Siegfried Trapp
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Jeder, der je mit den Steuerbehörden, dem Bildungssystem oder irgendeiner anderen komplexen Bürokratie zu tun hatte, weiß, dass die Wahrheit dort nicht wirklich zählt. Viel wichtiger ist, was auf ihrem Formular steht. Erst  die  Massenbildungssysteme  des  Industriezeitalters begannen damit, regelmäßig exakte Noten zu vergeben. Nachdem sowohl Fabriken  als  auch Ministerien  sich  daran  gewöhnt  hatten,  in  der Sprache von Zahlen zu denken, folgten ihnen schon bald die Schulen. Von nun an beurteilten sie den Wert jedes Schülers nach seiner oder ihrer Durchschnittsnote, während der Wert jedes Lehrers und Rektors sich am Gesamtdurchschnitt der Schule bemaß. Kaum hatten Bürokraten diesen Maßstab übernommen, wurde die Wirklichkeit entsprechend umgestaltet. Ursprünglich sollten die Schulen sich darauf konzentrieren, die Schüler klüger zu machen und auszubilden, und Noten waren lediglich ein Mittel, um den Lernerfolg zu messen. Doch natürlich waren die Schulen schon bald darauf bedacht, gute Noten zu bekommen. Wie jedes Kind, jeder Lehrer und jeder Schulinspektor weiß, kann man dank bestimmter Fertigkeiten in einer Prüfung auch dann gut abschneiden, wenn man von Literatur, Biologie oder Mathematik nicht wirklich Ahnung hat. Jedes Kind, jeder Lehrer und jeder Schulinspektor weiß aber auch: Wenn die Schulen vor der Wahl stehen - gute Noten oder solides Wissen - werden sich die meisten für Ersteres entscheiden. Yuval Noah Harari, Homo Deus, 2015/2016