Diario de un motociclista/10
Potosí, 28.5.2006, km 2840, Tag 30
Der Bericht brach ab in Sucre.
Nach drei Tagen Sucre zerrte schon wieder der Wandertrieb in mir; vielleicht bin ich
doch mehr Jäger und Sammler als Ackerbauer und Viehzüchter.
Außerhalb von Sucre, mit dem Gefühl des frisch
reparierten und symmetrischer vibrierenden Motors
traue ich mich endlich wieder, den Gasgriff ordentlich
aufzudrehen und mit 110 Sachen den Berg hoch zu
brettern. Das erreichte Altiplano scheint aber dann über
4300m hoch zu liegen, denn wie schon an der Cumbre
zwischen La Paz und den Yungas neigt die Karre plötzlich zu ruckhaften
Zündaussetzern, wenn 80 Stundenkilometer überschritten werden.
Offensichtlich geht ihr in diesen Höhen bei höherer Belastung die Luft aus.
Vielleicht hilft’s, wenn ich ihr morgen den Luftfilter reinige.
Wenig später dann wieder Ölspritzer vom Motor auf meinen Stiefeln: Zu früh gefreut.
In Potosí angekommen, biege ich in die erste Tankstelle ein, will um die Zapfsäule
herumfahren und liege plötzlich samt Motorrad auf der Nase, mit beiden Rädern einfach
weggerutscht. Ich war völlig verblüfft; was war das? Eine 30 qm große Öllache? Ich fasste
es mit den Handschuhen an, es war glitschig, aber kein Öl. Haben die hier mit
Schmierseife gereinigt? Ich wollte gerade die beiden Tankwarte, die mir erschrocken das
Motorrad aufgerichtet hatten, übel beschimpfen, dann sah ich es: Es war blankes Eis auf
der Tankstelle. Es war ein Uhr nachmittags, relativ warm und greller Sonnenschein.
Ich musste lachen.
Beim Sturz hatte ich mir allerdings etwas gebrochen, und zwar am Mittelfinger der
rechten Hand, den Fingernagel.
Was die Herbergen und Restaurants betrifft, muss sich Potosí in den vergangenen Jahren
schwer verbessert haben, oder, wahrscheinlicher, hatte ich mich bei früheren Besuchen
diesbezüglich ziemlich vergriffen (oder mich damals mit meiner Ex-Frau nicht einigen
können): Das „Hostal Colonial“ liegt nicht nur fast direkt an der Plaza, sondern ist auch in
einem schönen kolonialen Gebäude mit Innenhöfen, hat sogar Warmwasser, das nicht
aus einem der schwachsinnigen Elektro-Durchlauferhitzer mit 5400 Watt im Duschkopf
stammt, und, das Allerschönste: Eine Zentralheizung! Auch das Restaurant „El Mesón“
an der Plaza 10 de Noviembre, gleich um die Ecke, widerlegt alle Vorurteile, die ich
bislang über Potosí gepflegt hatte.
Es ist Sonntag, Potosí verschlafen, aber nicht kalt am Nachmittag, ideales Wetter um die
Fotos 671 bis 688 zu knipsen.
Am Abend herrscht eine wohltuende Ruhe, rauscht sanft die Zentralheizung , was sich
sicher mancher La Paz-Bewohner wünschte, und, eingedenk der Eisplatte auf der
Tankstelle, verzichte ich auf einen Abstecher ins nächtliche Potosí und lese in der letzten
meiner sieben mit auf die Reise genommenen SPIEGEL-Ausgaben.
Diario de un
motociclista/10
Potosí, 28.5.2006, km 2840, Tag 30
Der Bericht brach ab in Sucre.
Nach drei Tagen Sucre zerrte schon wieder
der Wandertrieb in mir; vielleicht bin ich
doch mehr Jäger und Sammler als
Ackerbauer und Viehzüchter.
Außerhalb von Sucre, mit dem Gefühl des
frisch reparierten und
symmetrischer vibrierenden
Motors traue ich mich
endlich wieder, den Gasgriff
ordentlich aufzudrehen und
mit 110 Sachen den Berg hoch
zu brettern. Das erreichte
Altiplano scheint aber dann
über 4300m hoch zu liegen,
denn wie schon an der Cumbre
zwischen La Paz und den
Yungas neigt die Karre
plötzlich zu ruckhaften Zündaussetzern,
wenn 80 Stundenkilometer überschritten
werden. Offensichtlich geht ihr in diesen
Höhen bei höherer Belastung die Luft aus.
Vielleicht hilft’s, wenn ich ihr morgen den
Luftfilter reinige.
Wenig später dann wieder Ölspritzer vom
Motor auf meinen Stiefeln: Zu früh
gefreut.
In Potosí angekommen, biege ich in die
erste Tankstelle ein, will um die Zapfsäule
herumfahren und liege plötzlich samt
Motorrad auf der Nase, mit beiden Rädern
einfach weggerutscht. Ich war völlig
verblüfft; was war das? Eine 30 qm große
Öllache? Ich fasste es mit den
Handschuhen an, es war glitschig, aber
kein Öl. Haben die hier mit Schmierseife
gereinigt? Ich wollte gerade die beiden
Tankwarte, die mir erschrocken das
Motorrad aufgerichtet hatten, übel
beschimpfen, dann sah ich es: Es war
blankes Eis auf der Tankstelle. Es war ein
Uhr nachmittags, relativ warm und greller
Sonnenschein.
Ich musste lachen.
Beim Sturz hatte ich mir allerdings etwas
gebrochen, und zwar am Mittelfinger der
rechten Hand, den Fingernagel.
Was die Herbergen und Restaurants
betrifft, muss sich Potosí in den
vergangenen Jahren schwer verbessert
haben, oder, wahrscheinlicher, hatte ich
mich bei früheren Besuchen diesbezüglich
ziemlich vergriffen (oder mich damals mit
meiner Ex-Frau nicht einigen können):
Das „Hostal Colonial“ liegt nicht nur fast
direkt an der Plaza, sondern ist auch in
einem schönen kolonialen Gebäude mit
Innenhöfen, hat sogar Warmwasser, das
nicht aus einem der schwachsinnigen
Elektro-Durchlauferhitzer mit 5400 Watt
im Duschkopf stammt, und, das
Allerschönste: Eine Zentralheizung! Auch
das Restaurant „El Mesón“ an der Plaza 10
de Noviembre, gleich um die
Ecke, widerlegt alle
Vorurteile, die ich
bislang über
Potosí gepflegt
hatte.
Es ist Sonntag, Potosí verschlafen, aber
nicht kalt am Nachmittag, ideales Wetter
um die Fotos 671 bis 688 zu knipsen.
Am Abend herrscht eine wohltuende Ruhe,
rauscht sanft die Zentralheizung , was sich
sicher mancher La Paz-Bewohner
wünschte, und, eingedenk der Eisplatte auf
der Tankstelle, verzichte ich auf einen
Abstecher ins nächtliche Potosí und lese in
der letzten meiner sieben mit auf die Reise
genommenen SPIEGEL-
Ausgaben.