Obamas Strafmilderung ist nur eine Geste des
Anstands
Die Whistleblowerin Chelsea Manning deckte Kriegsverbrechen auf. Ihr wurde
der Prozess gemacht - den Kriegsverbrechern nicht. Das Recht schützt noch
immer die dunklen Geheimnisse der Mächtigen.
Kommentar von Hans Leyendecker
Das Urteil gegen Chelsea Manning war ein Skandal, ein Fall von politischer Willkür.
Fast sieben lange Jahre hat die Whistleblowerin unter zum Teil
menschenunwürdigen Umständen in Haft verbracht. Dass Präsident Barack Obama
jetzt ihrem Antrag auf Strafmilderung stattgab und ihr rund 28 weitere Jahre in Haft
erließ, ist erfreulich für Manning, es ist eine Geste des Anstands, nicht mehr.
Das Wort Geste, das verraten alte Lexika, gab es bereits um 1500. Es ist entlehnt aus
gestus, das meinte "Gebärdenspiel des Schauspielers oder Redners".
Es ist ein Schauspiel, das da abläuft. Ein gut gemeintes vielleicht, aber ein
Schauspiel. Obama war, was Whistleblowing angeht, ein Hardliner. Schlimmer noch
als Richard Nixon, der als Watergate-Schurke in die Geschichte eingegangen ist.
Nixon hatte versucht, den Enthüller der Pentagon-Papiere zur Planung des
Vietnamkrieges für Jahre hinter Gittern zu bringen. Das ist ihm nicht gelungen.
Unter Obama, der als Präsidentschaftskandidat noch die transparenteste Regierung
aller Zeiten versprochen hatte, gab es mehr Strafverfahren gegen Whistleblower
wegen Geheimnisverrats als unter allen früheren US-Präsidenten zusammen.
Vor dem Amtsantritt von Trump verkürzt der US-Präsident die Strafe für die
Whistleblowerin. Bedeutet die Begnadigung auch eine Wende für Wikileaks-
Gründer Assange?
Manning, die als Bradley geboren wurde, war eine echte Whistleblowerin. Sie hat
sich um das Allgemeinwohl verdient gemacht. Ein von ihr an Wikileaks geliefertes
Video etwa zeigte den Luftangriff der Besatzung eines US-Militärhubschraubers im
Irak. Die Soldaten jagten Zivilisten, wie man Tiere jagt. Elf Menschen starben.
Manning deckte Kriegsverbrechen auf.
Der Hubschrauberbesatzung ist nicht der Prozess gemacht worden und natürlich
auch nicht der Gruppe von Ultrakonservativen in der Administration von George W.
Bush, die eine Lügenfabrik errichtet hatte, um im Irak Krieg führen zu können.
Jagd gemacht wurde auf Enthüller, auf Verbreiter unliebsamer Wahrheiten.
Manning wurde auch zur Warnung für andere mögliche Überzeugungstäter hart
abgeurteilt.
Dass sie jetzt Gnade erfährt, bedeutet für Edward Snowden nichts. Manning war in
den USA geblieben und hatte gestanden. Snowden, der die Welt über die
Maschenschaften der US-Dienste aufgeklärt hat, sitzt weiterhin in Moskau. So sehen
das auch die Obama-Leute.
Aufklärung gilt als illoyal, als Verrat
Er hätte doch, sagte Hillary Clinton mal, den Schutz eines Whistleblowers im
Regierungsapparat für sich in Anspruch nehmen können. Das haben andere wie der
frühere NSA-Mann Thomas Drake versucht - sie wurden fertiggemacht, verloren fast
alles.
Egal, wer regiert. Das Recht schützt in aller Regel immer noch die dunklen
Geheimnisse der Mächtigen. Aufklärung gilt als illoyal und wird leicht als Verrat
eingestuft. Hierarchen betrachten und behandeln das Aufdecken von Missständen
als Verrat oder zumindest als Nestbeschmutzung.
Schutz für Whistleblower gibt es in den USA seit 1778, also fast so lang, wie es die
Vereinigten Staaten selbst gibt. Er taugt nicht viel - wie auch das Beispiel Manning
zeigt. In Deutschland gibt es nicht mal ein ordentliches Gesetz, das Whistleblower
schützt. Stattdessen wurde ein neues Gesetz gegen Datenhehlerei gemacht, das
Quellen von Journalisten unter Druck setzt.
Und dass die beiden Whistleblower, die das Geheimnis um Lux-Leaks lüfteten und
gemeinschädliche Handlungen von Konzernen offenlegten, dafür nicht belohnt,
sondern von einem Gericht in Luxemburg bestraft wurden, war ein Skandal.
Einer von vielen.
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/chelsea-manning-obamas-strafmilderung-ist-nur-eine-geste-
des-anstands-1.3338058
Obamas Strafmilderung ist nur
eine Geste des Anstands
Die Whistleblowerin Chelsea Manning
deckte Kriegsverbrechen auf. Ihr wurde
der Prozess gemacht - den
Kriegsverbrechern nicht. Das Recht
schützt noch immer die dunklen
Geheimnisse der Mächtigen.
Kommentar von Hans Leyendecker
Das Urteil gegen Chelsea Manning war
ein Skandal, ein Fall von politischer
Willkür. Fast sieben lange Jahre hat die
Whistleblowerin unter zum Teil
menschenunwürdigen Umständen in
Haft verbracht. Dass Präsident Barack
Obama jetzt ihrem Antrag auf
Strafmilderung stattgab und ihr rund 28
weitere Jahre in Haft erließ, ist erfreulich
für Manning, es ist eine Geste des
Anstands, nicht mehr.
Das Wort Geste, das verraten alte Lexika,
gab es bereits um 1500. Es ist entlehnt
aus gestus, das meinte "Gebärdenspiel
des Schauspielers oder Redners".
Es ist ein Schauspiel, das da abläuft. Ein
gut gemeintes vielleicht, aber ein
Schauspiel. Obama war, was
Whistleblowing angeht, ein Hardliner.
Schlimmer noch als Richard Nixon, der
als Watergate-Schurke in die Geschichte
eingegangen ist.
Nixon hatte versucht, den Enthüller der
Pentagon-Papiere zur Planung des
Vietnamkrieges für Jahre hinter Gittern
zu bringen. Das ist ihm nicht gelungen.
Unter Obama, der als
Präsidentschaftskandidat noch die
transparenteste Regierung aller Zeiten
versprochen hatte, gab es mehr
Strafverfahren gegen Whistleblower
wegen Geheimnisverrats als unter allen
früheren US-Präsidenten zusammen.
Vor dem Amtsantritt von Trump verkürzt
der US-Präsident die Strafe für die
Whistleblowerin. Bedeutet die
Begnadigung auch eine Wende für
Wikileaks-Gründer Assange?
Manning, die als Bradley geboren wurde,
war eine echte Whistleblowerin. Sie hat
sich um das Allgemeinwohl verdient
gemacht. Ein von ihr an Wikileaks
geliefertes Video etwa zeigte den
Luftangriff der Besatzung eines US-
Militärhubschraubers im Irak. Die
Soldaten jagten Zivilisten, wie man Tiere
jagt. Elf Menschen starben. Manning
deckte Kriegsverbrechen auf.
Der Hubschrauberbesatzung ist nicht der
Prozess gemacht worden und natürlich
auch nicht der Gruppe von
Ultrakonservativen in der Administration
von George W. Bush, die eine
Lügenfabrik errichtet hatte, um im Irak
Krieg führen zu können.
Jagd gemacht wurde auf Enthüller, auf
Verbreiter unliebsamer Wahrheiten.
Manning wurde auch zur Warnung für
andere mögliche Überzeugungstäter hart
abgeurteilt.
Dass sie jetzt Gnade erfährt, bedeutet für
Edward Snowden nichts. Manning war in
den USA geblieben und hatte gestanden.
Snowden, der die Welt über die
Maschenschaften der US-Dienste
aufgeklärt hat, sitzt weiterhin in Moskau.
So sehen das auch die Obama-Leute.
Aufklärung gilt als illoyal, als Verrat
Er hätte doch, sagte Hillary Clinton mal,
den Schutz eines Whistleblowers im
Regierungsapparat für sich in Anspruch
nehmen können. Das haben andere wie
der frühere NSA-Mann Thomas Drake
versucht - sie wurden fertiggemacht,
verloren fast alles.
Egal, wer regiert. Das Recht schützt in
aller Regel immer noch die dunklen
Geheimnisse der Mächtigen. Aufklärung
gilt als illoyal und wird leicht als Verrat
eingestuft. Hierarchen betrachten und
behandeln das Aufdecken von
Missständen als Verrat oder zumindest
als Nestbeschmutzung.
Schutz für Whistleblower gibt es in den
USA seit 1778, also fast so lang, wie es die
Vereinigten Staaten selbst gibt. Er taugt
nicht viel - wie auch das Beispiel
Manning zeigt. In Deutschland gibt es
nicht mal ein ordentliches Gesetz, das
Whistleblower schützt. Stattdessen wurde
ein neues Gesetz gegen Datenhehlerei
gemacht, das Quellen von Journalisten
unter Druck setzt.
Und dass die beiden Whistleblower, die
das Geheimnis um Lux-Leaks lüfteten
und gemeinschädliche Handlungen von
Konzernen offenlegten, dafür nicht
belohnt, sondern von einem Gericht in
Luxemburg bestraft wurden, war ein
Skandal.
Einer von vielen.
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/politik/chelsea-
manning-obamas-strafmilderung-ist-nur-eine-geste-
des-anstands-1.3338058