Siegfried Trapp
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Die Natur der Seele Von Lakotta, Beate Hatte Sigmund Freud doch recht? Neue Untersuchungen der Hirnforschung scheinen seine umstrittenen Theorien über Verdrängung, Träume oder das Unbewusste zu bestätigen. Nun wollen Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker das Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln. Man kann Leute nicht entbehren, die den Mut haben, Neues zu denken, ehe sie es aufzeigen können. SIGMUND FREUD In der Nacht von Sonntag auf Montag erlitt Melanie Jacobs* einen Schlaganfall. Sie lag im Hof ihres Hauses in einem der besseren Townships von Kapstadt und konnte nicht mehr aufstehen. Ihr linker Arm und ihr linkes Bein waren gelähmt. Das Sonderbare war: Mrs Jacobs glaubte nicht, dass sie gelähmt war. "Lass den Quatsch, mir geht es gut", protestierte sie, als ihr Mann sie ins Groote Schuur Hospital brachte. Die neurologische Station besteht aus ein paar spartanischen Einzelzimmern, zwei kargen Sälen, drei Dutzend Betten mit Vorhängen dazwischen. Patienten kommen nach einem Schlaganfall oder mit der Alzheimerschen Krankheit hierher, andere haben ein von Drogen und Alkohol verwüstetes Gehirn, dazu kommen Leute mit einer Kugel im Kopf, Opfer von Unfällen, Raubüberfällen oder Mordversuchen. Südafrika eben. Besucher drängeln sich mit mitgebrachtem Mittagessen, Ventilatoren surren, irgendwo quäkt ein Fernseher. Das Haus könnte einen neuen Anstrich vertragen; aber lieber finanziert man Forschung, holt gute Wissenschaftler nach Kapstadt. Einer von ihnen ist der britische Neuropsychologe Mark Solms. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Patienten, die unter bizarren Bewusstseinsstörungen leiden: ein Mann, der sein Gedächtnis verlor, nachdem er versucht hatte, sich aufzuhängen; eine Blinde, die überzeugt ist, sehen zu können; ein Krebspatient, der seit einer Hirntumoroperation nicht mehr weiß, wer er ist. Für die Wissenschaft sind solche Katastrophen ungemein aufschlussreich: Ein Hirnareal ist verletzt, eine Funktion verloren - daraus lässt sich ableiten, was dieses Gewebe im gesunden Hirn tut. Und nun also Melanie Jacobs: Sie will diesen Doktor an ihrer Bettkante loswerden. Warum soll sie mit den Augen seinen Fingern folgen und kindische Bilder zeichnen? Was soll das Gerede vom Schlaganfall, sie ist gerade mal 40! "Ich arbeite hart. Ich muss nach Hause", wehrt sie sich. "Mrs Jacobs", sagt Solms, "ich verstehe, dass Sie sich wünschen, alles sei in Ordnung. Aber ich bin leider überzeugt, dass Ihre linke Seite gelähmt ist. Bitte: Bewegen Sie Ihren linken Arm." Der Arm rührt sich nicht. "Und, können Sie ihn bewegen?", fragt Solms. "Ja." "Ich habe nichts gesehen." "Weil Sie nicht in meinem Kopf drin sind. Mit meinen inneren Augen habe ich gesehen, dass er sich bewegt." Ein Paradefall von Anosognosie: Uneinsichtigkeit. Für dieses sonderbare Krankheitsbild, das nach Schäden in Arealen der rechten Hirnhälfte auftritt, hat die Neuropsychologie drei hirnorganisch begründete Modelle: Stark vergröbert besagen sie, dass der Patient keine negativen Gefühle mehr erzeugen könne, dass seine Aufmerksamkeit für die linke Seite gestört sei, oder dass seine Fähigkeit, den eigenen Körper räumlich wahrzunehmen, verloren gegangen sei. Keines der Modelle beschreibt Mrs Jacobs'' Zustand vollständig. Eine willkommene Gelegenheit für Solms, Kollegen und Studenten bei der wöchentlichen Falldiskussion im Hörsaal mit seiner eigenen Hypothese über Anosognosie zu provozieren. Er ist überzeugt, dass die Störung gar nicht körperlich bedingt ist. Solms zeigt ein Video der Patientin, argumentiert leidenschaftlich, kommt zum Finale: "Mrs Jacobs kann die traurige Wahrheit nicht ertragen. Sie will nicht realisieren, dass sie gelähmt ist." Und dann fällt jener Name, der unter Neurologen und Psychiatern gemeinhin für aggressive Unruhe sorgt: "Sigmund Freud hätte gesagt: Sie verdrängt es." Schweigen in den Rängen. Zweifelndes Augenbrauen-Hochziehen. Skeptisches Interesse. Aber kein Sturm der Entrüstung. Es hat sich hier herumgesprochen, dass die wissenschaftliche Avantgarde wieder Interesse an den Ideen des Stammvaters der Psychoanalyse zeigt. Kollege Solms, Mittvierziger mit dem gutmütigen Gesicht eines Jungen vom Lande, nebenbei Weinbauer, ist auch Psychoanalytiker. Er wirkt als treibende Kraft dieser Strömung. Vielleicht ist es an der Zeit, den Fall Freud neu zu verhandeln? Fast sieht es so aus, als würden ausgerechnet die Neurowissenschaften, die Sigmund Freud von seinem Sockel stürzten, im 21. Jahrhundert seine Renaissance begründen. Nicht psychisch Kranke, sondern neurologische Patienten wie Mrs Jacobs sind es, die heute als wichtigste Kronzeugen dienen, wenn es um die Rehabilitierung des verhöhnten Giganten geht. In London hat Solms mit seiner Frau Karen, einer Psychoanalytikerin, am St. Bartholomew''s- und am Royal Hospital Dutzende solcher Patienten analytisch behandelt, ihre Träume durchforstet, ihre Gehirne im Tomografen studiert und die Beobachtungen in Bücher gefasst*. Freuds Ideen kreisten, genau wie diejenigen der modernen Hirnforscher, um das jahrtausendealte Leib-Seele-Problem: Wie hängen Gehirn und Psyche zusammen? Wie reagiert ein Gehirn auf traumatische Erlebnisse? Wie und wo entstehen Gedanken und Gefühle? Auf der Couch mögen solche Prozesse schwer zu fassen sein. Auf einer Neurologie- station dagegen, sagt Solms, lasse sich unmittelbar beobachten, wie das Gehirn als Organ der Psyche subjektives Erleben hervorbringt: "Diese Patienten sind keine Aliens, sondern Menschen mit Gefühlen, Wünschen, Phantasien." Zum Beispiel Mrs Jacobs: Unstrittig haben ihr abnormes Selbstbild und ihr übermächtiges Wunschdenken mit der Existenz eines hellen Flecks zu tun, der auf dem Kernspintomogramm ihres Hirns zu sehen ist. Das beschädigte Areal muss also auf irgendeine Weise zur Konstruktion dessen beitragen, was ihr "Ich" ist - etwa als Teil eines neuronalen Netzwerks, das dabei hilft, mit Verletzungen des Selbstwerts fertig zu werden; auch solche Prozesse spielen sich schließlich im Gehirn ab. Naturwissenschaftler wissen mit einem Begriff wie "Selbstwert" wenig anzufangen. Psychoanalytiker reden darüber wie Eskimos über Schnee: Sie kennen verschie- dene Typen, haben Theorien über seine Entstehung und einen entsprechenden Wortschatz. "Ich glaube", sagt Solms, "dass wir auf der soliden Basis der klinischen Beobachtung die Psychoanalyse wieder mit der Neurowissenschaft vereinen können." Er hat allen Grund zum Optimismus. Der Versuch, die verfeindeten Disziplinen zu einer großen Synthese zusammenzufassen, hat bereits eine neue Fachrichtung hervorgebracht. Das Herausgebergremium ihrer Zeitschrift "Neuro-Psycho- analysis" liest sich wie ein "Who''s who" der Neurowissenschaft: Eric Kandel, Joseph LeDoux, Antonio Damasio, Benjamin Libet, Vilayanur Ramachandran, Wolf Singer. Freud ist wieder da - überall auf der Welt fahnden Neurobiologen, Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker in Arbeitsgruppen nach Schnittstellen ihres Wissens. "Freuds Einblicke in die Natur des Bewusstseins", postuliert Neurobiologe Damasio, "stehen in Einklang mit der Sichtweise der fortgeschrittensten modernen Neurowissenschaften." "Freud wollte damals genau das tun, was wir heute tun", sagt Mark Solms. "Weil er aber weder Computertomograf noch EEG hatte, gab er sein Projekt auf. Indem wir sein Werk korrigieren, revidieren und ergänzen, bringen wir es zu Ende." FREUD ALS HIRNFORSCHER Der erste Forscher, der die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Neuro- wissenschaft untersuchte, war Sigmund Freud selbst. Doch als der Seelen-kundler mit seinen spektakulären Theorien über Ödipuskomplex, Penisneid und Traumdeutung Weltruhm erlangte, geriet der Naturforscher Freud darüber in Vergessenheit. Als Stipendiat in Triest hatte der ebenso talentierte wie ehrgeizige Sohn eines jüdischen Wollhändlers das Nervensystem der Fische mikroskopiert und nach den Hoden des Aals gesucht. Damals gilt der junge Freud als überaus begabter Neuro- anatom. In einer Arbeit über Sprachstörungen (Aphasie) beschreibt er die neuro- logischen Grundlagen von Sprache. Sein Interesse gilt der Nervenheilkunde, einer jungen Disziplin, die ihren Patienten wenig mehr als Beruhigungsmittel und Ruhe- kuren anzubieten hat. Mit einem Reisestipendium in der Tasche reist Dr. med Sigmund Freud 1885 aus Wien nach Paris. An der Salpêtrière seziert er im Labor von Jean-Martin Charcot Kindergehirne. Fasziniert sieht Freud zu, wie der große Neurologe bei Patienten unter Hypnose hysterische Lähmungen erzeugt oder löst. "Charcot, der einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch ist, reißt meine Ansichten und Absichten einfach um", schreibt Freud voller Ehrfurcht nach Hause. Weil sich im Gehirn verstorbener Hysterikerinnen keine organische Ursache für ihr Leiden fand, glaubten die meisten Neurologen damals, dass die Patienten ihre Symptome erfunden haben mussten. Charcot hingegen hatte die Hysterie als echte Krankheit diagnostiziert. Und er wagte zu fragen, ob und wie körperliche Symptome auf geistig-seelischen Ursachen beruhen könnten. Zurück in Wien, lässt Freud diese Frage nicht mehr los. Er vermutet den Schlüssel zu neurotischen Symptomen in frühen traumatischen - meist sexuellen - Erleb- nissen. Gleichzeitig ist er überzeugt davon, dass die Psyche irgendwie im Hirngewebe repräsentiert sein müsse. Als einer der Ersten trägt er die Idee vor, das Gehirn bestehe aus untereinander verknüpften Neuronen, die Nervennetze bilden. Dem Zeitgeist folgend, will Freud die Psychologie als Naturwissenschaft etablieren. Seine revolutionären Ideen von psychischen Vorgängen wie Trieben, Verdrängung oder Abwehr versucht er im "Entwurf einer Psychologie" aus dem Jahr 1895 sogleich in die Sprache der Neurophysiologie und Neuroanatomie zu übertragen. Doch seine Ideen sind der beschränkten Technik seiner Zeit voraus: Mit Skalpell und Mikroskop lassen sich die elektrischen und biochemischen Korrelate der Seele nicht nachweisen. Weil ihm - wie er selbst eingesteht - nur "ein Phantasieren, Übersetzen und Erraten" bleibt, bezeichnet er seinen "Entwurf" als "eine Art Wahnwitz" und wendet sich enttäuscht von der Neurobiologie ab. Zwar werde der Tag kommen, an dem "ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen" aufspürt, schreibt Freud. Aber: "Vorläufig steht uns nichts Besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik, und darum sollte man sie trotz ihrer Beschränkungen nicht verachten." HUNDERT JAHRE GESCHWISTERSTREIT Fortan verhielten sich Neurowissenschaften und Psychoanalyse zueinander wie trotzige Geschwister im Dauerclinch. An die hundert Jahre ringen sie nun schon um die Deutungshoheit über das menschliche Bewusstsein. Lange schien es, als habe die Psychoanalyse, die sich wie eine Geheimwissenschaft gegen Kritik und Überprüfung ihrer Theorien abschottete, den Anschluss verloren. Unbestritten ist indes der Einfluss des Revolutionärs der Seele auf sämtliche Bereiche unseres Alltagslebens: Gesellschaft, Kunst, Sprache, Familienbeziehungen - nahezu alles wird heutzutage durch die Freudsche Moulinette gehäckselt. Wohl kaum etwas hat den Blick auf das menschliche Dasein so stark verändert wie Freuds Lehre vom Unbewussten - jener inneren Region, in die der Mensch unangenehme und angsterregende Ideen und Wünsche verdrängt. Es waren ungeheuerliche Thesen, mit denen der junge Neurologe seine Zeitgenossen kränkte: Der Mensch, die Krone der Schöpfung - laut Freud ist er in Wahrheit nur ein Getriebener seiner unterdrückten sexuellen Wünsche. Während er glaubt, Herr im eigenen Haus zu sein, regieren im Keller seiner Seele anima- lische Triebe. Als Sklave seiner verdrängten frühkindlichen Erlebnisse hat er Angst und weiß nicht, wovor. Er träumt vom Treppensteigen und meint den Sexualakt. Er will etwas sagen, und heraus kommt das Gegenteil. Jedem Versprecher, jedem Traum, jeder Phantasie, so sinnlos sie auch erscheinen mochten, musste ein seelisches Motiv zugrunde liegen - schließlich unterlag das Seelenleben als Teil der Natur kausalen Gesetzen. Freuds Patientinnen litten an der schillernden Fin-de-Siècle-Krankheit Hysterie. Emmy von N. etwa klagte über konvulsive Tics, spastische Sprachhemmungen und entsetzliche Halluzinationen von Mäusen und sich windenden Schlangen. Auf Freuds Couch berichtete sie von ihren Träumen, er forderte sie auf, ihren Einfällen dazu freien Lauf zu lassen. Aus den Erzählungen seiner Neurotiker glaubte er herauszuhören, dass ihrem Leiden stets frühe sexuelle Konflikte zugrunde liegen. Die "Redekur", wie Freud die Psychoanalyse auch nannte, könne diese Neurosen heilen, indem sie die ver- drängten, krankmachenden Erinnerungen ins Bewusstsein hole. Erstmals auch lenkt er den Blick auf die weibliche Sexualität, die bis dahin nur dazu diente, Kinder zu zeugen. Rasch erwirbt die Psychoanalyse deshalb den Ruf einer Befreiungsbewegung, die mit den Verklemmungen des untergegangenen Kaiserreichs aufräumt. "Ein guter Psycholog ist im Stande, dich ohne weiters in seine Lage zu versetzen", spottete hingegen der österreichische Satiriker Karl Kraus. Unterdessen war Freud - nicht gegen seinen Willen - zum Propheten einer quasireligiösen Strömung geworden. Der Siegeszug seiner Erfindung, der Psycho- analyse, schien unaufhaltsam. Freud starb, hochgeehrt, 1939 im Londoner Exil. In den Vereinigten Staaten wurden seine im Nazi-Deutschland verfolgten Schüler empfangen wie Popstars. Rasch eroberten sie Schlüsselpositionen in den psychia- trischen Kliniken. Freudsche Paradigmen wurden als Universalheilmittel idealisiert. Krakenhaft dehnte sich die Psychoanalyse mit ihrem Absolutheits- anspruch in alle Lebensbereiche aus. Erst in den fünfziger Jahren - in den USA waren die Psychoanalytiker-Praxen mittlerweile so dicht gesät wie Optikerläden - geriet das überlebensgroße Denkmal ins Wanken. Die Erfolge der biologischen Psychiatrie und der Neurobiologie schlugen bald darauf neue, ungeahnte Pfade ins Dickicht des menschlichen Seelenlebens. Eines Tages könne es gelingen, mit "chemischen Stoffen die Energiemengen und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussen", hatte Freud einst selbst, durchaus hoffnungsvoll, vorhergesagt. Nun war es so weit: Psychiater griffen in die Stellwerke der Seele ein. Die Psyche war zu einem Gegenstand geworden; ihr physisches Korrelat, das Gehirn, war der Wissenschaft zugänglich wie Herz oder Leber. Die Erkenntnisse, die der Verfasser der "Traumdeutung" an der Couch gewonnen haben wollte, erschienen dagegen so nebulös wie der Rauch seiner Zigarren. Die Gegner hatten leichtes Spiel. Das weitverzweigte Theoriegebäude der Psycho- analyse ließ sich experimentell nicht stützen. Schon Freud selbst war überaus empfindlich gegen Kritik gewesen und konnte eigene Fehler oft nur schwer einge- stehen: So hatte er etwa Kokainspritzen als Mittel gegen Depressionen und Arbeits- unfähigkeit empfohlen, noch als das suchterzeugende Potential des Kokains längst bekannt war. Eine Überprüfung der therapeutischen Erfolge der Psychoanalyse hatte er niemals für nötig gehalten. Seine Nachfolger formierten sich teils sektenartig und wehrten sich erbittert gegen jegliche Form der wissenschaftlichen Annäherung. Als dann der Psychologe Hans Eysenck 1952 in London eine Studie vorlegte, nach der die Psychoanalyse die Genesung der Klienten sogar behindere, brach eine Welle von Hass und Ablehnung über Freuds Methode herein. Das "Freud-Bashing" kam in Mode: Der Medizin- Nobelpreisträger Peter Medawar gab die Psychoanalyse in den siebziger Jahren als "horrendeste Bauernfängerei des Jahrhunderts" zum Abschuss frei. Eine ganze Generation von Kritikern verhöhnte nun die Freudschen Ideen als Konglomerat moderner Mythen von Vatermord, Inzest und Penisneid - posthumer Absturz eines Superstars. Während 1945 in den USA ein Nicht-Psychoanalytiker kaum eine Chance hatte, Professor der Psychiatrie zu werden, erhielt in den siebziger Jahren kaum noch ein überzeugter Analytiker einen Lehrstuhl. Viele Neurologen und Psychiater halten heute die Psychoanalyse für Scharlatanerie - zumindest aber für ein langwieriges Luxusverfahren. Auch als intellektuelle Mode hat die Redekur ausgedient. Nach einem Bericht des Magazins "Time" behandelten die Mitglieder der American Psychoanalytic Association im vorletzten Jahr weniger als 5000 Patienten. Der einzige Ort, an dem noch Patienten auf der Couch liegen, so "Time", seien Woody-Allen-Filme und "New Yorker"-Cartoons. In ihren Labors förderten die Rivalen aus der Neurowissenschaft im gleichen Zeit- raum Kenntnisse zutage, von denen ein halbes Jahrhundert zuvor kein Mensch zu träumen gewagt hätte: Als enträtselt gelten die Schaltkreise der Wahrnehmung. Bis in molekulare Abläufe hinein verfolgen Forscher die Biologie des Erinnerns und der Emotionen. Längst lässt sich die Tätigkeit der Seele als elektrisches Aktivitätsmuster abbilden. Francis Crick, der Entdecker der DNA-Struktur, hatte schon Ende der siebziger Jahre behauptet, man könne das Rätsel des menschlichen Bewusstseins mit naturwissenschaftlichen Methoden knacken, alles nur eine Frage der Zeit. 1994 wähnte er sich am Ziel: "All Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit - bei alldem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nerven- zellen und dazugehörigen Molekülen", verkündete Crick in seinem Buch mit dem großspurigen Titel "Was die Seele wirklich ist". Doch die Euphorie reichte nicht weit: Als Crick 2003, ein Jahr vor seinem Tod, zusammen mit seinem Kollegen Christof Koch eine Ergebnisbilanz der neueren Hirnforschung zog, gaben die beiden zu, dass auch die subtilste Analyse neuronaler Vorgänge absolut nichts über die subjektive Seite der menschlichen Erfahrung aussagt: "Niemand hat bis jetzt irgendeine plausible Erklärung vorgelegt, wie die Erfahrung der Röte von Rot aus den Vorgängen im Gehirn entsteht." Das Bewusstsein mag sich darstellen als unendliches Feuern der Neuronen, als Zusammenwirken der Gene, Proteine und Botenstoffe, als Summe von Biochemie, Sozialem, Ererbtem. Der Mensch jedoch erlebt all das in einem anderen Aggregat- zustand: als vielschichtigen inneren Erzählstrom aus Bildern, Worten und Gefühlen - vage, flüchtig, mit Sprache nur annähernd zu beschreiben. Warum finde ich Erfüllung? Warum gefällt mir Blau besser als Rot? Warum fühle ich mich schuldig? - Zu diesen Fragen hat die Hirnforschung, die sich als Leit- disziplin der Humanwissenschaften positionieren will, bislang keinen Zugang gefunden. "Die Neuropsychologie ist etwas Großartiges", sagt der New Yorker Neurologe Oliver Sacks, "aber sie ignoriert die Psyche." HATTE FREUD DOCH RECHT? Als Student der Geschichte in Harvard hatte Eric Kandel leidenschaftlich mit Anhängern Freuds diskutiert. Das war vor 50 Jahren. Heute ist Kandel 75, Gedächtnisforscher, Nobelpreisträger. "Freuds Entwurf ist das noch immer schlüssigste und intellektuell befriedigendste Bild des Geistes", gibt er zu bedenken. "Ein Ansatz, um zu verstehen, warum der menschliche Geist gleichzeitig Goethe aufnehmen und Konzentrationslager erschaffen kann." Ein Ansatz mit Schwächen, zugegeben. Immer mehr Analytiker fragen sich heute, ob ihre Grundkonzepte überhaupt noch stimmen, und machen sich auf die Suche nach den molekularen Grundlagen des therapeutischen Handwerks. Andere warnen vor der "Neurologisierung des Psychischen". Und André Green, der betagte Doyen der französischen Psychoanalyse, mahnte jüngst, die Psychoanalyse sei keine Wissenschaft und solle gar nicht erst versuchen, eine zu werden. Doch aus der zersplitterten Gemeinschaft von Freuds Erben treten diejenigen hervor, die wie Marianne Leuzinger-Bohleber, Leiterin des Sigmund-Freud- Instituts in Frankfurt am Main, in der Versöhnung mit der Biologie die Zukunft sehen: "Psychoanalyse und Neurowissenschaften beschäftigen sich mit ähnlichen Fragen", sagt die Professorin aus der Schweiz. "Unsere Modelle psychischer Funktionen, die aus der klinischen Beobachtung entstanden sind, dürfen nicht im Widerspruch zum Erkenntnisstand von Neurobiologie oder Kognitionspsychologie stehen." Dabei macht die Hirnforschung den Analytikern durchaus Hoffnung. Der indische Hirnforscher Vilayanur Ramachandran etwa stimulierte in einem Experiment die geschädigte rechte Hirnhemisphäre einer Anosognosiepatientin mit einem ein- fachen sensorischen Reiz: Er träufelte ihr eiskaltes Wasser ins Ohr. Augenblicke später realisierte die Frau plötzlich, dass sie gelähmt war. Als die Reizwirkung des Eiswassers nachließ und das Symptom wieder von ihr Besitz ergriff, befragte Ramachandran sie erneut. Sie erinnerte sich an alle Details des Experiments, sogar welchen Schlips der Arzt dabei getragen hatte. Nur daran, dass ihr ihre Lähmung bewusst geworden war, erinnerte sie sich nicht. Ramachandran schließt daraus, dass Erinnerungen sehr wohl selektiv unterdrückt werden können: "Diese Patienten überzeugten mich zum ersten Mal davon, dass an dem Phänomen der Verdrängung etwas dran sein muss." Die Führungsrolle des Unbewussten hatte Benjamin Libet schon in den siebziger Jahren in einem Experiment nachgewiesen: Der Neurophysiologe bat Versuchs- personen, ihre Hand zu einem selbstgewählten Zeitpunkt zu bewegen. Sie sollten dabei auf die Uhr sehen und sich merken, wann sie den Befehl: "Finger krümmen" gegeben hatten. Das irritierende Ergebnis: Schon eine halbe Sekunde bevor die Testpersonen diese Entscheidung trafen, registrierte das EEG Aktivität in dem Areal des Gehirns, das die Hand steuert. Der bewusste Willensakt konnte demnach nicht die Ursache der Handlung sein. "Wir tun also nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun", so beschreibt der Münchner Psychologe Wolfgang Prinz die Vorherrschaft des Unbewussten. Auch einige andere von Freuds Konzepten haben sich in wesentlichen Punkten bestätigt: * Die fundamentale Bedeutung der frühen Kindheit wurde durch die Säuglings- forschung eindrucksvoll nachgewiesen. Angefangen im Mutterleib, bahnen frühe Erfahrungen neuronale Verknüpfungen im limbischen System, dem Gefühls- zentrum unseres Gehirns. Diese Verbindungen, die unser Verhalten prägen, sind so stabil, dass spätere Erfahrungen sie kaum verändern. * Als "Infantile Amnesie" bezeichnete Freud den Umstand, dass wir uns an Ereignisse aus der frühesten Kindheit nicht erinnern können. Die Hirnforschung erklärt, warum: Da die "Verdrahtung" zwischen Neuronen noch unvollkommen ist, fehlen die nötigen Netzwerke, um Erinnerungen korrekt abzuspeichern. Anfangs werden Erinnerungen nur vom impliziten (unbewussten) Gedächtnis aufgenommen. Die Erinnerungen sind aber vorhanden und beeinflussen uns - auch wenn wir keinen Zugriff auf sie haben. * Triebe bestimmen tatsächlich unser Leben. Allerdings erschöpft sich das Triebleben nicht im Freudschen Wechselspiel von Sexualität und Aggression. Neben einer Reihe von Instinktsystemen, die von Basisemotionen wie Wut, Panik, Furcht angetrieben werden, haben Hirnforscher das sogenannte Belohnungs- oder Suchsystem entdeckt - einen Dopamin-Schaltkreis, der bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Freuds "Libido" aufweist.  
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Die Natur der Seele Von Lakotta, Beate Hatte Sigmund Freud doch recht? Neue Untersuchungen der Hirnforschung scheinen seine umstrittenen Theorien über Verdrängung, Träume oder das Unbewusste zu bestätigen. Nun wollen Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker das Rätsel der Psyche gemeinsam entschlüsseln. Man kann Leute nicht entbehren, die den Mut haben, Neues zu denken, ehe sie es aufzeigen können. SIGMUND FREUD In der Nacht von Sonntag auf Montag erlitt Melanie Jacobs* einen Schlaganfall. Sie lag im Hof ihres Hauses in einem der besseren Townships von Kapstadt und konnte nicht mehr aufstehen. Ihr linker Arm und ihr linkes Bein waren gelähmt. Das Sonderbare war: Mrs Jacobs glaubte nicht, dass sie gelähmt war. "Lass den Quatsch, mir geht es gut", protestierte sie, als ihr Mann sie ins Groote Schuur Hospital brachte. Die neurologische Station besteht aus ein paar spartanischen Einzelzimmern, zwei kargen Sälen, drei Dutzend Betten mit Vorhängen dazwischen. Patienten kommen nach einem Schlaganfall oder mit der Alzheimerschen Krankheit hierher, andere haben ein von Drogen und Alkohol verwüstetes Gehirn, dazu kommen Leute mit einer Kugel im Kopf, Opfer von Unfällen, Raubüberfällen oder Mordversuchen. Südafrika eben. Besucher drängeln sich mit mitgebrachtem Mittagessen, Ventilatoren surren, irgendwo quäkt ein Fernseher. Das Haus könnte einen neuen Anstrich vertragen; aber lieber finanziert man Forschung, holt gute Wissenschaftler nach Kapstadt. Einer von ihnen ist der britische Neuropsychologe Mark Solms. Seit vielen Jahren arbeitet er mit Patienten, die unter bizarren Bewusstseinsstörungen leiden: ein Mann, der sein Gedächtnis verlor, nachdem er versucht hatte, sich aufzuhängen; eine Blinde, die überzeugt ist, sehen zu können; ein Krebspatient, der seit einer Hirntumoroperation nicht mehr weiß, wer er ist. Für die Wissenschaft sind solche Katastrophen ungemein aufschlussreich: Ein Hirnareal ist verletzt, eine Funktion verloren - daraus lässt sich ableiten, was dieses Gewebe im gesunden Hirn tut. Und nun also Melanie Jacobs: Sie will diesen Doktor an ihrer Bettkante loswerden. Warum soll sie mit den Augen seinen Fingern folgen und kindische Bilder zeichnen? Was soll das Gerede vom Schlaganfall, sie ist gerade mal 40! "Ich arbeite hart. Ich muss nach Hause", wehrt sie sich. "Mrs Jacobs", sagt Solms, "ich verstehe, dass Sie sich wünschen, alles sei in Ordnung. Aber ich bin leider überzeugt, dass Ihre linke Seite gelähmt ist. Bitte: Bewegen Sie Ihren linken Arm." Der Arm rührt sich nicht. "Und, können Sie ihn bewegen?", fragt Solms. "Ja." "Ich habe nichts gesehen." "Weil Sie nicht in meinem Kopf drin sind. Mit meinen inneren Augen habe ich gesehen, dass er sich bewegt." Ein Paradefall von Anosognosie: Uneinsichtigkeit. Für dieses sonderbare Krankheitsbild, das nach Schäden in Arealen der rechten Hirnhälfte auftritt, hat die Neuropsychologie drei hirnorganisch begründete Modelle: Stark vergröbert besagen sie, dass der Patient keine negativen Gefühle mehr erzeugen könne, dass seine Aufmerksamkeit für die linke Seite gestört sei, oder dass seine Fähigkeit, den eigenen Körper räumlich wahrzunehmen, verloren gegangen sei. Keines der Modelle beschreibt Mrs Jacobs'' Zustand vollständig. Eine willkommene Gelegenheit für Solms, Kollegen und Studenten bei der wöchentlichen Falldiskussion im Hörsaal mit seiner eigenen Hypothese über Anosognosie zu provozieren. Er ist überzeugt, dass die Störung gar nicht körperlich bedingt ist. Solms zeigt ein Video der Patientin, argumentiert leidenschaftlich, kommt zum Finale: "Mrs Jacobs kann die traurige Wahrheit nicht ertragen. Sie will nicht realisieren, dass sie gelähmt ist." Und dann fällt jener Name, der unter Neurologen und Psychiatern gemeinhin für aggressive Unruhe sorgt: "Sigmund Freud hätte gesagt: Sie verdrängt es." Schweigen in den Rängen. Zweifelndes Augenbrauen-Hochziehen. Skeptisches Interesse. Aber kein Sturm der Entrüstung. Es hat sich hier herumgesprochen, dass die wissenschaftliche Avantgarde wieder Interesse an den Ideen des Stammvaters der Psychoanalyse zeigt. Kollege Solms, Mittvierziger mit dem gutmütigen Gesicht eines Jungen vom Lande, nebenbei Weinbauer, ist auch Psychoanalytiker. Er wirkt als treibende Kraft dieser Strömung. Vielleicht ist es an der Zeit, den Fall Freud neu zu verhandeln? Fast sieht es so aus, als würden ausgerechnet die Neurowissenschaften, die Sigmund Freud von seinem Sockel stürzten, im 21. Jahrhundert seine Renaissance begründen. Nicht psychisch Kranke, sondern neurologische Patienten wie Mrs Jacobs sind es, die heute als wichtigste Kronzeugen dienen, wenn es um die Rehabilitierung des verhöhnten Giganten geht. In London hat Solms mit seiner Frau Karen, einer Psychoanalytikerin, am St. Bartholomew''s- und am Royal Hospital Dutzende solcher Patienten analytisch behandelt, ihre Träume durchforstet, ihre Gehirne im Tomografen studiert und die Beobachtungen in Bücher gefasst*. Freuds Ideen kreisten, genau wie diejenigen der modernen Hirnforscher, um das jahrtausendealte Leib-Seele- Problem: Wie hängen Gehirn und Psyche zusammen? Wie reagiert ein Gehirn auf traumatische Erlebnisse? Wie und wo entstehen Gedanken und Gefühle? Auf der Couch mögen solche Prozesse schwer zu fassen sein. Auf einer Neurologiestation dagegen, sagt Solms, lasse sich unmittelbar beobachten, wie das Gehirn als Organ der Psyche subjektives Erleben hervorbringt: "Diese Patienten sind keine Aliens, sondern Menschen mit Gefühlen, Wünschen, Phantasien." Zum Beispiel Mrs Jacobs: Unstrittig haben ihr abnormes Selbstbild und ihr übermächtiges Wunschdenken mit der Existenz eines hellen Flecks zu tun, der auf dem Kernspintomogramm ihres Hirns zu sehen ist. Das beschädigte Areal muss also auf irgendeine Weise zur Konstruktion dessen beitragen, was ihr "Ich" ist - etwa als Teil eines neuronalen Netzwerks, das dabei hilft, mit Verletzungen des Selbstwerts fertig zu werden; auch solche Prozesse spielen sich schließlich im Gehirn ab. Naturwissenschaftler wissen mit einem Begriff wie "Selbstwert" wenig anzufangen. Psychoanalytiker reden darüber wie Eskimos über Schnee: Sie kennen verschiedene Typen, haben Theorien über seine Entstehung und einen entsprechenden Wortschatz. "Ich glaube", sagt Solms, "dass wir auf der soliden Basis der klinischen Beobachtung die Psychoanalyse wieder mit der Neurowissenschaft vereinen können." Er hat allen Grund zum Optimismus. Der Versuch, die verfeindeten Disziplinen zu einer großen Synthese zusammenzufassen, hat bereits eine neue Fachrichtung hervorgebracht. Das Herausgebergremium ihrer Zeitschrift "Neuro-Psychoanalysis" liest sich wie ein "Who''s who" der Neurowissenschaft: Eric Kandel, Joseph LeDoux, Antonio Damasio, Benjamin Libet, Vilayanur Ramachandran, Wolf Singer. Freud ist wieder da - überall auf der Welt fahnden Neurobiologen, Psychologen, Psychiater und Psychoanalytiker in Arbeitsgruppen nach Schnittstellen ihres Wissens. "Freuds Einblicke in die Natur des Bewusstseins", postuliert Neurobiologe Damasio, "stehen in Einklang mit der Sichtweise der fortgeschrittensten modernen Neurowissenschaften." "Freud wollte damals genau das tun, was wir heute tun", sagt Mark Solms. "Weil er aber weder Computertomograf noch EEG hatte, gab er sein Projekt auf. Indem wir sein Werk korrigieren, revidieren und ergänzen, bringen wir es zu Ende." FREUD ALS HIRNFORSCHER Der erste Forscher, der die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Neuro- wissenschaft untersuchte, war Sigmund Freud selbst. Doch als der Seelen- kundler mit seinen spektakulären Theorien über Ödipuskomplex, Penisneid und Traumdeutung Weltruhm erlangte, geriet der Naturforscher Freud darüber in Vergessenheit. Als Stipendiat in Triest hatte der ebenso talentierte wie ehrgeizige Sohn eines jüdischen Wollhändlers das Nervensystem der Fische mikroskopiert und nach den Hoden des Aals gesucht. Damals gilt der junge Freud als überaus begabter Neuro-anatom. In einer Arbeit über Sprachstörungen (Aphasie) beschreibt er die neuro-logischen Grundlagen von Sprache. Sein Interesse gilt der Nervenheilkunde, einer jungen Disziplin, die ihren Patienten wenig mehr als Beruhigungsmittel und Ruhe- kuren anzubieten hat. Mit einem Reisestipendium in der Tasche reist Dr. med Sigmund Freud 1885 aus Wien nach Paris. An der Salpêtrière seziert er im Labor von Jean- Martin Charcot Kindergehirne. Fasziniert sieht Freud zu, wie der große Neurologe bei Patienten unter Hypnose hysterische Lähmungen erzeugt oder löst. "Charcot, der einer der größten Ärzte, ein genial nüchterner Mensch ist, reißt meine Ansichten und Absichten einfach um", schreibt Freud voller Ehrfurcht nach Hause. Weil sich im Gehirn verstorbener Hysterikerinnen keine organische Ursache für ihr Leiden fand, glaubten die meisten Neurologen damals, dass die Patienten ihre Symptome erfunden haben mussten. Charcot hingegen hatte die Hysterie als echte Krankheit diagnostiziert. Und er wagte zu fragen, ob und wie körperliche Symptome auf geistig-seelischen Ursachen beruhen könnten. Zurück in Wien, lässt Freud diese Frage nicht mehr los. Er vermutet den Schlüssel zu neurotischen Symptomen in frühen traumatischen - meist sexuellen - Erlebnissen. Gleichzeitig ist er überzeugt davon, dass die Psyche irgendwie im Hirngewebe repräsentiert sein müsse. Als einer der Ersten trägt er die Idee vor, das Gehirn bestehe aus untereinander verknüpften Neuronen, die Nervennetze bilden. Dem Zeitgeist folgend, will Freud die Psychologie als Naturwissenschaft etablieren. Seine revolutionären Ideen von psychischen Vorgängen wie Trieben, Verdrängung oder Abwehr versucht er im "Entwurf einer Psychologie" aus dem Jahr 1895 sogleich in die Sprache der Neurophysiologie und Neuroanatomie zu übertragen. Doch seine Ideen sind der beschränkten Technik seiner Zeit voraus: Mit Skalpell und Mikroskop lassen sich die elektrischen und biochemischen Korrelate der Seele nicht nachweisen. Weil ihm - wie er selbst eingesteht - nur "ein Phantasieren, Übersetzen und Erraten" bleibt, bezeichnet er seinen "Entwurf" als "eine Art Wahnwitz" und wendet sich enttäuscht von der Neurobiologie ab. Zwar werde der Tag kommen, an dem "ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen" aufspürt, schreibt Freud. Aber: "Vorläufig steht uns nichts Besseres zu Gebote als die psychoanalytische Technik, und darum sollte man sie trotz ihrer Beschränkungen nicht verachten."
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