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Freiheit in Grün
Für eine Politik, die ökologisch ist - und liberal VON RALF FÜCKS
Wenn es um Bürgerrechte geht, um sexuelle Selbstbestimmung
oder um „Freiheit statt Überwachung“ im Internet, sind die Grünen
ganz in ihrem Element. Die Herausforderung für eine freiheitliche
grüne Politik liegt auf anderen Feldern, bei denen es einen starken Sog zum Etatismus
und Dirigismus gibt: Ökologie und Wirtschaftspolitik. Hier kollidiert die antiautoritäre
Tradition der Grünen mit der ebenso tief sitzenden Versuchung, die Menschheit zu
ihrem Glück zu nötigen. Wie das Echo auf den verunglückten Vorstoß für einen
obligatorischen „Veggie Day“ gezeigt hat, reagiert auch das ökologisch aufgeklärte
Publikum ausgesprochen empfindlich auf staatliche Eingriffe in die persönliche
Lebensführung. Der groß aufgezogene grüne Freiheitskongress war nicht zuletzt ein
Versuch, dem Image einer Gouvernantenpartei zu entkommen.
Nun ist der Konflikt zwischen individueller Freiheit und ökologischem Imperativ
beileibe keine grüne Marotte. Schon die Urschrift der Ökologiebewegung, der 1972
unter dem Titel Grenzen des Wachstums publizierte Report an den Club of Rome, ist
von einem autoritären Grundton durchzogen. Die Antwort auf die drohende
Selbstzerstörung der industriellen Moderne sieht er in einer umfassenden
Reglementierung von Produktion, Konsum und Fortpflanzung. An die Stelle von
Markt und Wettbewerb tritt eine zentrale Verwaltungswirtschaft. Das ist
Autoritarismus im Namen der Freiheit: Wer die natürlichen Lebensgrundlagen
verteidigt, verteidigt zugleich die Freiheit der Nachkommenden. Pluralismus von
Lebensstilen, Konsumfreiheit, Reisdreiheit, Unternehmerfreiheit erscheinen
angesichts von Klimawandel und dem Kollaps ganzer Ökosysteme als frivoler Luxus.
Was sollte daran verkehrt sein, benzinfressende Geländewagen zu verbieten oder
die Anzahl der Flugreisen pro Kopf zu limitieren? Wenn uns die Klimawissenschaft
vorrechnet, dass wir nicht mehr als zwei Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr in die
Atmosphäre entlassen dürfen, um die Erderwärmung bei etwa zwei Grad zu halten –
weshalb teilen wir dann nicht jedem Individuum ein Emissionskontingent zu, nach
dem es sein Leben einrichten muss?
Wer die ökologische Krise als Resultat überschießender menschlicher Ansprüche
begreift, landet nicht von ungefähr bei autoritären Konsequenzen. Dann geht es in
erster Linie um die Einschränkung des Konsums und die und die gerechte Verteilung
des Weniger, eine Kombination aus Öko-Puritanismus „meteorologischem
Sozialismus“ (Sloterdijk).
Auch für ökologische Politik gilt, dass der hehre Zweck nicht jedes Mittel heiligt.
Freiheit ist mehr als die bloße Einsicht in die Notwendigkeit, Selbstbestimmung ist
unteilbar und Demokratie ist ein Wert an sich, der nicht zugunsten eines grünen
TinaPrinzips (there is no alternative) außer Kraft gesetzt werden darf.
Wie eine freiheitliche Ökologiepolitik aussieht, die der Versuchung zu Bevormundung
und allumfassender Reglementierung entkommt, ist noch nicht ausbuchstabiert.
Dazu gehört, dass es uns nicht um den „neuen Menschen“ geht, sondern um eine
neue Produktionsweise. Keine ökologische Politik kommt ohne Regulierungen,
Grenzwerte und Verbote aus.
Aber sie sind nicht der Schlüssel für die Lösung der ökologischen Frage. Unsere
wichtigste Ressource ist die Freisetzung von Kreativität und Innovation - auch in
dieser Hinsicht sind Demokratien die bessere Alternative zu autoritären Regimen.
Der klassische Liberalismus postuliert den Zusammenhang zwischen politischer
Freiheit und einer freiheitlichen Wirtschaftsverfassung. Nicht von ungefähr zählt das
Recht auf Eigentum zu den Menschenrechten. Die Konzentration wirtschaftlicher
Macht in der Hand des Staates ist eine Bedrohung der Freiheit. .Für die Grünen ist
das eher ein fremder Gedanke. Wenn das Stichwort „Markt“ fällt, antworten wir mit
„Regulierung“, Unternehmertum verbinden wir gern mit Gier und Wettbewerb mit
Rücksichtslosigkeit. Kritik, die nicht aus der Luft gegriffen ist. Dennoch verkennt
diese Sicht die produktive Kraft, die in Marktwirtschaft und Unternehmergeist liegt.
„Grüner Ordoliberalismus“ könnte eine Antwort auf die Frage sein, wie Regulierung
und Selbstverantwortung, Staat und Markt auszubalancieren sind. Politik muss den
Ordnungsrahmen vorzugeben, in dem sich Unternehmen und Konsumenten frei
betätigen können. Dazu gehört, dass die Preise die ökologische Wahrheit sagen, die
volkswirtschaftlichen Kosten eines Produkts müssen sich in der Preisbildung
widerspiegeln. Ressourcensteuern und Abgaben auf Emissionen sind effektiver als
eine Vielzahl von Einzelvorschriften. Starke Kartellbehörden müssen für
funktionierenden Wettbewerb sorgen. Staatliche Regulierung soll das freie Spiel der
Kräfte nicht ersetzen, sondern ermöglichen. Ohne innovative Unternehmen keine
ökologische Transformation.
Wenn die Grünen eine Partei der Freiheit sein wollen, können sie sich nicht auf die
bürgerrechtliche Schokoladenseite des Liberalismus beschränken. Dann muss auch
ihre Ökologie-, Wirtschafts- und Sozialpolitik freiheitlichen Ansprüchen genügen. Es
gibt aber noch einen blinden Fleck der grünen Freiheitsdebatte: ihre innerparteiliche
Kultur. Ob der Geist der Freiheit bei den Grünen weht, zeigt sich nicht zuletzt daran,
wie sie mit Dissens in den eigenen Reihen umgehen. Winfried Kretschmann war so
frei, dem mit der Bundesregierung ausgehandelten Asylkompromiss zuzustimmen.
Das kann man mit guten Gründen kritisieren. Aber auch für innerparteiliche
Kontroversen sollte der Satz Voltaires gelten: „Ich werde Ihre Meinung bis an mein
Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass
Sie sie aussprechen dürfen“.
Die Zeit, 25. September 2014