Jeder, der je mit den Steuerbehörden, dem Bildungssystem
oder irgendeiner anderen komplexen Bürokratie zu tun hatte,
weiß, dass die Wahrheit dort nicht wirklich zählt. Viel
wichtiger ist, was auf ihrem Formular steht.
Erst die Massenbildungssysteme des Industriezeitalters
begannen damit, regelmäßig exakte Noten zu vergeben.
Nachdem sowohl Fabriken als auch Ministerien sich daran
gewöhnt hatten, in der Sprache von Zahlen zu denken,
folgten ihnen schon bald die Schulen.
Von nun an beurteilten sie den Wert jedes Schülers nach
seiner oder ihrer Durchschnittsnote, während der Wert jedes
Lehrers und Rektors sich am Gesamtdurchschnitt der Schule
bemaß. Kaum hatten Bürokraten diesen Maßstab
übernommen, wurde die Wirklichkeit entsprechend
umgestaltet.
Ursprünglich sollten die Schulen sich darauf konzentrieren,
die Schüler klüger zu machen und auszubilden, und Noten
waren lediglich ein Mittel, um den Lernerfolg zu messen.
Doch natürlich waren die Schulen schon bald darauf bedacht,
gute Noten zu bekommen. Wie jedes Kind, jeder Lehrer und
jeder Schulinspektor weiß, kann man dank bestimmter
Fertigkeiten in einer Prüfung auch dann gut abschneiden,
wenn man von Literatur, Biologie oder Mathematik nicht
wirklich Ahnung hat.
Jedes Kind, jeder Lehrer und jeder Schulinspektor weiß aber
auch: Wenn die Schulen vor der Wahl stehen - gute Noten
oder solides Wissen - werden sich die meisten für Ersteres
entscheiden.
Yuval Noah Harari, Homo Deus, 2015/2016