, die Kupplung greift bisweilen ruckhaft, und die
Sitzbank ist so hoch, dass ich an einem leichten Schräghang auf der Talseite nicht mit dem
Fuß auf den Boden komme.
Hoffentlich kriege ich das Ding hoch, also ich meine mein Motorrad.
Refugio de los
Volcanes
Diario de un motociclista/6
Refugio de los Volcanes, Freitag, 19.
Mai 2006, Tag 21
Der Bericht brach ab in
Santa Cruz, Tag 18
Am Mittwoch konnte ich in
Santa Cruz in einem
Gartenrestaurant das Endspiel der
Champions League samt Jens Lehmanns
Aussetzer verfolgen.
Am Donnerstag dann die Fahrt aus Santa
Cruz hinaus zum „Refugio de los
Volcanes“; ab der Schranke in Angostura,
nach vielleicht 70 oder 80 km, eine völlige
Änderung: Praktisch kaum noch Verkehr,
vom Flachland geht es kurvig in
die Berge hinein in einer sehr
schönen waldreichen
Umgebung, eine Freude für den
Motorradfahrer. Ein Kilometer
vor dem Ort Bermejo muss
man rechts abbiegen (der
Hinweis auf das „Refugio de los Volcanes“
ist kaum zu sehen!), auf schlechter
Fahrbahn 5 km die Berge hoch. An einem
grünen Gatter stürzt sich der Weg dann in
sehr engen und sehr steilen Kurven in ein
von
Felsbergen
umschlossenes
etwa 400 m tiefer
gelegenes Tal hinab. Nach
weiteren 3 oder 4 km war
aber Schluss: Die schweren Regenfälle des
vergangenen Dezembers hatten dem Weg
stark zugesetzt, an mehreren Stellen vorher
waren erst Tage zuvor Erdrutsche von
Hand beseitigt bzw. der Weg neu in den
Abhang gegraben worden, und an einer
weggeschwemmten Brücke war entgültig
kein Weiterfahren mehr möglich; etwa 1-2
km vor dem Refugio. Das Motorrad konnte
ich an einem gemauerten Häuschen
abstellen, und ein Pferd brachte dann das
Gepäck zum Refugio.
Das „Refugio de los Volcanes“ liegt
traumhaft schön auf einer
großen ebenen Lichtung,
umgeben von einem
Dutzend wenige Hundert
Meter hohen Berge, mit
Regenwald, der sich an
ihrem Fuß hochzieht, Berge, die teils Kegel,
teils Kuppeln aus Sandstein sind, mit
hohen roten Wänden. Die majestätischen
Kegel umrunden fast das ganze Refugio;
die Lichtung, auf der es sich befindet, mag
vielleicht 500 m Durchmesser haben.
Dieses Refugio entpuppte sich als solide
Konstruktionen von zwei Gebäuden, die
etwa 150 m voneinander getrennt liegen;
ein Übernachtungshaus mit 6
Zweibettzimmern, und ein Ess- und
Aufenthaltshaus. Die Einrichtungen sind
vorbildlich und modern, mit Warmwasser
aus Gasdurchlauferhitzern und Strom von
einer wasserkraftgetriebenen Turbine im
nahen
idyllischen
rotgefärbten
Bach, der
stromabwärts
sehr schöne Wasserfälle mit Badeteichen
besitzt. Erbaut wurde das Refugio im Jahr
1996, von, ich hatte es schon vermutet,
einem Deutschen. In der Umgebung (der
Eigentümer hat dort etwa 270 ha, man darf
gar nicht sagen, für wie wenig Geld
gekauft) sind
gute Wege
angelegt, die
kilometerlange
Wanderungen
durch den
Regenwald erlauben, ein kundiger Führer
aus dem Ort Bermejo steht zur Verfügung.
Die Vollverpflegung ist hervorragend; die
Preise liegen bei 25 $ unter der Woche und
50 $ an den Wochenenden für die
Übernachtung. Wer weiter in den Wald
will, kann zu Fuß in den Amboró-
Nationalpark eindringen, dessen Grenze
etwa 1,5 Wegstunden entfernt liegt. Aber
auch in der näheren Umgebung sind Tiere
beobachtbar; Vögel in erster Linie,
Klammeraffen, und Jochis hatte ich
gesehen.
Paradiesisch also.
Dann entdeckte ich, dass ich eine Tasche
mit Wertsachen im Hotel „Libertador“ in
Santa Cruz liegengelassen hatte. Um das
Hotel anzurufen, fuhr ich mit dem Moto
hoch in die Berge, bekam aber kein Signal
für mein Mobiltelefon. Nach Bermejo, wo
sich ein Festnetztelefon befindet: Der
Besitzer hatte gerade keine Telefonkarte
dafür. Wieder in die Berge, weil nach
Auskunft im Dorf es dort jemanden in
einer Hütte geben sollte, der ein Celular
mit Entelnet-Netz (meins hat Viva-Netz)
hätte: Niemand da.
Nichts ging.
Dann kam Donnerstagnacht der Regen.
Starke Winde bei der Fahrt von Santa Cruz
zum Refugio hatten ihn schon
angekündigt. Der Regen fiel auch am
Freitag, den 19.5 praktisch den ganzen Tag.
An eine Fahrt mit dem Motorrad aus dem
nassen Kessel heraus wollte ich nicht
denken. Der Weg ist das weitaus
schwierigste, weil engste und steilste, was
ich bislang gefahren bin. Der jetzige
Betreiber des Refugios, ebenfalls ein
Deutscher (und lupenreiner Schwabe) rät
Besuchern davon ab, den Weg mit eigenem
Fahrzeug zu befahren, weil sich schon
einige Unfälle ereignet haben. Er bietet an,
Gäste in Bermejo oder dem Beginn der
Abfahrt abzuholen. Reiseagenturen fahren
Besucher bis zu dem grünen Gatter; der
Weg ist bei Trockenheit sehr schwer, bei
Nässe nicht passierbar.
Um der Langeweile zu entgehen, machten
wir in einer Regenpause eine Wanderung
von etwa zwei Stunden auf einen der Berge.
Die Regenpause dauerte
allerdings nur die ersten
zehn Minuten; eine
Schlamm-rutschbahn
erwartete uns auf dem
Rückweg. Völlig durchnässt und verdreckt
kamen wir zurück.
Refugio de los Volcanes, Samstag,
20.5.2006, Tag 22
Um 11:30 nieselt es immer noch. Das
einzige Fahrzeug im Tal, ein Toyota
Landcruiser, versucht momentan hoch zu
kommen, da bei weiterem Regen mit
Erdrutschen zu rechnen ist. Das kann
bedeuten, dass das Fahrzeug (und
eventuell auch mein Motorrad) 15 Tage
hier unten feststecken.
Es ist kalt. Außer der Fleece-Jacke umhülle
ich mich noch mit zwei Wolldecken.
Zwei Stunden später: Der Toyota hat es
nicht geschafft und steckt nach etwa 1 km
in einer der Steilkurven fest.
Höhepunkt des restlichen Tages sind
Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiele, welche
aber nur zwei junge Mädchen aus Santa
Cruz, die Freundinnen der deutlich älteren
Refugio-Betreiber, die dieses Spiel noch
nicht kannten, ganz
entzücken.
Refugio de los Volcanes,
Sonntag, 21.5.2006, Tag
23
In der Nacht hat es nicht geregnet, aber der
Himmel ist immer noch grau; es dürfte
etwa 10 Grad Celsius haben. Ich denke, ich
lasse mein Gepäck mit dem Pferd
hochschaffen und versuche, mit dem
Motorrad hoch zu fahren. Das Motorrad
wiegt schätzungsweise 140 kg mit
Betankung und ohne Gepäck, die Kupplung
greift bisweilen ruckhaft, und die Sitzbank
ist so hoch, dass ich an einem leichten
Schräghang auf der Talseite nicht mit dem
Fuß auf den Boden komme.
Hoffentlich kriege ich das Ding hoch, also
ich meine, das Motorrad.
Refugio de los
Volcanes