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Physiker Harald Lesch spricht
über Bayerns Kernfusions-Pläne:
„Das muss irgendeine Magie
sein“
Stand:07.03.2026, 07:57 Uhrdeo in 6
Im Freistaat soll das erste
funktionierende Fusionskraftwerk
entstehen. Doch der Plasma- und
Astrophysiker Harald Lesch hat
Zweifel. Im Interview erklärt er,
warum das nicht funktionieren kann.
Der deutsche Physiker Harald Lesch hält nichts von
den Kernfusions-Plänen Bayerns. (Archivbild) ©
IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Herr Lesch, eine ganz einfache
Frage zum Einstieg: Wann können
wir mit Strom aus einem
Kernfusionsreaktor aus der
Steckdose rechnen?
Wenn ich mich an Sibylle Günter
erinnere, die Generaldirektorin des
Max-Planck-Instituts für
Plasmaphysik, dann sagt die:
„Sicherlich nicht vor 2050“. Das
wären also noch rund 25 Jahre. Wenn
Sie aber sehen, wie lange Stuttgart 21
dauert, wie lange es dauert, bis in
Deutschland überhaupt mal was
passiert, dann hat man von daher
schon eine gewisse Trägheit. Das
zweite ist, dass unglaublich viele
technische Probleme in der
Kernfusion noch überhaupt nicht
gelöst sind. Deswegen dauert das
noch sehr lange. Die ganze
Kernfusions-Community schaut dabei
auf den ITER-Reaktor in Cadarache
(Frankreich, Anm. d. R.). Der befindet
sich seit 2007 im Bau. Von einem
funktionierenden Reaktor sind wir
noch weit entfernt.
Welches erfolgversprechende
Konzept gibt es aktuell bei der
Kernfusion?
Bei der Kernfusion muss gasförmiges
Plasma auf bis zu 170 Millionen Grad
erhitzt werden. Dieses Plasma wird
im sogenannten magnetischen
Einschlussverfahren in ein sehr
starkes Magnetfeld eingeschlossen
werden, was in der Regel in
ringförmigen Anlagen versucht wird.
In diesen Anlagen sollen dann die
Bedingungen geschaffen werden, bei
denen kleine Wasserstoffkerne
miteinander verschmelzen. Dabei
wird Energie freigesetzt, und das ist
auch der Prozess, mit dem Sterne
über lange Zeit ihr Energiereservoir
füllen. Bei dem magnetischen
Einschluss gibt es zwei Prinzipien, den
Tokamak und den Stellarator.
Letzterer hat den Vorteil, dass das
Magnetfeld von außen um das Plasma
herumgelegt wird. Und der Stellarator
wird sich wahrscheinlich als die
Methode herausstellen, die eines
schönen Tages als Technologie
realisiert wird. Allerdings forscht man
seit Jahrzehnten an diesem
magnetischen Einschlussverfahren.
Umso erstaunlicher ist es, dass jetzt
der Eindruck entsteht, als wären wir
kurz vor einem Durchbruch. Das ist
aber keine Frage von einigen Jahren,
sondern von mehreren Jahrzehnten.
Nun plant die bayerische
Landesregierung in Zusammenarbeit
mit Unternehmen, den ersten
funktionsfähigen Fusionsreaktor bis
Mitte der 2030er Jahre zu bauen.
Was wissen die, was wir nicht
wissen?
Das möchte ich auch mal wissen, was
die wissen, was wir nicht wissen.
Alleine das Genehmigungsverfahren
für die Anlagen wird einige Jahre
dauern. Und wir haben ja noch nicht
einmal einen Reaktortyp, sondern
bislang nur einen
Forschungsreaktortyp. Der ist in
Cadarache seit vielen Jahren im Bau
und wird immer teurer und teurer. Mit
zwei Milliarden wird man keinen
Kernfusionsreaktor bauen. Beim ITER
in Frankreich spricht man eher von 20
Milliarden Euro. Ich weiß nicht, wie
sich die Kosten auf ein Zehntel
reduzieren sollen – das muss
irgendeine Magie sein. Aber das ist
etwas vollkommen anderes als die
tatsächliche Physik.
Welche Probleme sehen Sie beim
Bau eines Fusionsreaktors in
Deutschland?
Durch die Beteiligung von Start-ups
kommt es zu einem Phänomen, das
wir im Allgemeinen bei
Kernkraftwerken nie so gesehen
haben: nämlich dieses massive
Interesse am Geldverdienen. Das
heißt auch, die Kosten zu reduzieren.
Vor allem, weil privates Kapital im
Geschäft ist. Aber Sicherheit kostet
immer Geld, diesen Kostendruck
können wir also gar nicht wollen. Wir
sollten als Gesellschaft fordern, dass
diese Anlagen, wenn sie denn gebaut
werden, auch sicher sind.
Wenn Sie sich die bestehenden
Kernkraftwerke anschauen, kosten die
zwischen 15 und 25 Milliarden Euro.
Und daran sieht man das Problem, das
hinter dieser Technologie steckt. Das
sind Anlagen mit außerordentlich
hohen Investitionskosten. Und um die
wieder reinzubekommen, brauchen
Sie einen 24-Stunden-Betrieb. Auf
diesen Dauerbetrieb ist unser
Energiesystem aber nicht ausgelegt.
Wir benötigen Anlagen, die wir an-
und ausschalten können. Außerdem
muss ich anmerken, dass die
Fusionsanlagen nicht ohne
radioaktiven Müll auskommen, auch
wenn der mit geringeren
Zerfallszeiten daherkommt. Wir
haben ganz andere Möglichkeiten,
preisgünstig, außerordentlich flexibel
und mit einer hohen Effizienz
Grundlast anzubieten.
Welche Alternativen meinen Sie?
Wenn man sich die Zahlen bei der
Energierevolution anschaut, die
gerade über Windräder und
Fotovoltaik überall auf der Welt
stattfindet, dann sieht man, dass hier
durch Massenproduktion viel günstiger
Energie erzeugt werden kann. Wenn
Sie an Fotovoltaik denken, da haben
Sie die Module, einen Wechselrichter,
ein paar Kabel, und dann müssen Sie
das irgendwie ans Netz bringen. Der
Preisabsturz bei PV, Windkraft und
zuletzt auch bei den Batterien zeigt
ganz deutlich, wo die Reise hingeht.
Nämlich hin zu den erneuerbaren
Energien. Große Maschinen, wie etwa
Fusionskraftwerke, passen nicht mehr
in den globalen Energiemix.
Warum setzt Deutschland dann nicht
konsequent auf Erneuerbare,
sondern drängt auf Technologien
wie Kernfusion?
Deutschland hatte die Fotovoltaik-
Technik schon vorangebracht. Dann
haben wir die aber aufgegeben und
China verdient damit heute Geld. Wir
haben die Windkraft aufgegeben und
damit verdienen alle anderen heute
Geld. Und wir haben auch die
Batterieentwicklung angetrieben und
wieder aufgegeben. Wir haben also
mehrere große technologische
Entwicklungen angestoßen, waren
aber nicht in der Lage, die
Subventionen so voranzutreiben, dass
die Technologien, Arbeitsplätze und
Wertschöpfung bei uns geblieben
sind. Mein Eindruck ist, dass man
jetzt bei der Kernfusion den nächsten
Anlauf nimmt, nach dem Motto „the
next big shit in town“. Aber wenn
man mit zwei Milliarden einen
funktionierenden Reaktor bauen will,
glaubt man an Wundertechnologien,
die es nach meiner Einschätzung nicht
gibt.
Erlauben wir uns trotzdem das
Gedankenspiel: Bayern schafft es
und baut den ersten
funktionsfähigen Fusionsreaktor.
Was würde das für die
Energiesicherheit auf der Welt
bedeuten?
Nix. Schauen Sie, auf der ganzen Welt
hat Kernenergie einen Beitrag von
weniger als zehn Prozent. Das ist gar
nichts. Die Nutzung von Kernkraft ist
angesichts der erneuerbaren
Energien, in Kombination mit
Batterien, eigentlich eine
Rohrkrepierer-Technologie. Das ist
vorbei, weil sie wahnsinnig hohe
Kosten und Risiken produziert.
Denken Sie daran: Wir haben in
Deutschland 1700 Castorenbehälter
mit radioaktivem Müll an der
Oberfläche stehen, die darauf
warten, in ein Endlager zu kommen.
Das wird überhaupt nicht mehr
angesprochen.
Der Strom, der aus der Steckdose
kommt, ist nicht davon zu
unterscheiden, ob er aus der
Kernfusion, einer PV-Anlage oder
einer Windkraftanlage kommt.
Solange wir genügend Anlagen mit
den entsprechenden
Batteriespeichern haben, plus einigen
Gaskraftwerken für steuerbare
Kapazitäten bei Dunkelflauten, haben
wir ein wunderbares Energiesystem.
Das gilt es auszubauen, das gilt es zu
nutzen und resilient zu machen, statt
mit einer weiteren Technologie
anzufangen, deren Entwicklung im
wahrsten Sinne des Wortes in den
Sternen steht.
Quelle:
https://www.fr.de/wirtschaft/physiker-
harald-lesch-zu-bayerns-kernfusions-plaenen-
das-muss-magie-sein-zr-94206080.html
Harald Lesch (BR-alpha,
27.09.1998):
Brauchen wir die Kernfusion
NANO Magazin (3sat, 18.02.2026):
Kernfusion als Klimaretter?