CP bei Mondragon/Orange, Samstag, 16.04.1983
Ich bin an diesem Tag tatsächlich bis Valence gekommen, und das relativ leicht: Straße
fast eben und phänomenaler Rückenwind! Die Sonne schien dazu, auf schönen kleinen
Sträßchen die Rhône entlang, so macht Radfahren Spaß! In Tournon wechselte ich nur
Geld um und kaufte ein. Ein vorzügliches Menu nahm ich in, ich glaube es war Roche de
Glun ein: Oeuf cocotte entpuppte sich als angebratenes Ei in einer Keramiktasse, frische
warme Milch mit einer raffinierten Kräutermischung stand darüber. Drei Bratenstücke, mit
Knoblauch gespickt, dazu junge Erbsen, bildeten das plat du jour, eine hervorragende
Käseplatte den Abschluss.
Der CP in Valence war sehr unsympathisch, ein typischer Durchreise-
CP, ausgelegt für Caravans. So verzog ich mich am nächsten Morgen
Richtung Montelimar. Der Tag war sehr warm, kräftiger Rückenwind,
wieder meist die Rhône entlang: Wieder ein wunderschöner
Radlertag. Dazu kam eine prächtige Mittagspause, an einem schönen
Fleckchen, mit herrlichen Beigaben: Elsässer Bier, Wein von der
Rhône, Pastete aus der Campagne, Camembert aus der Normandie,
exquisiter Munster Käse, Gurke und roter Paprika, und ein sehr guter
Senf, der laut Etikett mit Weinessig und Champagner gewürzt war.
Der CP in Montelimar liegt zwar recht schön an einem Bächchen, und ich zeltete inmitten
von Gänseblümchen, aber er ist teuer und es führt eine stark befahrene Straße in
ziemlicher Nähe vorbei. Eigentlich wollte ich mal zwei Tage ausspannen, die Beine waren
auch ziemlich schwer, ich hatte mich schon gegen 19 Uhr in den Schlafsack verkrochen,
wobei eine Fressorgie und einige Biere mit hinein halfen. Doch am nächsten Morgen
funktionierte die Warmdusche nicht, das gab den Ausschlag: Ich packte zusammen und
bestieg das Rad. Erstmals in kurzen Hosen und T-Shirt. Leider verschwand die Sonne
rasch in einem milchigen Dunst.
Die Überraschung dann: Ich hatte Gegenwind! Weiß der Teufel wie die Windverhältnisse
im Rhône-Tal sind.
Inzwischen habe ich jedoch eine recht gute Grundkondition, die sich in einem schweren
Pedalschritt äußert, welcher auch kilometerweit gegen den Wind durchgehalten werden
kann. So erreichte ich Mondragon, ohne zu fluchen.
Der CP ist recht ruhig, in einem Pinienwäldchen gelegen, an einem Berg. Es wächst hier
nicht mehr viel Gras; der Boden ist mediterran.
Es ist einsam auf den CPs um diese Jahreszeit. Sie sind nicht mal zu einem Zehntel
belegt; die wenigen Touristen sind mittleren Alters oder darüber, fast nur Franzosen,
wenige Briten, und ganz wenige Deutsche. Letztere ausschließlich um die Sechzig
herum und größtenteils von einer Art, die es einem nahe legt, seine eigene Nationalität
zu verbergen: Dicker BMW zieht großen Wohnwagen und teutonisches Gepräge.
Da nun die äußeren Probleme geringer werden, gutes Wetter, keine Pannen, wird es mir
langweiliger! Ruhige CPs wie dieser hier haben natürlich zwar einiges an sich, schließen
aber Bekanntschaften fast aus. Die mangelnden Sprachkenntnisse sind ein arges
Handicap, sonst wären viel leichter Kontakte in Cafés oder Bars möglich.
Es ist schon ein wahnwitziges Unterfangen, allein in ein Land zu reisen, dessen Sprache
ich praktisch nicht verstehe.
Derselbe Ort, Sonntag, 17.04.1983, 09:30
Auf die Dauer macht´s sicherlich keinen Spaß, sich als einziger Zeltgast in einem drei
Hektar großen Gelände zu befinden.
CP Avignon, Dienstag, 19.04.1983, 10:30
Hier in Avignon ist es viel angenehmer; Touristenrummel zwar, frühmorgens schon laut
zwar, aber: Viele junge Leute, mit denen man sich unterhalten kann. Einige Deutsche;
neben mir zwei Australier, die schon „einige Monate unterwegs seien“.
Am Sonntag tat ich so gut wie garnix; eine Lektion Französisch, etwas Gitarre zur Übung.
Dann war ich doch noch ganz froh weg zu kommen: Über mir, am Waldrand, zelteten
einige suspekte Personen, eine davon, eine davon, weiblich, trat nur abends auf und
keifte mit lauter Stimme herum.
Die Fahrt am gestrigen Montag war wieder ein Horrortrip: Penetranter starker Gegenwind
mit geschrienen Flüchen und Verwünschungen. Jeder Meter, jeder Pedalschritt musste
der Straße abgerungen werde, im kleinsten Gang.
Doch der Reihe nach. Die Etappe bis Orange ging einigermaßen. Der Triumphbogen war
schnell abgelichtet. Das römische Theater jedoch war noch geschlossen, machte erst in
einer halben Stunde auf. Was lag also näher, als sich auf die Terrasse der
gegenüberliegenden Snackbar zu setzen und eine Pizza nebst zugehörigem Bier zu
bestellen?
Alles andere. Gegenüber dem römischen Theater regiert der Nepp; er
hatte mich zum ersten mal auf der Reise erwischt. Die Pizza war winzig,
der Geschmack so erbärmlich, dass er sich ohne Gesten und
Gesichtsmimik nicht weiter vermitteln lässt, der Preis astronomisch, auch
für das kleine Bier.
Auch der Entreé kostete ordentlich, lohnte aber. Die Stufen des hohen
Zuschauerhalbrunds sind in wahrlich erstaunlichem Zustand erhalten
geblieben; die gerühmte Akustik konnte ich des starken Windes wegen
nicht überprüfen.
Als ich zu meinem Rad zurück kehrte sprach mich eine Frau mittleren Alters an, mit dem
Äußern einer Zigeunerin. Sie gab an, sie sei Schweizerin, und es wäre ihr alles gestohlen
worden. Kurz und gut, sie wollte Geld.
Als ich zögerte (die Geschichte erschien erfunden zu sein, und es fielen mir Berichte ein,
denen zu Folge sich Zigeunersippen Mercedesse erbettelt hätten) brach Wut in ihr durch;
sie kämpfte mit den Tränen; sie hätte seit zwei Tagen nichts gegessen; sie sprach
Verwünschungen aus und ging rasch weg.
Wie sich verhalten? Das Problem ist für mich kaum lösbar. Bei genügender
Geistesgegenwart hätte ich ihr, nachdem sie Hunger offenbart hatte, was zu essen
anbieten sollen. Die Reaktion darauf hätte Licht in die Sachlage gebracht. Ihr Ausbruch
war sehr überraschend und sehr heftig gekommen.
Ob es nun an den ausgesprochenen Verwünschungen lag oder auch nicht: Der
Gegenwind hatte nun erheblich zugenommen.
Ich fuhr über Châteauneuf-du-Pape, ein etwa 40 qkm großes ebenes oder bisweilen
auch sanft hügeliges Weingebiet fast ohne Bäume und Sträucher. Die Weinstöcke sind
ungefähr einen halben Meter hoch, alt, knorrig, kahl geschnitten. Infolgedessen hatte der
Gegenwind leichtes Spiel mit mir.
Vor Avignon verfuhr ich mich wieder. Mit zunehmender südlicher Breite wird es auf
kleinen und kleinsten Sträßchen immer verworrener.
Zum Wetter: Typisches Aprilwetter, mal Sonne, mal kurze Schauer, überwiegend bewölkt,
aber recht warm.
CP Arles, Mittwoch, 20.04.1983, 18:00
Am gestrigen Tag sah ich mir Avignon an; leider bemerkte ich erst heute, dass ich auch
einen Reiseführer Südfrankreich dabei habe, der mir gestern sehr nützlich gewesen
wäre.
In der Stadt traf ich ein Pärchen aus Ellwangen, mit denen ich den größten Teil des
Stadtbummels verbrachte. Zur Innenbesichtigung des Palais du Papes konnte ich mich
nicht durchringen (Kosten und Dauer für mich zu hoch und zu lang), bedauerlich
wahrscheinlich, draußen wärmte die Sonne endlich mal wieder. Der Palast ist ein
gewaltiger Steinklotz.
Alles in Allem ein schöner Tag. Abends wurde es dann allerdings unangenehm kühl.
Die Australier packen heute auch zusammen; sie wollen per Autostop nach Montpellier.
Die beiden haben schon eine Weltreise hinter sich, u.a. Süd- und Mittelamerika, aber
auch eine Radreise durch Ungarn.
Der obligatorische Gegenwind war erträglich, aber ich musste einige Kilometer auf stark
befahrenen Straßen zubringen. Schade dass der Himmel vollständig bedeckt war!
Zwischen Maillane und St. Etienne-du-Gres war eine wunderbare Landschaft. Links und
rechts von mir Flachland, das vermutlich typisch provençalisch war: Weite Felder, mit
duftendem hellgelbem Raps, mit (vermutlich) Esparsette, weiß (?) blühend und ebenfalls
würzig duftend. Dazwischen, in Reihen als Windschutz gepflanzt, hohe, sehr schlanke
Zypressen. Auch finden sich ebene Weinfelder dazwischen. Die Anzahl der Pferde und
der sumpfigen Wassergräben nimmt zu: Die Camargue beginnt.
Eben bin ich dabei, ein Paket mit abgefahrenen Landkarten und mit warmer Kleidung
zusammen zu stellen, auf dass es heim geschickt werde. Ich bin jedoch unsicher:
Wird’s noch mal kälter?
Siegfried
Trapp
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