Sanlúcar de Barrameda, jenseits des Rio Guadalquivir, Mittwoch, 18.05.1983, 20:00
On the road again: Körperliche Verfassung mäßig, Gegenwind stärker. Zu Ersterem:
Nachwehen der langen Vortagsetappe, flache Nachtruhe, verursacht durch das
nachmitternächtliche zweistündige Gebelle der idiotischen Doggen des CP-Besitzers.
Drei Buchläden aufgesucht: Es scheint nicht einfach, Karten mit einem Maßstab kleiner als
1:800 000 für Spanien zu bekommen. Es muss also so weitergehen.
Die 30 km bis Sanlúcar schleppte ich mich so hin, mit einigen Pausen, durch eine flache,
langweilige Landschaft.
In Sanlúcar angekommen verfuhr ich mich erst mal um drei Kilometer in der falschen
Richtung bis ich den Hafen fand. Mehrere Hundert Kinder längs der Straße klatschten mir
dabei Beifall.
An dieser Stelle muss ich erst mal etwas weiter ausholen.
Auf meiner Spanienkarte im Automaßstab ist bis kurz vor Sevilla,
mehr als 100 km ins Landesinnere, keine Brücke über den Rio
Gualdeqivir eingetragen. Der Weg über Sevilla hätte einen Umweg
von 3 bis 4 Tagesreisen bedeutet.
Der CP-Besitzer in Puerto Real hatte mir erklärt, dass normalerweise
nur die Fahrt über Sevilla möglich sei; mit der bicicleta könnte man
jedoch mit einem Boot über den Fluss setzen und dann, schon etwas
unsicherer, weiter der Küste entlang fahren. Das Risiko ging ich ein.
Ich gelangte genauer gesagt nicht zum Hafen, sondern zu einem
Strandabschnitt, an dem irgendein Volksfest zu sein schien. Was
mich besonders anzog: Zwei kleine Fähren überquerten dort den
Fluss. Ohne lange zu zögern schob ich das Rad auf eine. Dass diese
Fähren nur Pferde, Land Rover und Traktoren, aber keine normalen
Automobile beförderten schob ich dem Umstand zu, dass man, um
auf sie zu kommen, über den lockeren Sandstrand und ein Stück
Flachwasser fahren musste.
Auf dem Boot belehrten mich ein Spanier und dessen etwa fünfzehnjähriger, etwas Englisch
sprechender Sohn jedoch eines anderen. Auf der anderen Seite des Flusses gibt es auf 50
km Länge keine asphaltierte Straße, sondern nur Sandpiste. Deshalb die Pferde und die
geländegängigen Fahrzeuge.
Die Fähre fuhr dutzende Male über den Fluss. Schlussendlich stand eine
Karawane von etwa dreißig Fahrzeugen, fünfzig Pferden, und einem
Fahrrad am anderen Ufer.
Die Menschen scheinen irgendeiner besonderen Sippe anzugehören;
sie sehen zum Teil recht abenteuerlich aus, Leggings an den Beinen,
Schiebermützen und hinten gekreuzte Hosenträger. Wie Henry Fonda in „Früchte des Zorns“.
Die Karawane zieht erst morgen weiter, der Weg sei „schwierig“. Der junge Manolo bedeutete
mir, ich könnte morgen mitfahren. Mir jedoch ist längst nicht alles klar. Wenn ich es richtig
verstanden habe soll das Rad auf den Land Rover und ich zu Fuß: 50 km? Weshalb machen
die Leute überhaupt den umständlichen Weg? Wohin gehen sie überhaupt?
Ich habe das Gefühl, ich stecke mitten in einem Italo-Western: Berittene Gestalten in
sandfarbenen Wollponchos und steifen schwarzen Hüten tauchen aus dem Pinienwald auf,
andere reiten in weißer, reich verzierter Kleidung an mir vorbei und grüßen majestätisch.
Was bedeutet „Romero“?
Zahlreiche mit Girlanden verschiedener Farbe geschmückte Planwagen sind dabei, gezogen
werden sie von Maultieren, die silberhell klingende Schellen tragen.
Die Fledermäuse waren schon längst auf der Jagd, als die Gesellschaft zu späterer Stunde
im Pinienwald verschwand. Nur noch ein einsames Feuer glimmt am Strand.
Parque Nacional de Doñana, Donnerstag, 19.05.1983, 07:30
Der einzige Mensch an diesem abenteuerlichen Ufer des Gualdaquivir, mit dem ich bei der
verbalen Verständigung keine Probleme hatte war eine etwa 25jährige Holländerin, die mit
einer Sippe übergesetzt hatte. Sie sprach auch ein wenig Spanisch; drei Monate war sie
bereits in Spanien. Im Gegensatz zu mir war sie gezielt nach Sanlúcar gekommen, um diesen
für mich so rätselhaften Zug mitzumachen. So erfuhr ich zum ersten Mal näheres über die
Menschen hier.
Der Zug ist auf einer Wallfahrt nach El Rocio, eine Wallfahrt die jedes Jahr im Mai
durchgeführt wird.
Cora hatte Anschluss an eine Sippe gefunden; sie sagte, sie sei auf der Reise „um zu sehen“.
Wir waren vermutlich die einzigen „Fremden“, „Anderen“ unter den Hunderten Menschen, die
inzwischen übergesetzt hatten. Wir sprachen über das, was man „Bildung durch Reisen“
nennt; ein Begriff, den man nur erahnen kann, wenn man längere Reisen durchgeführt hat.
Meine ist bisher zu kurz und wird wohl zu kurz bleiben; doch vielleicht hilft sie, eine oder zwei
Treppenstufen auf diesem Weg zu ersteigen.
Ich war jetzt weiß Gott lange genug allein unterwegs um nach Nähe, Wärme, Zärtlichkeit zu
hungern. Es gab keine großartig verkrampften Übergangsstadien, wir gaben und nahmen uns
gegenseitig, was wir wollten und brauchten. Es war ziemlich klar, dass wir nur diesen Abend,
vielleicht noch den nächsten Tag zusammen verbringen würden. Es war frei und gut. Einfach
so. Sie bewegte ihren Körper freier und leichter als ich den meinen: Ich habe noch viel zu
lernen von den Menschen, in puncto gelöstem walten lassen der eigenen Sexualität, der
Sprache des Körpers. Dies gilt auch außerhalb einer direkten sexuellen Betätigung.
Wir lagen vielleicht noch eine Stunde ziemlich ruhig, es war leicht und doch auch
schwerwiegend.
Ich fühlte das Ende meiner Reise nahen.
Dann ging Cora, sie wollte bei ihrem Zug übernachten, um dessen Abzug am nächsten Tag
nicht zu verpassen.
Parque Nacional de Doñana, Freitag, 19.05.1983, 17:30
Ich stand am Morgen ziemlich bald auf, um ebenfalls nichts zu
verpassen. Weitere Leute wurden über den Fluss gesetzt und
verschwanden im Pinienwald. Ich setzte mich auf eine Düne,
beobachtete, wartete, schlief dann auch ein wenig. Der junge Manolo
von gestern tauchte nicht auf: Irgendwas war, vielleicht in der
Verständigung, schief gelaufen. Gegen 10:30 packte ich mein Rad
und schob es an der Stelle in den Wald hinein, wo auch die übrigen Fahrzeuge verschwunden
waren. Knöcheltiefer Sand: Radfahren schlichtweg unmöglich, selbst das Schieben war
Schwerstarbeit. Es ging nicht an der Küste entlang, sondern eher ins Landesinnere. Ich schob
das Rad vielleicht vier Kilometer, dann war es mir klar, dass wenn es mit dem Rad und dem
Gepäck nicht unmöglich war, so doch eine riesengroße Tortur werden würde.
Ich überwand meinen Stolz und versuchte einen Land Rover, so er einigermaßen leer war…
Im Zug kurz hinter Sevilla, Samstag, 21.05.1983, 18:00, DM 840.-
Das Gekraxle sowie die falsche Datumsangabe der vorangegangenen Zeilen lassen
vermuten, dass ich zum Schreibzeitpunkt etwas unter Alkoholeinwirkungen litt. Wie es dazu
kam bzw. die näheren Umstände sollen die nächsten Zeilen enthüllen.
Wie schon angedeutet, versuchte ich einen wenig beladenen Land Rover anzuhalten. Dies
gelang auch; der Fahrer musste jedoch erst seinen „Patron“ fragen, ob ich mitfahren durfte.
Ich durfte.
Rad und Gepäck kamen auf den Dachgepäckträger, die Gitarre
nach innen.
Es ging weiter.
Im Verlauf des folgenden langen Tages erfuhr ich mehr, in erster
Linie von Juan, dem etwa dreißigjährigen Fahrer des Land
Rover. Er sprach ein wenig Deutsch, da er in einer Wäscherei in
der Schweiz arbeitet. Die Wäscherei wird von der Sippe
betrieben, die auch andere Geschäfte hat, insbesondere großen
Weinhandel in Jerez de la Frontera.
Das Fahrwasser der Karawane ist Religiosität, das Ziel heißt „Nuestra Señora del Rocio“. Die
spanische Weise, religiöse Feste zu feiern unterscheidet sich allerdings beträchtlich von der
unseren.
Viele Sippen, gekennzeichnet durch unterschiedliche Farben, zogen diesen Weg. Durch
Zufall war ich an eine der reichsten Sippen geraten, was sich äußerlich in der reich verzierten
Kleidung, der Zahl der Land Rover, und insbesondere der Zahl der Pferde bemerkbar
machte.
Das war nicht nachteilig für mich.
Das Wort, das ich in den nächsten zehn Stunden am häufigsten hörte, war „Wollen….“? Oder
„What do you want“? Verschiedene „Patrones“ überboten sich, mir etwas anzubieten,
insbesondere mit zunehmender Tageslänge. Und ich hatte reiche Auswahl.
Um die Situation noch etwas weiter zu erhellen müssen noch einige Einzelheiten hinzugefügt
werden.
Es waren wohl insgesamt einige Hundert Menschen auf dieser durch Pinienwälder und
Dünen führenden Sandpiste durch den Parque Nacional Coto de Doñana auf dem Weg nach
El Rocio. Die Sippe, mit der ich zog, mag etwa vierzig Köpfe zählen, der größere Teil zu
Pferde, der kleinere in den Land Rovern (gesprochen von ihnen wie geschrieben: v = w,
Betonung auf Ro). Sie hatten einen offenen Versorgungswagen dabei, gezogen von einem
großrädrigen Traktor, und eine Flamenco-Combo in einem offenen Land Rover.
In dem Versorgungswagen waren mehrere Leute ständig, also
auch während des Fahrens, damit beschäftigt Essen und Trinken
anzubieten. Es gab vieles. Im Verlauf des Tages wurden mir Cola,
Fanta, Orangensaft, ein sauermilchgurkenartiges Getränk,
Rotwein, Weißwein, Bier, Whisky, Gin Tonic und eine Unmenge
Appetithappen verschiedenster Art aufgedrängt: "Wollen…..?“
Zigaretten spanischer, englischer und amerikanischer Herkunft
kamen hinzu.
Das Motto der Karawane: Langsam, langsam, und: Viel trinken. Die Sippe
formierte sich zu Pferde um den Wagen der Flamencomusiker herum,
innerhalb dieses Kreises wurde Flamenco Sevillana getanzt. Die Flamenco-
Combo: Drei Guitarista und ein Trommler in dem offenen Land Rover. Die
Musikercrew war, abgesehen von ihren musikalischen Äußerungen völlig
stumm, auch im Gesicht ausdruckslos: Sie stand permanent unter
Marihuana und war wohl deshalb imstande, fast den ganzen Tag ohne
Unterbrechung zu spielen.
Etwa gegen 16 Uhr war die ganze Kolonne ziemlich alkoholisiert, einschließlich mir, der
Alkoholkonsum überschritt aber gewisse Grenzen nie. Die Zahl der Flamencostopps häufte
sich; im Verlauf eines dieser Stopps wurde ich von einer der Töchter des Patrons in die Mitte
des Kreises gezogen. Meine Flamenco-Tanzkünste waren jedoch so niederschmetternd, dass
sie mich bald wieder schamerfüllt aus dem Kreis zog, der eigens nur für uns freigemacht
worden war.
Einer der Patrones zog mich jedoch wieder hinein, und ich wurde zur
offiziellen Begrüßung vollständig mit Jerez, dem Wein, dem die
Engländer den Namen Sherry gaben, übergossen.
Die Sherrydämpfe stiegen den Rest des Tages, von der Sonne befeuert,
aus meiner Kleidung hoch in meine Nase.
Bei einem Halt, vielleicht gegen 17 Uhr, bemerkte ich, dass einer meiner
Packsäcke vom Dach des Land Rovers verschwunden war.
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© strapp 2011
Sanlúcar de Barrameda, jenseits des Rio
Guadalquivir, Mittwoch, 18.05.1983,
20:00
On the road again: Körperliche
Verfassung mäßig, Gegenwind stärker.
Zu Ersterem: Nachwehen der langen
Vortagsetappe, flache Nachtruhe,
verursacht durch das
nachmitternächtliche zweistündige
Gebelle der idiotischen Doggen des CP-
Besitzers.
Drei Buchläden aufgesucht: Es scheint
nicht einfach, Karten mit einem Maßstab
kleiner als 1:800 000 für Spanien zu
bekommen. Es muss also so
weitergehen.
Die 30 km bis Sanlúcar schleppte ich
mich so hin, mit einigen Pausen, durch
eine flache, langweilige Landschaft.
In Sanlúcar angekommen verfuhr ich
mich erst mal um drei Kilometer in der
falschen Richtung bis ich den Hafen
fand. Mehrere Hundert Kinder längs der
Straße klatschten mir dabei Beifall.
An dieser Stelle muss
ich erst mal etwas
weiter ausholen.
Auf meiner
Spanienkarte im
Automaßstab ist bis
kurz vor Sevilla, mehr als 100 km ins
Landesinnere, keine Brücke über den
Rio Gualdeqivir eingetragen. Der Weg
über Sevilla hätte einen Umweg von 3
bis 4 Tagesreisen bedeutet.
Der CP-Besitzer in Puerto Real hatte mir
erklärt, dass normalerweise nur die Fahrt
über Sevilla möglich sei; mit der bicicleta
könnte man jedoch mit einem Boot über
den Fluss setzen und dann, schon etwas
unsicherer, weiter der Küste entlang
fahren. Das Risiko ging ich ein.
Ich gelangte genauer gesagt nicht zum
Hafen, sondern zu einem
Strandabschnitt, an dem irgendein
Volksfest zu sein schien. Was mich
besonders anzog: Zwei kleine Fähren
überquerten dort den Fluss. Ohne lange
zu zögern schob ich das Rad auf eine.
Dass diese Fähren nur Pferde, Land
Rover und Traktoren, aber keine
normalen Automobile
beförderten schob ich
dem Umstand zu,
dass man, um auf sie
zu kommen, über den
lockeren Sandstrand
und ein Stück Flachwasser fahren
musste.
Auf dem Boot belehrten mich ein Spanier
und dessen etwa fünfzehnjähriger, etwas
Englisch sprechender Sohn jedoch eines
anderen. Auf der anderen Seite des
Flusses gibt es auf 50 km Länge keine
asphaltierte Straße, sondern nur
Sandpiste. Deshalb die Pferde und die
geländegängigen Fahrzeuge.
Die Fähre fuhr dutzende Male über den
Fluss. Schlussendlich stand eine
Karawane von etwa dreißig Fahrzeugen,
fünfzig Pferden, und einem Fahrrad am
anderen Ufer.
Die Menschen
scheinen irgendeiner
besonderen Sippe
anzugehören; sie
sehen zum Teil recht
abenteuerlich aus, Leggings an den
Beinen, Schiebermützen und hinten
gekreuzte Hosenträger. Wie Henry
Fonda in „Früchte des Zorns“.
Die Karawane zieht erst morgen weiter,
der Weg sei „schwierig“. Der junge
Manolo bedeutete mir, ich könnte
morgen mitfahren. Mir jedoch ist längst
nicht alles klar. Wenn ich es richtig
verstanden habe soll das Rad auf den
Land Rover und ich zu Fuß: 50 km?
Weshalb machen die Leute überhaupt
den umständlichen Weg? Wohin gehen
sie überhaupt?
Ich habe das Gefühl, ich stecke mitten in
einem Italo-Western: Berittene Gestalten
in sandfarbenen Wollponchos und
steifen schwarzen Hüten tauchen aus
dem Pinienwald auf, andere reiten in
weißer, reich verzierter Kleidung an mir
vorbei und grüßen majestätisch.
Was bedeutet „Romero“?
Zahlreiche mit Girlanden verschiedener
Farbe geschmückte Planwagen sind
dabei, gezogen werden sie von
Maultieren, die silberhell klingende
Schellen tragen.
Die Fledermäuse waren schon längst auf
der Jagd, als die Gesellschaft zu
späterer Stunde im Pinienwald
verschwand. Nur noch ein einsames
Feuer glimmt am Strand.
Parque Nacional de Doñana,
Donnerstag, 19.05.1983, 07:30
Der einzige Mensch an diesem
abenteuerlichen Ufer des Gualdaquivir,
mit dem ich bei der verbalen
Verständigung keine Probleme hatte war
eine etwa 25jährige Holländerin, die mit
einer Sippe übergesetzt hatte. Sie
sprach auch ein wenig Spanisch; drei
Monate war sie bereits in Spanien. Im
Gegensatz zu mir war sie gezielt nach
Sanlúcar gekommen, um diesen für mich
so rätselhaften Zug mitzumachen. So
erfuhr ich zum ersten Mal näheres über
die Menschen hier.
Der Zug ist auf einer Wallfahrt nach El
Rocio, eine Wallfahrt die jedes Jahr im
Mai durchgeführt wird.
Cora hatte Anschluss an eine Sippe
gefunden; sie sagte, sie sei auf der
Reise „um zu sehen“. Wir waren
vermutlich die einzigen „Fremden“,
„Anderen“ unter den Hunderten
Menschen, die inzwischen übergesetzt
hatten. Wir sprachen über das, was man
„Bildung durch Reisen“ nennt; ein Begriff,
den man nur erahnen kann, wenn man
längere Reisen durchgeführt hat. Meine
ist bisher zu kurz und wird wohl zu kurz
bleiben; doch vielleicht hilft sie, eine oder
zwei Treppenstufen auf diesem Weg zu
ersteigen.
Ich war jetzt weiß Gott lange genug
allein unterwegs um nach Nähe, Wärme,
Zärtlichkeit zu hungern. Es gab keine
großartig verkrampften
Übergangsstadien, wir gaben und
nahmen uns gegenseitig, was wir wollten
und brauchten. Es war ziemlich klar,
dass wir nur diesen Abend, vielleicht
noch den nächsten Tag zusammen
verbringen würden. Es war frei und gut.
Einfach so. Sie bewegte ihren Körper
freier und leichter als ich den meinen: Ich
habe noch viel zu lernen von den
Menschen, in puncto gelöstem walten
lassen der eigenen Sexualität, der
Sprache des Körpers. Dies gilt auch
außerhalb einer direkten sexuellen
Betätigung.
Wir lagen vielleicht noch eine Stunde
ziemlich ruhig, es war leicht und doch
auch schwerwiegend.
Ich fühlte das Ende meiner Reise nahen.
Dann ging Cora, sie wollte bei ihrem Zug
übernachten, um dessen Abzug am
nächsten Tag nicht zu verpassen.
Parque Nacional de Doñana, Freitag,
19.05.1983, 17:30
Ich stand am Morgen ziemlich bald auf, um ebenfalls
nichts zu verpassen. Weitere Leute wurden über den
Fluss gesetzt und verschwanden im Pinienwald. Ich
setzte mich auf eine Düne, beobachtete, wartete, schlief
dann auch ein wenig. Der junge
Manolo von gestern tauchte
nicht auf: Irgendwas war,
vielleicht in der Verständigung,
schief gelaufen. Gegen 10:30
packte ich mein Rad und schob es an der Stelle in den
Wald hinein, wo auch die übrigen Fahrzeuge
verschwunden waren. Knöcheltiefer Sand: Radfahren
schlichtweg unmöglich, selbst das Schieben war
Schwerstarbeit. Es ging nicht an der Küste entlang,
sondern eher ins Landesinnere. Ich schob das Rad
vielleicht vier Kilometer, dann war es mir klar, dass
wenn es mit dem Rad und dem Gepäck nicht unmöglich
war, so doch eine riesengroße Tortur werden würde.
Ich überwand meinen Stolz und versuchte einen Land
Rover, so er einigermaßen leer war…
Im Zug kurz hinter Sevilla, Samstag,
21.05.1983, 18:00, DM 840.-
Das Gekraxle sowie die falsche
Datumsangabe der vorangegangenen
Zeilen lassen vermuten, dass ich zum
Schreibzeitpunkt etwas unter
Alkoholeinwirkungen litt. Wie es dazu
kam bzw. die näheren Umstände sollen
die nächsten Zeilen enthüllen.
Wie schon angedeutet, versuchte ich
einen wenig beladenen Land Rover
anzuhalten. Dies gelang auch; der
Fahrer musste jedoch erst seinen
„Patron“ fragen, ob ich mitfahren durfte.
Ich durfte.
Rad und Gepäck
kamen auf den
Dachgepäckträger,
die Gitarre nach
innen.
Es ging weiter.
Im Verlauf des folgenden langen Tages
erfuhr ich mehr, in erster Linie von Juan,
dem etwa dreißigjährigen Fahrer des
Land Rover. Er sprach ein wenig
Deutsch, da er in einer Wäscherei in der
Schweiz arbeitet. Die Wäscherei wird
von der Sippe betrieben, die auch
andere Geschäfte hat, insbesondere
großen Weinhandel in Jerez de la
Frontera.
Das Fahrwasser der Karawane ist
Religiosität, das Ziel heißt „Nuestra
Señora del Rocio“. Die spanische Weise,
religiöse Feste zu feiern unterscheidet
sich allerdings beträchtlich von der
unseren.
Viele Sippen, gekennzeichnet durch
unterschiedliche Farben, zogen diesen
Weg. Durch Zufall war ich an eine der
reichsten Sippen geraten, was sich
äußerlich in der reich verzierten
Kleidung, der Zahl der Land Rover, und
insbesondere der Zahl der Pferde
bemerkbar machte.
Das war nicht nachteilig für mich.
Das Wort, das ich in den nächsten zehn
Stunden am häufigsten hörte, war
„Wollen….“? Oder „What do you want“?
Verschiedene „Patrones“ überboten sich,
mir etwas anzubieten, insbesondere mit
zunehmender Tageslänge. Und ich hatte
reiche Auswahl.
Um die Situation noch etwas weiter zu
erhellen müssen noch einige
Einzelheiten hinzugefügt werden.
Es waren wohl insgesamt einige Hundert
Menschen auf dieser durch Pinienwälder
und Dünen führenden Sandpiste durch
den Parque Nacional Coto de Doñana
auf dem Weg nach El Rocio. Die Sippe,
mit der ich zog, mag etwa vierzig Köpfe
zählen, der größere Teil zu Pferde, der
kleinere in den Land Rovern
(gesprochen von ihnen wie geschrieben:
v = w, Betonung auf Ro). Sie hatten
einen offenen Versorgungswagen dabei,
gezogen von einem großrädrigen
Traktor, und eine Flamenco-Combo in
einem offenen Land Rover.
In dem Versorgungswagen waren
mehrere Leute ständig, also auch
während des Fahrens, damit beschäftigt
Essen und Trinken anzubieten. Es gab
vieles. Im Verlauf des Tages wurden mir
Cola, Fanta, Orangensaft, ein
sauermilchgurkenartiges Getränk,
Rotwein, Weißwein, Bier, Whisky, Gin
Tonic und eine Unmenge Appetithappen
verschiedenster Art aufgedrängt:
"Wollen…..?“ Zigaretten spanischer,
englischer und amerikanischer Herkunft
kamen hinzu.
Das Motto der
Karawane: Langsam,
langsam, und: Viel
trinken. Die Sippe
formierte sich zu
Pferde um den
Wagen der
Flamencomusiker herum,
innerhalb dieses Kreises
wurde Flamenco Sevillana
getanzt. Die Flamenco-
Combo: Drei Guitarista und
ein Trommler in dem
offenen Land Rover. Die
Musikercrew war,
abgesehen von ihren musikalischen
Äußerungen völlig stumm, auch im
Gesicht ausdruckslos: Sie stand
permanent unter Marihuana und war
wohl deshalb imstande, fast den ganzen
Tag ohne Unterbrechung zu spielen.
Etwa gegen 16 Uhr war die ganze
Kolonne ziemlich alkoholisiert,
einschließlich mir, der Alkoholkonsum
überschritt aber gewisse Grenzen nie.
Die Zahl der Flamencostopps häufte
sich; im Verlauf eines dieser Stopps
wurde ich von einer der Töchter des
Patrons in die Mitte des Kreises
gezogen. Meine Flamenco-Tanzkünste
waren jedoch so niederschmetternd,
dass sie mich bald wieder schamerfüllt
aus dem Kreis zog, der eigens nur für
uns freigemacht worden war.
Einer der Patrones zog mich jedoch
wieder hinein, und
ich wurde zur
offiziellen Begrüßung
vollständig mit Jerez,
dem Wein, dem die
Engländer den
Namen Sherry
gaben, übergossen.
Die Sherrydämpfe stiegen den Rest des
Tages, von der Sonne befeuert, aus
meiner Kleidung hoch in meine Nase.
Bei einem Halt, vielleicht gegen 17 Uhr,
bemerkte ich, dass einer meiner
Packsäcke vom Dach des Land Rovers
verschwunden war.
© strapp 2011