Siegfried
Trapp
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Ostelbien 1:
Ilko-Sascha Kowalczuk: Die Russlandnähe der
Ostdeutschen ist Kokolores
Die meisten DDR-Bürger haben sich nie für Russland interessiert - trotz der
aufgezwungenen Nähe zur Sowjetunion, dem Russischunterricht und den
staatlich organisierten Kulturveranstaltungen. Nichts war in der DDR so
verhasst wie alles, was sowjetisch oder russisch aussah. Das hatte eine lange
Tradition. Die antislawischen Ressentiments gab es ja schon vor 1933 und
wurden danach von den Nazis extrem befördert.
Für die meisten Menschen in der DDR waren Ukrainer, Weißrussen, Russen,
Balten alles eine Soße. Das waren alles Russen. Die wurden so genannt und
die wurden alle gleichermaßen abgelehnt.
Die meisten Menschen in den Ostbundesländern interessieren sich weder für
Russland noch für die Ukraine. Diese Sympathie für Putin und Russland
speist sich aus zwei Quellen: Erstens lehnen immer mehr Menschen das
westliche liberale Staatssystem ab. Da macht man sich dessen Feinde zum
Freund. Zweitens steht Putin für ein autoritäres Staatssystem, das auch AfD
und BSW anstreben. Im Osten gab es immer eine große Neigung zu
autoritären Staatsvorstellungen. Das schwankt zwar je nach Jahr und
Umfrage, aber man kann davon ausgehen, dass das auf zwei Drittel der
Menschen im Osten zutrifft.
Die Ostdeutschen sind 1989/1990 von einer Minderheit aus einer Diktatur
befreit worden, die sie mehrheitlich gar nicht mehr als Diktatur
wahrgenommen haben. Die Dynamik hat eine sehr kleine Gruppe von
Bürgerrechtlern losgetreten. Dann waren vielleicht 300.000 bis 400.000
Menschen auf der Straße. Und ein paar Hunderttausend sind abgehauen - die
waren wichtig für die Revolutionsdynamik. Der Rest hat hinter den
heimischen Gardinen geschaut, wohin sich der Wind dreht, abgewartet und
sich hinter den Siegern eingereiht. Das ist auch völlig normal, das muss man
niemandem vorwerfen.
Freiheit und Demokratie sind von einer Mehrheit nicht als inneres Bedürfnis
angesehen worden. Die Mehrheit wollte Mercedes statt Trabant fahren. Das
hatte mit dem Staatssystem erstmal wenig zu tun. Und dieses Fremdeln mit
Freiheit und Demokratie ist dann in den Transformationsjahren auch noch
befördert worden. Helmut Kohls Versprechen von den "blühenden
Landschaften" hat Demokratie mit Wohlstand gleichgesetzt, obwohl das per
se nichts miteinander zu tun hat. Das war die Erfahrung der Westdeutschen
zur Zeit des Wirtschaftswunders. Die Ostdeutschen dagegen haben ihre
Befreiung vor allem als einen Fall in große persönliche Unsicherheit erlebt.
Dabei sind sie ja weich gefallen, gerade im Vergleich zu den Menschen in den
osteuropäischen Ländern.
Ich gehe davon aus, dass zwei Drittel der Ostdeutschen ein Problem mit
Demokratie und Freiheit haben. Nicht mit den Begriffen, sondern mit den
Konsequenzen. Das sehen wir an der niedrigen Beteiligung an
demokratischen Aushandlungsprozessen. Viele Menschen im Osten haben
bis heute nicht begriffen, dass wir in einer Kompromissgesellschaft leben,
nicht in einer Konsensgesellschaft.
Das Leben in einer Diktatur gibt den Menschen ein klares Geländer. Es gibt
vorgegebene Regeln, die man von klein auf beigebracht bekommt. In
Demokratie und Freiheit dagegen muss man ständig Entscheidungen treffen
und sich in die eigenen Angelegenheiten einmischen. Die SED hat immer
gegen eine Mehrheit im Land regiert. Die DDR-Führung hat schon 1953
geschätzt, dass sie sich nur auf 200.000 bis 300.000 Menschen wirklich
verlassen könne. Das war auch exakt die Zahl an Menschen, die in der Partei
geblieben sind, als sich die SED zur PDS umwandelte. Das heißt: Der
allergrößte Teil der Menschen hat einfach nur mitgespielt.
Die Menschen im Osten sind nämlich nicht so besonders, wie viele in ihrer
Ostdeutschtümelei meinen. Ostdeutschland ist den Entwicklungen im
Westen, auch Westeuropas, immer nur ein bis zwei Legislaturperioden
voraus. Der Osten ist eine Art Laboratorium der Moderne und der
Globalisierung. Hier lässt sich erkennen, wohin die Reise geht, wenn man
nicht gegensteuert. Das macht die Beschäftigung mit dem Osten
Deutschlands so interessant.
Quelle: Auszug aus https://www.n-tv.de/politik/DDR-Historiker-Ilko-Sascha-
Kowalczuk-im-Interview-Die-Russlandnaehe-der-Ostdeutschen-ist-Kokolores-
article25178591.html
25.08.2024, 09:20 Uhr
Ostelbien 2:
Ines Geipel über ostdeutsche Identität
Die Aufrufbaren sehen ihr Leben als einen Prozess, in dem der Staat sie
fertigmachen will. Und mittlerweile ist das ja auch fein umerzählt: Auch die
Westdeutschen wollen uns fertigmachen. Der Volkskörper wurde nach 1945
zum DDR-Opferkollektiv umgebaut, und zwar mit aller Härte. Wenn wir
DDR sagen, gucken wir in die bunten 70er-Jahre-Bilder. Aber auf die
Gewaltgeschichte des Nationalsozialismus folgten bis 1955 über zehn Jahre
blanker Terror. Die Leute waren schier fassungslos vor Angst. Das hat die
Ost-Gesellschaft geprägt, auch transgenerationell. Und dieser Angstmotor
läuft immer noch. Er ist heute ein starker Polittrigger.
Es gab im Osten ein '68, aber es war Prag '68, und das war die große
Desillusionierung. Leute, die an das System geglaubt haben, wie Christa Wolf
etwa, verabschiedeten sich nach dem Einmarsch der Sowjets in die
Tschechoslowakei im Inneren von der Sozialismus-Idee. 1968 ist der
Moment, in dem sich der Westen verändert und eine offenere Gesellschaft
wird. Im Osten wird es enger, rigider, dort wird der Geheimdienst neu
aufgestellt. Günter Grass hat bei der späteren DDR von einer »kommoden
Diktatur« gesprochen. Es war genau umgekehrt. Die 80er-Jahre in der DDR
waren übelste Zersetzungsjahre. Eine moderne Diktatur, die nach innen alles
abschnürt und nach außen mit den bunten Bildern rumwedelt.
Und nun sieht man immer deutlicher die Generationsbänder: 15,6 Prozent in
der Alterskohorte 15 bis 30 Jahre wollen im Osten ein autoritäres Regime. Im
Westen sind es 2,2 Prozent. Das ist alarmierend.
Es ist nicht der Westen, der den Osten übertölpelt. Der Osten schafft es
nicht, sich aus seinem Diktaturbann zu entlassen.
Quelle: Auszug aus https://taz.de/Ines-Geipel-ueber-ostdeutsche-
Identitaet/!vn6033752/, abgerufen 2024-09-06, 17:30
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