Mittwoch, 06.11.1991, ca. 10:00
Am 5.3.1987 forderte ein Erdbeben in Ecuador 3000 Menschenleben; fast ausschließlich im
Oriente, in der Umgebung des Epizentrums, das in der Nähe des Vulkans Reventador lag.
Die allermeisten Todesopfer waren eine Folge von Überschwemmungen. Das Erbeben hatte
Erdrutsche ausgelöst, die die Flüsse anstauten, welche sich einige Zeit später in einer
gewaltigen Flutwelle befreiten. Als wir anderthalb Jahre später den Reventador bestiegen,
waren noch überall die Spuren des Erdbebens zu sehen.
Eine sehr ausführliche Analyse des Bebens findet sich hier.
Ich war auf das Erlebnis einer Erderschütterung neugierig, und es war auch abzusehen,
dass mir in dieser erdbebengefährdeten Region, die zum pazifischen Feuerring gehört,
früher oder später eines beschert werden würde. Im Verlauf der sieben Jahre waren es
auch einige Erdstöße; dass jedoch ein Beben der Stärke 6,7 auf der Richterskala mit dabei
sein sollte, war von mir so nicht erbeten.
Ein erstes Vorbeben hatte sich um etwa acht Uhr abends ereignet. Ich saß zu dieser Zeit
im Keller der Casa Humboldt, wie regelmäßig sonntagabends um diese Stunde, als noch
die Videos mit den deutschen Sportsendungen, vor allem aktueller
Bundesligaberichterstattung vom Vortag, von der Lufthansa eingeflogen wurden. Zuerst
hatte ich den Eindruck, jemand würde an meinem Sessel rücken, und danach, als sei der
ganze Raum auf Gummi gelagert. Einige erfahrene Leute verließen unauffällig den unter
Erdniveau gelegenen Raum und kehrten nicht wieder.
Es war kurz nach elf, ich war zurückgekehrt und Bn. und ich hatten uns zu Hause
niedergelegt und waren eben eingeschlafen, als das eigentliche Beben begann. Die
Erfahrung ist sehr elementar und lässt sich nur ganz ansatzweise wiedergeben, und ist
besonders unangenehm, wenn man aus dem Schlaf gerissen wird. Durch die starke, lang
andauernde Bewegung eines festgefügten Hauses wird ein Grundvertrauen erschüttert, mit
keiner mir bekannten Erfahrung vergleichbar. Auch jetzt noch, vier Jahre danach, bin ich
hypersensibilisiert und reagiere mit einem Anflug von Panik, wenn jemand von hinten an
meinem Stuhl rüttelt.
Bis wir den Angstschock überwunden und uns überlegt hatten, was zu tun sei, waren die
vielleicht 20 Sekunden vorüber, die die Erdstöße andauerten. Wie viele zigtausende in
Quito verließen wir das Haus, jedoch nicht, um wie die meisten Quiteños unserer Zone im
Carolina-Park zu übernachten, sondern um uns in den Jeep zu begeben, den ich
sicherheitshalber aus dem Einsturzbereich des Hauses auf die Straße fuhr, und auch
nochmal die Position korrigierte, um auch außer Reichweite des Beton-Lichtmastes an der
Straße vor unserem Haus zu gelangen.
Quito, Donnerstag, 13.02.1992, 16:00
Eben rief M.Z. an: J.J. hat aus Deutschland angerufen, unser Kollege M.H. hat sich
erhängt: Der Spieler hat aufgegeben.
Zurück zum Erdbeben, wenig fehlt noch. Etwas später war der Schwager unseres
Hausherrn zurückgekehrt und traf das Haus von der gesamten Familie verlassen an. Er
hatte den Mut, ungeachtet weiterer kleinerer Erdstöße ins Haus zu gehen, und kam mit
einer Flasche Johnny Walker (Black Label) zurück. Er setzte sich zu uns in den Jeep, da wir
nicht wussten, wohin die restlichen Hausbewohner geflüchtet waren, und er nicht, wohin er
jetzt sollte. Gegen zwei Uhr war die Flasche leer. Worüber wir gesprochen haben, weiß ich
nicht mehr, nur dass ich einmal aus dem Jeep fiel, als ich zum Pinkeln wollte. Aufgrund der
Unterstützung durch die Flasche mit dem schwarzen Etikett hatten später auch wir genug
Mut, ins Haus zurückzukehren und uns wieder in die Betten zu legen, wo wir auch
blendend schliefen und von einem kleineren Nachbeben nichts bemerkten.
Nach 4 Stunden Schlaf klingelte der Wecker, um 7 Uhr stand ich, immer noch in den
Krallen des Whiskys, eingeschränkt arbeitsbereit, vor der Deutschen Schule. Diese jedoch
war, abgesehen von R.R., menschenleer: In der gesamten Sierra war der öffentliche Dienst
durch die Regierung untersagt worden.
Welches Verhältnis ich zu dem Land gewonnen habe, was es mir bedeutet, vor allem was
es mir künftig bedeuten wird, vermag ich noch nicht abzuschätzen. Zu glauben, ein
Lebensabschnitt von über sieben Jahren in einem so faszinierenden fremden Land kann
keine große Bedeutung (angesichts aller noch kommender Abenteuer) haben, vermag man
allerdings wahrscheinlich nur als Jugendlicher. Mit 39 ist mir die Endlichkeit von Leben und
Erfahrungen bewusster.
Die Natur des Landes hat mich wohl mehr in ihren Bann gezogen als seine Bewohner. Die
lateinamerikanische Mentalität, auch wenn man jetzt vieles von ihr zu ahnen beginnt,
bleibt mir reichlich fremd. Die meisten Menschen sind langsam und im produktiven Sinne
ineffektiv. Hier steht die Bürokratie stellvertretend für andere Bereiche in vorderster Linie.
Ich befürchte, dass, würde man hier für immer leben, man sich auch immer in der
Diaspora befinden würde.
Allerdings muss man erst mal abwarten, wie uns die Menschen nach der Rückkehr nach
Deutschland bekommen werden.
Den Deutschen wünschte ich einen Schuss der lateinamerikanischen Mentalität: Das wäre
ein Cocktail, der munden könnte.
Die Natur des Landes ist mir sehr nah und lieb geworden, und ich werde sie vermissen. Die
Küste, d.h. Cabañas, Palmenstrand, Sonne, Meeresfrüchte, Wellen, Wärme, Wind, Sand,
Kieselsteine, mit Wein oder Bier, war stets ein Labsal, eine Oase, ein Auftanken. Der
radikale Wechsel vom kühlen Bergort Quito innerhalb weniger Stunden im Auto, innerhalb
30 Minuten mit dem Flugzeug ins tropische Tiefland, stellt die vielleicht größte Faszination
des Landes dar. Auf der einen Seite die Cordillera hinab an den tropischen Pazifik, auf der
anderen Seite in das Amazonasbecken, wo wir uns in einer Woche wieder zu einer
viertägigen Tour aufmachen werden.
Während ich dies niederschreibe, sitze ich auf der Dachterrasse unserer wunderschönen
Wohnung in der Calle Guanquiltagua, es ist die ehemalige, von mir ehemals bewunderte
Wohnung von K., die Sonne steht etwa noch ein Viertel über dem Pichincha, dem
Hausvulkan Quitos, die Stadt zieht sich unter mir das Tal entlang, ein lindgrünes Getränk
neben mir.
Die drei Zonen Costa – Sierra - Oriente sind in jeder Hinsicht verschieden, verschieden, als
führe man in ein anderes Land.
Der Oriente erscheint grenzenlos, ein Land, in dem man leicht spurlos verschwinden kann,
untertauchen kann, ein Reich der Freiheit. Die Brust atmet frei, wenn man hinter Baeza
oder hinter Baños die Kordillere hinabfährt, und auch wenn man das Ölpalmenfeld hinter
Santo Domingo hinter sich lässt und die Costa nicht mehr weit ist.
Mittwoch, 11.03.1992, 09:30
Stellvertretend für andere Orientefahrten ein kleiner Bericht von der Reise am
vergangenen Karnevalswochenende.
Samstag früh fuhren wir los. Inzwischen ist die Straße bis zur Passhöhe asphaltiert, was
auf der Strecke bis Papallacta etwa eine halbe Stunde Zeitersparnis erbringt. Danach
beginnt die unerbittliche Rüttelpiste. In Baeza aßen wir traditionell bei „Gina“ ein
„Churrasco“. Nach 7 Stunden langten wir in Lago Agrio an, der Ort unverändert schmutzig
und ölverschmiert, die Hauptstraße mit tiefsten Schlaglöchern. Wir übernachteten nicht wie
sonst im Hotel „Cayapa“, sondern im Hotel „Lago“, einer neuen Bungalowanlage, die
binnen dreier Jahre einen modrigen Eindruck machen wird. Am nächsten Morgen
überquerten wir mit unseren Fahrzeugen den Rio Aguarico auf einer Fähre und machten
uns auf den Weg nach Shushufindi bzw. Limoncocha. Bei einem Stopp, durch die
abgerissene Benzinleitung bei den Di.s verursacht, entdeckte ich, dass der Kühler unseres
Jeeps beträchtlich leckte. Ich füllte zweimal nach, einmal aus einem Bach am Weg, und
hielt dann bei der nächsten 15-Häuser-Ortschaft, genannt „El Eno“ an. Dort verfügte in der
Tat jemand über ein Schweißgerät und Lötzinn.
In Limoncocha endete die (sehr schlechte) Straße: es gab nur noch einen Nebenarm des
Rio Napo und die mehrere Meter hohe Anlegestelle, an der früher das „Flotel“ Gäste
übernommen hatte. Erdölarbeiter warteten auf ihren Abtransport per Kanu, in der Ferne
wummerten die Detonationen der Erdölexploration und ließen die Erde erzittern. Das Erdöl
war allgegenwärtig; die mit dem
Abfallprodukt Bitumen verkleisterte
Straße war bei Nässe spiegelglatt.
Wir fuhren bis zur Abzweigung
zurück, und als wir in Coca
eintrafen, war die Nacht bereits
hereingebrochen. In Coca (offiziell
Puerto Francisco de Orellana, völlig
ungebräuchlich) herrschte
Stromausfall, wir verzehrten das
Abendmahl bei Kerzenschein,
wobei die Köchin ausdrücklich auf
ihre fettfreie Zubereitung des
Fleisches in Bier hinwies.
Die Schenke gegenüber verfügte
unglücklicherweise über ein
Notstromaggregat, so dass die
ganze Nacht über Musik nebst
Geschrei die schwülheiße tropische Atmosphäre bereicherten; dazu gesellte sich das
Lastwagengedonner der direkt an unseren Schlafräumen vorbeiführenden Straße. Um 5
Uhr morgens ließ ein abfahrender Gast seine Camioneta vor unserem Fliegennetzfenster
warmlaufen. Um diese Zeit hatte es etwa 25 °C.
Am Vormittag musste der Kühler erneut gelötet werden, in einer der üblichen Werkstätten:
Ein kleiner hölzerner Geräteschuppen, auf zwei Seiten offen, auf langen Holzpfählen ein
Wellblechdach über dem motoröldurchtränkten Erdboden. Es war Rosenmontag, die
landesüblichen Karnevalswasserschüttereien in vollem Gang, kein Passant, ob zu Fuß oder
im Auto mit offenem Fenster vorbeifahrend wurde verschont. Eine dicke Negermammi, die
den männlichen Passanten Wasser vorne in die Hosen goss, tat sich besonders hervor.
Auch K. Di. und sein Vater R. wurden nicht verschont. Als einige Leute anderen Altfett in
die Haare schmierten und wiederum andere sich mit Schüsseln voll Altöl bewaffneten,
drohte die Szene für einen Moment abzugleiten.
Die darauffolgende Strecke zwischen Coca und Tena war sehr wenig befahren und
überwiegend sehr schön.
Zwischen Archidona und Tena war dann der Jeep
fast nicht auf der Straße zu halten und neigte
dazu, schon bei geringsten Geschwindigkeiten
seitwärts Richtung Straßengraben abzudriften. Am
nächsten Morgen stellte sich heraus, dass ein
Stoßdämpfer abgebrochen war.
In Tena übernachteten wir im stimmungsvollen
Hotel „Auca“ über dem Fluss. Riesige Zimmer,
vergangene Pracht. Am frühen Morgen waren ein
irrsinniges Gekicher, Weibergekreisch, und
„Fuirio“-Rufe zu vernehmen.
Es dauerte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass
das von einem Papagei kam.
Hinter Tena fielen noch die hinteren Bremsen aus
(Bremszylinder gebrochen), und zu Hause wies die Karosserie
neue Risse auf.
Orientefahrten fordern ihren Tribut.
© strapp 2019
Mittwoch, 06.11.1991, ca. 10:00
Am 5.3.1987 forderte ein Erdbeben in
Ecuador 3000 Menschenleben; fast
ausschließlich im Oriente, in der
Umgebung des Epizentrums, das in der
Nähe des Vulkans Reventador lag. Die
allermeisten Todesopfer waren eine
Folge von Überschwemmungen. Das
Erbeben hatte Erdrutsche ausgelöst, die
die Flüsse anstauten, welche sich einige
Zeit später in einer gewaltigen Flutwelle
befreiten. Als wir anderthalb Jahre
später den Reventador bestiegen, waren
noch überall die Spuren des Erdbebens
zu sehen.
Eine sehr ausführliche Analyse des
Bebens findet sich hier.
Ich war auf das Erlebnis einer
Erderschütterung neugierig, und es war
auch abzusehen, dass mir in dieser
erdbebengefährdeten Region, die zum
pazifischen Feuerring gehört, früher
oder später eines beschert werden
würde. Im Verlauf der sieben Jahre
waren es auch einige Erdstöße; dass
jedoch ein Beben der Stärke 6,7 auf der
Richterskala mit dabei sein sollte, war
von mir so nicht erbeten.
Ein erstes Vorbeben hatte sich um etwa
acht Uhr abends ereignet. Ich saß zu
dieser Zeit im Keller der Casa
Humboldt, wie regelmäßig
sonntagabends um diese Stunde, als
noch die Videos mit den deutschen
Sportsendungen, vor allem aktueller
Bundesligaberichterstattung vom
Vortag, von der Lufthansa eingeflogen
wurden. Zuerst hatte ich den Eindruck,
jemand würde an meinem Sessel
rücken, und danach, als sei der ganze
Raum auf Gummi gelagert. Einige
erfahrene Leute verließen unauffällig
den unter Erdniveau gelegenen Raum
und kehrten nicht wieder.
Es war kurz nach elf, ich war
zurückgekehrt und Bn. und ich hatten
uns zu Hause niedergelegt und waren
eben eingeschlafen, als das eigentliche
Beben begann. Die Erfahrung ist sehr
elementar und lässt sich nur ganz
ansatzweise wiedergeben, und ist
besonders unangenehm, wenn man aus
dem Schlaf gerissen wird. Durch die
starke, lang andauernde Bewegung
eines festgefügten Hauses wird ein
Grundvertrauen erschüttert, mit keiner
mir bekannten Erfahrung vergleichbar.
Auch jetzt noch, vier Jahre danach, bin
ich hypersensibilisiert und reagiere mit
einem Anflug von Panik, wenn jemand
von hinten an meinem Stuhl rüttelt.
Bis wir den Angstschock überwunden
und uns überlegt hatten, was zu tun sei,
waren die vielleicht 20 Sekunden
vorüber, die die Erdstöße andauerten.
Wie viele zigtausende in Quito verließen
wir das Haus, jedoch nicht, um wie die
meisten Quiteños unserer Zone im
Carolina-Park zu übernachten, sondern
um uns in den Jeep zu begeben, den ich
sicherheitshalber aus dem
Einsturzbereich des Hauses auf die
Straße fuhr, und auch nochmal die
Position korrigierte, um auch außer
Reichweite des Beton-Lichtmastes an
der Straße vor unserem Haus zu
gelangen.
Quito, Donnerstag, 13.02.1992, 16:00
Eben rief M.Z. an: J.J. hat aus
Deutschland angerufen, unser Kollege
M.H. hat sich erhängt: Der Spieler hat
aufgegeben.
Zurück zum Erdbeben, wenig fehlt
noch. Etwas später war der Schwager
unseres Hausherrn zurückgekehrt und
traf das Haus von der gesamten Familie
verlassen an. Er hatte den Mut,
ungeachtet weiterer kleinerer Erdstöße
ins Haus zu gehen, und kam mit einer
Flasche Johnny Walker (Black Label)
zurück. Er setzte sich zu uns in den
Jeep, da wir nicht wussten, wohin die
restlichen Hausbewohner geflüchtet
waren, und er nicht, wohin er jetzt
sollte. Gegen zwei Uhr war die Flasche
leer. Worüber wir gesprochen haben,
weiß ich nicht mehr, nur dass ich
einmal aus dem Jeep fiel, als ich zum
Pinkeln wollte. Durch die
Unterstützung des schwarzen Etiketts
hatten später auch wir genug Mut, ins
Haus zurückzukehren und uns wieder
in die Betten zu legen, wo wir auch
blendend schliefen und von einem
kleineren Nachbeben nichts
bemerkten.
Nach 4 Stunden Schlaf klingelte der
Wecker, um 7 Uhr stand ich, immer
noch in den Fängen des Whiskys,
eingeschränkt arbeitsbereit, vor der
Deutschen Schule. Diese jedoch war,
abgesehen von R.R., menschenleer: In
der gesamten Sierra war der öffentliche
Dienst durch die Regierung untersagt
worden.
Welches Verhältnis ich zu dem Land
gewonnen habe, was es mir bedeutet,
vor allem was es mir künftig bedeuten
wird, vermag ich noch nicht
abzuschätzen. Zu glauben, ein
Lebensabschnitt von über sieben Jahren
in einem so faszinierenden fremden
Land kann keine große Bedeutung
(angesichts aller noch kommender
Abenteuer) haben, vermag man
allerdings wahrscheinlich nur als
Jugendlicher. Mit 39 ist mir die
Endlichkeit von Leben und Erfahrungen
bewusster.
Die Natur des Landes hat mich wohl
mehr in ihren Bann gezogen als seine
Bewohner. Die lateinamerikanische
Mentalität, auch wenn man jetzt vieles
von ihr zu ahnen beginnt, bleibt mir
reichlich fremd. Die meisten Menschen
sind langsam und im produktiven Sinne
ineffektiv. Hier steht die Bürokratie
stellvertretend für andere Bereiche in
vorderster Linie. Ich befürchte, dass,
würde man hier für immer leben, man
sich auch immer in der Diaspora
befinden würde.
Allerdings muss man erst mal abwarten,
wie uns die Menschen nach der
Rückkehr nach Deutschland bekommen
werden.
Den Deutschen wünschte ich einen
Schuss der lateinamerikanischen
Mentalität: Das wäre ein Cocktail, der
munden könnte.
Die Natur des Landes ist mir sehr nah
und lieb geworden, und ich werde sie
vermissen. Die Küste, d.h. Cabañas,
Palmenstrand, Sonne, Meeresfrüchte,
Wellen, Wärme, Wind, Sand,
Kieselsteine, mit Wein oder Bier, war
stets ein Labsal, eine Oase, ein
Auftanken. Der radikale Wechsel vom
kühlen Bergort Quito innerhalb weniger
Stunden im Auto, innerhalb 30 Minuten
mit dem Flugzeug ins tropische
Tiefland, stellt die vielleicht größte
Faszination des Landes dar. Auf der
einen Seite die Cordillera hinab an den
tropischen Pazifik, auf der anderen
Seite in das Amazonasbecken, wo wir
uns in einer Woche wieder zu einer
viertägigen Tour aufmachen werden.
Während ich dies niederschreibe, sitze
ich auf der Dachterrasse unserer
wunderschönen Wohnung in der Calle
Guanquiltagua, es ist die ehemalige
Wohnung von K., die Sonne steht etwa
noch ein Viertel über dem Pichincha,
dem Hausvulkan Quitos, die Stadt zieht
sich unter mir das Tal entlang, ein
lindgrünes Getränk neben mir.
Die drei Zonen Costa – Sierra - Oriente
sind in jeder Hinsicht verschieden,
verschieden, als führe man in ein
anderes Land.
Der Oriente erscheint grenzenlos, ein
Land, in dem man leicht spurlos
verschwinden kann, untertauchen kann,
ein Reich der Freiheit. Die Brust atmet
frei, wenn man hinter Baeza oder hinter
Baños die Kordillere hinabfährt, und
auch wenn man das Ölpalmenfeld
hinter Santo Domingo hinter sich lässt
und die Costa nicht mehr weit ist.
Mittwoch, 11.03.1992, 09:30
Stellvertretend für andere
Orientefahrten ein kleiner Bericht von
der Reise am vergangenen
Karnevalswochenende.
Samstag früh fuhren wir los. Inzwischen
ist die Straße bis zur Passhöhe
asphaltiert, was auf der Strecke bis
Papallacta etwa eine halbe Stunde
Zeitersparnis erbringt. Danach beginnt
die unerbittliche Rüttelpiste. In Baeza
aßen wir traditionell bei „Gina“ ein
„Churrasco“. Nach 7 Stunden langten
wir in Lago Agrio an, der Ort
unverändert schmutzig und
ölverschmiert, die Hauptstraße mit
tiefsten Schlaglöchern. Wir
übernachteten nicht wie sonst im Hotel
„Cayapa“, sondern im Hotel „Lago“,
einer neuen Bungalowanlage, die
binnen dreier Jahre einen modrigen
Eindruck machen wird. Am nächsten
Morgen überquerten wir mit unseren
Fahrzeugen den Rio Aguarico auf einer
Fähre und machten uns auf den Weg
nach Shushufindi bzw. Limoncocha. Bei
einem Stopp, durch die abgerissene
Benzinleitung bei den Di.s verursacht,
entdeckte ich, dass der Kühler unseres
Jeeps beträchtlich leckte. Ich füllte
zweimal nach, einmal aus einem Bach
am Weg, und hielt dann bei der
nächsten 15-Häuser-Ortschaft, genannt
„El Eno“ an. Dort verfügte in der Tat
jemand über ein Schweißgerät und
Lötzinn.
In Limoncocha endete die (sehr
schlechte) Straße: es gab nur noch einen
Nebenarm des Rio Napo und die
mehrere Meter hohe Anlegestelle, an
der früher das „Flotel“ Gäste
übernommen hatte. Erdölarbeiter
warteten auf ihren Abtransport per
Kanu, in der Ferne wummerten die
Detonationen der Erdölexploration und
ließen die Erde erzittern. Das Erdöl war
allgegenwärtig; die mit dem
Abfallprodukt Bitumen verkleisterte
Straße war bei Nässe spiegelglatt.
Wir fuhren bis zur Abzweigung zurück,
und als wir in Coca eintrafen, war die
Nacht bereits hereingebrochen. In Coca
(offiziell Puerto Francisco de Orellana,
völlig ungebräuchlich) herrschte
Stromausfall, wir verzehrten das
Abendmahl bei Kerzenschein, wobei die
Köchin ausdrücklich auf ihre fettfreie
Zubereitung des Fleisches in Bier
hinwies.
Die Schenke gegenüber verfügte
unglücklicherweise über ein
Notstromaggregat, so dass die ganze
Nacht über Musik nebst Geschrei die
schwülheiße tropische Atmosphäre
bereicherten; dazu gesellte sich das
Lastwagengedonner der direkt an
unseren Schlafräumen vorbeiführenden
Straße. Um 5 Uhr morgens ließ ein
abfahrender Gast seine Camioneta vor
unserem Fliegennetzfenster
warmlaufen. Um diese Zeit hatte es
etwa 25 °C.
Am Vormittag musste der Kühler erneut
gelötet werden, in einer der üblichen
Werkstätten: Ein kleiner hölzerner
Geräteschuppen, auf zwei Seiten offen,
auf langen Holzpfählen ein
Wellblechdach über dem
motoröldurchtränkten Erdboden. Es
war Rosenmontag, die landesüblichen
Karnevalswasserschüttereien in vollem
Gang, kein Passant, ob zu Fuß oder im
Auto mit offenem Fenster
vorbeifahrend wurde verschont. Eine
dicke Negermammi, die den
männlichen Passanten Wasser vorne in
die Hosen goss, tat sich besonders
hervor. Auch K. Di. und sein Vater R.
wurden nicht verschont. Als einige
Leute anderen Altfett in die Haare
schmierten und wiederum andere sich
mit Schüsseln voll Altöl bewaffneten,
drohte die Szene für einen Moment
abzugleiten.
Die darauffolgende Strecke zwischen
Coca und Tena war sehr wenig befahren
und überwiegend sehr schön.
Zwischen Archidona und Tena war
dann der Jeep fast nicht auf der Straße
zu halten und neigte dazu, schon bei
geringsten Geschwindigkeiten seitwärts
Richtung Straßengraben abzudriften.
Am nächsten Morgen stellte sich
heraus, dass ein Stoßdämpfer
abgebrochen war.
In Tena übernachteten wir im
stimmungsvollen Hotel „Auca“ über
dem Fluss. Riesige Zimmer, vergangene
Pracht. Am frühen Morgen waren ein
irrsinniges Gekicher, Weibergekreisch,
und „Fuirio“-Rufe zu vernehmen.
Es dauerte einige Zeit, bis mir klar
wurde, dass das von einem Papagei
kam.
Hinter Tena fielen noch die hinteren
Bremsen aus (Bremszylinder
gebrochen), und zu Hause wies die
Karosserie neue Risse auf.
Orientefahrten fordern ihren Tribut.
© strapp 2019