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Siegfried Trapp
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Meine Radikalisierung Der Autor entdeckte mit Ende 40 seine Freude am Radfahren. Er dachte, er handele vernünftig und sogar zum Wohle aller. Bis er merkte, wie die Autofahrer ihn behandeln: Als Verkehrshindernis Von Henning Sußebach Die Sache hatte lange vor dem Unfall begonnen. Bevor ich im Krankenhaus lag, das Knie operiert und im Kopf diese eine Frage: War es mein Fehler gewesen, oder ist die Welt da draußen fehlerhaft? Schon das klingt vermessen, ich weiß. Aber in diesem Artikel soll ja auch die Radikalisierung eines Radfahrers nachgezeichnet werden. Es wird um körperliche Verletzungen und seelische Verletzlichkeit gehen, um das Recht des Stärkeren und die Reizbarkeit des Schwächeren. Und letztlich um die Frage, was wir als radikal wahrnehmen und was wir als normal begreifen. Zunächst zu mir. Ich bin ein Mann von Ende 40. Meine Frau, unsere beiden Kinder und ich, wir leben in einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, nahe der Hamburger Stadtgrenze. Wir wohnen in einem dieser Einfamilienhäuser, die zuletzt in Verruf geraten sind, weil sie viel Fläche und Energie verbrauchen und weil die Wege in die Stadt recht weit sind. In unserer Nachbarschaft gehört zu jedem Haus ein Carport. Dass wir eine der wenigen Familien sind, die mit nur einem Auto auskommen, hat erst einmal wenig mit ökologischem Ehrgeiz zu tun, sondern mit dem Glück, kurze Arbeitswege zu haben. Wir können beide radeln, meine Frau ins nicht allzu entlegene Büro, ich zum Regionalbahnhof, zwei Kilometer entfernt. Der alte Golf vor unserer Tür steht meist herum und kommt vor allem bei schlechtem Wetter, größeren Einkäufen und Urlauben zum Einsatz. Das hätte sich auch anders entwickeln können. Autos haben für mich durchaus einen Reiz. Bis heute habe ich jede Folge der Streaming-Serie The Grand Tour gesehen, in der drei exzentrische Briten ihre fast erotisch aufgeladene Liebe zu allerlei Sportwagen ausleben. Und vor einigen Jahren noch fuhr ich einen in meinen Augen sehr eleganten Alfa Romeo. Leider führten die meisten Fahrten ihn und mich zur Werkstatt. Der Wagen war ein Ärgernis, schon die Beschreibung "teures Vergnügen" gliche einem Euphemismus. Ich verkaufte ihn. Wäre das Auto zuverlässiger gewesen, wäre ich heute womöglich Mitglied eines Alfa-Fanclubs. Wer weiß. Das erwähne ich aus der Überzeugung heraus, dass man nie nur aus eigenem Antrieb heraus der wird, der man ist, der man gern wäre oder als der man gesehen wird. Es sind auch die Umstände, die uns prägen. Mich hat ein Auto zum Radfahrer gemacht! Moral oder Ideologie spielten zunächst keine große Rolle. Mein Wandel begann im Frühjahr vor drei Jahren, nach einem langen Winter. Hin und wieder beschloss ich morgens, nicht nur zum Regionalbahnhof zu radeln, sondern bis ins Hamburger Zentrum, in die Redaktion. Rückblickend kommt es mir so vor, dass ich auch das nicht selbst entschied. Es geschah mir eher; ich hatte das Gefühl, Licht und Luft könnten nicht schaden. Wer kennt das nicht. Anfangs radelte ich nur bei gutem Wetter und auf Straßen, die mir heute grotesk gefährlich erscheinen, nämlich auf den Routen, die mir als Autofahrer vertraut waren. Trotzdem löste sich jedes Mal ein Versprechen ein, das ich mir vorab gar nicht gegeben hatte: Auf den ersten Kilometern, noch zwischen Feldern, atmete ich tiefer durch als sonst. Und in der sich verdichtenden Stadt hatte ich spätestens am Ufer der Außenalster, beim Einbiegen in dieses fantastische Panorama, den Eindruck, Teil einer Postkarte zu werden. Zwar nahm ich schon damals die Enge, den erratischen Verlauf und das abrupte Ende vieler Radwege wahr und wartete an zig Ampeln, die für den Autoverkehr getaktet waren – dennoch war da ein Glücksüberschuss: Im Frühjahr roch ich den Raps, im Sommer die Linden, im Herbst die Nässe des Bodens. Das Wetter war in aller Regel besser als auf den dräuenden Symbolen der Vorhersage-Apps. Dazu war ich auf dem Sattel nochmals ein anderer Mensch als zu Hause oder im Büro, nicht Vater oder Kollege oder Nachbar, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut und Muskeln und Puls (was auch ein Nachteil ist, von dem noch die Rede sein wird). Ich blieb schlank oder wurde wenigstens langsamer dick. Die freigestrampelten Endorphine trugen mich durch den Tag. Abends konnte ich mir ein Bierchen gönnen. Nachts schlief ich gut. So fuhr ich öfter und öfter, nie jeden Tag, bis heute nicht, denn die Tour dauert eine Stunde, so viel Zeit hat man nicht immer. Einige Monate benutzte ich das alte Rad, mit dem ich zum Bahnhof gejuckelt war. Dann beschloss ich, mir ein neues zu kaufen. Marke Schindelhauer, Modell Siegfried. Wer hier stutzt und sich fragt, ob so eine Erwähnung nicht Schleichwerbung ist, wer an dieser Stelle also eine erste Entfremdung zum Autor spürt ... den möchte ich von der anderen Seite des kleinen Befremdlichkeits-Bruchs zurückfragen: Warum kam der Gedanke an Schleichwerbung nicht schon bei der Erwähnung der Autos in diesem Artikel? Ich glaube, das hat mit unserer Alltagskultur zu tun. Damit, was wir als gewöhnlich verstehen. Es ist normal, zu erzählen, was für ein Auto man fährt. Nicht aber, welches Fahrrad. Woran liegt das? Obwohl das Auto das wohl wichtigste deutsche Wirtschaftsgut ist, millionenfach produziert, beworben, verkauft, nehmen wir es mehrheitlich noch als etwas anderes wahr: als Objekt zur Selbstbeschreibung. Wer sich einen Mercedes kauft, sagt damit etwas über sich und seine Einstellung zum Leben, zur Mobilität, zum Konsum. Das tut ebenso, wer einen Volvo fährt. Auch ein Dacia ist ein Statement. Jede Kaufentscheidung ist mit einer Selbsteinordnung und einer Auskunft an die anderen verbunden. Nun wollte ich ein Fahrrad für mich als Fortbewegungsmittel in den Rang des Autos rücken. Folglich wählte ich es – typisch Mann in mittleren Jahren – nach ähnlichen Kriterien aus. Auch als Radfahrer hat man längst die Wahl zwischen zig Alternativen, die wieder Aussagen beinhalten: Rennrad, Klapprad oder E-Bike? Stahl, Aluminium oder Carbon? Mein neues Rad war keine neun Kilogramm schwer, hatte einen Rahmen aus nacktem Alu, einen Carbon-Riemen statt Kette, gute Bremsen, nur einen einzigen Gang und kostete trotzdem viel. Kein Verzichtsgefährt, eher ein Silberpfeil, made in Germany. Wie ein Autokäufer erlag auch ich dem technoiden Kitzel einer Maschine, in diesem Fall eines Modells, das in seiner Reduktion alles ausstrahlte, was ich am Radfahren zu schätzen gelernt hatte: mit wie wenig Materialaufwand man seine Reichweite vergrößert! Wie perfekt Mensch und Maschine in ihren Proportionen harmonieren! Wie mechanisch fein und doch nachvollziehbar alles funktioniert! Aus diesen Gründen hat mein Kollege Maximilian Probst das Radfahren einmal als "die letzte humane Technik" beschrieben. Mein Rad war so schlicht, dass ich darauf fast zwangsläufig Turnschuhe, Jeans, T-Shirt und Helm tragen musste, kein Trikot in Signalfarben. So weit war ich gedanklich gekommen auf meinen ersten Fahrten: Ich wollte nicht aussehen wie eine radelnde Wurstpelle oder ein rechthaberischer Radritter. Ich wollte flink und lässig sein wie ein Fahrradkurier. Wie jeder Besitzer eines neuen Gefährts glaubte auch ich auf dem neuen Rad anfangs zu schweben, was nicht nur an den perfekten Kugellagern lag. Ich fuhr im Schnitt zwei, drei Stundenkilometer schneller als zuvor und war auf eine Art enthusiastisch, die ich mir heute unter anderem mit Nostalgie erkläre: Nach dem Abitur hatte ich mich schon einmal auf ein Rad gesetzt und war losgefahren, durch das soeben demokratisierte Osteuropa bis an die Grenze zur Sowjetunion. Später noch über die Alpen, Flüsse entlang, durch allerlei Länder. Damals ließ ich auf dem Rad die Kindheit hinter mir. Es war ein Freiheitsvehikel. Nun, mit dem Kauf des neuen Rades, hatte ich eine Entscheidung gefällt in einer Lebensphase, in der man sonst eher wenige Entschlüsse fasst. Hochzeit, Kinder, Wahl des Wohnorts – in den Vierzigern liegt das einige Zeit zurück. Aber sich ein Herz fassen? Wenigstens ein neues Hobby erschließen? Das macht Spaß und Männer in der Midlifecrisis zu schwer berechenbaren Wesen. Im Gegensatz zu einer Affäre oder dem Kauf eines Sportwagens erschien mir meine Wahl rational: Als Radfahrer würde ich gesund leben und niemandem schaden. Zum Klimawandel würde ich auch etwas weniger beitragen. Es fühlte sich alles sehr gut und groß an. Leider war das den anderen auf der Straße nicht klar. Je öfter ich nun aufbrach, desto häufiger hatte ich den Eindruck, dass ich für Autofahrer Luft war. Radelte ich morgens fröhlich los, durch die Vorortstraßen meiner Nachbarschaft, die gegenüberliegende Fahrbahn zugeparkt, meine Spur frei – zog jedes zweite mir entgegenkommende Auto kompromisslos durch. Ich bremste dann und blieb entweder stehen oder quetschte mich an Straßenränder, holperte durch Schlaglöcher, rumpelte über Gullis. Einige Autofahrer bekamen davon nichts mit, anderen war es offenbar egal. Mich ärgerte das. Hätte ich in einem Auto gesessen, wären die entgegenkommenden Wagen doch stehen geblieben! Diese Missachtung tat mir weh. Dass ich es da mit einem uralten Menschheitsgefühl zu tun hatte, erklärte mir ein belesener Bekannter: Schon vor 2500 Jahren hatte Sophokles seinen Ödipus die gleiche Erniedrigung erfahren lassen – mit den bekannten Folgen. In Sophokles’ Drama ist der tragische Held als Wanderer unterwegs, als ihm auf schmalem Pfad ein "rossbespannter Wagen" begegnet. Der Kutscher beharrt von oben herab auf Durchfahrt, der Passagier im Wagen gibt sich ebenso arrogant. Da erschlägt Ödipus rasend vor Wut zunächst den Kutscher und dann den Fahrgast, von dem er nicht weiß, dass der sein Vater ist. Es gilt § 6 der Straßenverkehrsordnung (StVO): Wartepflichtig ist der, auf dessen Seite die Fahrbahn blockiert ist. Sollte die verbliebene Spur breit genug sein, dass zwei Fahrzeuge passieren können, müssen beide ihre Geschwindigkeit anpassen. Breit genug ist die Spur aber nur dann, wenn der Radfahrer nicht gezwungen wird, seinen Sicherheitsabstand zum rechten Fahrbahnrand aufzugeben, und das ihm entgegenkommende Auto dazu einen Meter auf Distanz bleiben kann. Das ist selten der Fall – und vorab eigentlich nie sicher abzuschätzen. Heute würden an der antiken Engstelle vermutlich Verkehrsschilder stehen, jedenfalls gibt es Regeln. Sie lesen sich fußnotenkompliziert und sind letztlich doch einfach. Auf seiner Straßenseite hat der Radfahrer Vorfahrt. Doch das juckt die Kutscher kaum. Gemeinhin gelten wir Deutschen ja als regelkonform, sogar regelgierig. Auf dem Rad musste ich allerdings lernen, dass draußen ein "Gesetz der Straße" gilt, ungeschrieben und omnipräsent. Es ist der Gewohnheitsglaube, dass Straßen den Autos gehören. Und dass 50 km/h Normalgeschwindigkeit sind. Deshalb kommt sich ein Autofahrer in einer 30er-Zone ohnehin langsam vor ... und noch langsamer, wenn ein Radfahrer mit 24 km/h vorwegfährt. Da fährt er dicht auf, um seine Ungeduld kundzutun. Da quetscht er sich schnell vorbei, sobald sich die kleinste Lücke auftut. Da vergisst er beim Öffnen der Fahrertür den Schulterblick. Nicht alles ist Absicht, einiges geschieht unbewusst, oft handelt es sich nur um Mikroaggressionen, wie Sozialpsychologen wiederkehrende kleine Übergriffe nennen. Es mag kaum der Rede wert sein, dass nahezu alle Besitzer eines Geländewagens, der zu lang oder zu breit für einen Parkplatz ist, den Überhang ihres Gefährts nicht auf die Straße ragen lassen, sondern auf den Geh- und Radweg. In der Summe können solche Mikroaggressionen makro sein: Irgendwann kommt die alte Dame mit dem Rollator nicht mehr durch, und auch ein Fahrradlenker ist zu breit für den verbliebenen Raum. Ich kann nicht genau sagen, ob mir all das auf meinem neuen Rad wirklich öfter widerfuhr, jedenfalls nahm ich es häufiger wahr. Aber lag das an mir? Ich wollte mich nur mit der gleichen Selbstverständlichkeit durch die Stadt bewegen wie die anderen. Das war zu viel verlangt. Zwar wird mittlerweile über autofreie Innenstädte und Tempolimits diskutiert, aber die Wahrheit lautet, frei nach James Brown: This is a car’s world. Und das bis in die hintersten Winkel unserer Gepflogenheiten und Gehirne. Entfernungen machen wir uns in "Autostunden" begreiflich. Sprachlich geben wir im Berufsleben "Gas" und schalten im Urlaub "einen Gang runter". In Zeitungen werden Unfallmeldungen zu schuldlos überrollten Passanten mit Überschriften wie "Kind gerät unter Auto" oder "Radfahrerin stürzt in abbiegenden Lkw" versehen. Stirbt jemand ohne eigenes Zutun, fehlt nicht der Hinweis, das Opfer habe leider keinen Helm getragen. Irgendwie doch selbst schuld. Stand je in einer Unfallmeldung, ein Auto, dem die Vorfahrt genommen wurde, sei leider "unauffällig lackiert" gewesen? Nein, so denken wir nicht. Drei Viertel aller Neuwagen in Deutschland sind nachtschwarz, regengrau oder nebelweiß – während Fußgänger und Radfahrer sich mit Reflektoren ausstaffieren und bepolstern, sobald sie im Dunklen das Haus verlassen. Als gingen sie einem Extremsport nach. Dabei wollen sie nur zur Schule, zur Arbeit oder kurz mit dem Hund raus, der inzwischen auch Leuchtweste trägt. Einmal, es war Winter, postete ich auf Twitter ein Foto. Es zeigte eine vom Schnee geräumte Straße, daneben einen vereisten Fuß- und Radweg. Unter das Bild schrieb ich das Wort "Prioritäten". Eine Antwort, die ich erhielt: "Dann fahrt mit dem ÖPNV! Wenn bei solcher Witterung jemand mit einem Zweirad vor mir wegrutscht werde ich statt zu bremsen nochmal schön das Lenkrad einschlagen und den Kopf anvisieren. Fahrräder und alles unter 40 PS haben nichts im Straßenverkehr zu suchen!!!!!" Zivilisierter im Ton, aber ähnlich unnachgiebig in der Sache gab sich einmal ein Herr, der für seinen Geschmack nicht schnell genug an mir vorbeikam, dann aber Zeit hatte, ein Fenster herunterzulassen und zu rufen: "Sie wissen schon, dass Sie ein Verkehrshindernis darstellen!?" Für die Information, dass wir beide Verkehrsteilnehmer sind, hatte er dann schon wieder keine Zeit mehr. Warum einige Menschen so ticken, hat mir ein Sozialgeograf erklärt; ein Mann, der erforscht, wie Gesellschaften ihre Umgebung prägen – und die Umgebung dann wieder das Handeln der Gesellschaft bestimmt. Deutschland, sagte er, sei über Jahrzehnte ausschließlich für den erwerbstätigen Teil der Bevölkerung gestaltet worden. Früher waren das Berufstätige mit Auto, meistens Männer. Alle Aspekte, die entscheidend seien fürs Bruttosozialprodukt, hätten Vorrang gehabt bei der materiellen Gestaltung der Welt. Kinder, nach ökonomischen Kriterien unproduktiv, werden deshalb "in umzäunte Bereiche abgesondert", Alte suchen sich mühsam ihre Wege, Frauen hasten durch düstere Unterführungen. Wir sind ein Land der Staubsaugervertreter, bis heute: In der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, die der Politik vorschlägt, wie breit ein Radweg sein darf und wie lange Fußgänger auf Grün warten müssen, sitzen zu über 80 Prozent Männer. Einige von ihnen arbeiten hauptberuflich bei Straßenbaufirmen. Zwar hat eine neue Stadtplaner-Generation die Versäumnisse erkannt. Aber Straßen lassen sich schlecht radikal umwidmen, allenfalls hier und da mal hundert Meter. Zu alldem Beton kommt noch das Beharren vieler. Nie waren in Deutschland mehr Autos zugelassen als heute. All das nahm ich jetzt klarer wahr. Als Störfaktor für den "Verkehrsfluss" nach Kfz-Kriterien schaute ich selbst verstört auf mein bis dahin vertrautes Umfeld. Ähnlich wie jemand, der kein Fleisch mehr essen will und bemerkt, wie fleischbeladen unsere Speisekarten sind. Gewohntes erschien mir nun absonderlich: Wären Zeitreisen möglich, dachte ich, und man würde die Autos der Jetztzeit im Jahr 1950 abstellen, die Menschen wären erschrocken in Anbetracht der grimmigen Kühlergrillgesichter, die das Lächeln des VW Käfers verdrängt haben. Vermutlich würden sich die Eltern von damals auch beschweren, dass Kinder auf den Straßen von heute nicht spielen könnten. Dass wir uns indes damit abfinden, unseren Töchtern und Söhnen eine Art Todesangst vor Bordsteinkanten anzuerziehen, sobald sie laufen lernen, liegt daran, dass sich die Veränderung des Verkehrs schleichend statt schlagartig vollzog. Wenn ein neues Automodell größer ist als das alte, ist in der Werbung immer von "Evolution" die Rede, als vollziehe sich da ein natürlicher Prozess. Dabei ist es Irrsinn. Zahllose Studien belegen es: Straßenverkehr stellt hierzulande die größte Quelle für Lärmbelästigung dar. Wenn Kinder an einer dicht befahrenen Straße wohnen, bewegen sie sich seltener und werden darüber krank. Die meisten "Verkehrsfolgekosten" für die Allgemeinheit verursacht das Auto. Diese Aufzählung könnte endlos weitergehen. Meine Entscheidung, mehr Rad zu fahren, war also unbestreitbar vernünftig. So, wie es Sinn ergibt, auf Fleisch zu verzichten. Aber mein Entschluss war nicht üblich in dem Sinne, dass die Mehrheit so handelt. Man gerät an den Rand. Und dass Radfahrer in Deutschland eine Randerscheinung sind, bekam ich zu spüren. Nur kurz drei Klassiker, der Anschauung wegen: Klassiker 1: Gut gemeint, schlecht gemacht Laut Gesetzeslage gilt der Überholabstand von 1,50 Metern innerorts auch an Schutzstreifen. Es gibt Radwege. Und es gibt "Radfahrschutzstreifen" am rechten Fahrbahnrand, ein auf die Straße gestricheltes Nichts in Autotür-Breite, für jede Kommune die billigste Lösung, scheinbar etwas für Radler zu tun. Das Resultat gleicht einer Todesfalle: Fährt man mittig auf dem Schutzstreifen, bewegt man sich stets in Tür-Reichweite der parkenden Autos. Fährt man weiter links, schneiden einen viele der überholenden Wagen, deren Fahrer ja annehmen, bis zum Strichel-Strich gehöre die Straße ihnen. Das tut sie nicht, aber wer würde ohne Knautschzone darauf bestehen? Also bleibt man als Radfahrer rechts, lauscht nach hinten, blickt nach vorne und scannt jedes parkende Auto auf die Möglichkeit einer sich unversehens öffnenden Tür hin, auf jedwede Spur von Leben, auf Fahrersilhouetten, heruntergelassene Fenster, aufleuchtende Rücklichter, sich aus- oder einklappende Rückspiegel. Wer sich als Autofahrer schon darüber ärgert, dass der Vordermann bei Grün zu spät losfährt, kann gerne mal tauschen. Klassiker 2: Unwissen vor Recht Ist auf einem Fußweg ein weißes Schild zu sehen, darauf die Silhouette eines Fahrrads und das Wort "frei" – dann fühlen sich vor allem ältere Autofahrer berufen, Radler von der Straße zu hupen, sie zu bedrängen und zu brüllen: "Da ist ein Radweg, du Idiot, benutz doch den!" In Wahrheit ist es Nötigung. Denn das weiße Schild signalisiert nur: Dies ist ein Gehweg, auf dem auch Radler fahren dürfen. Wenn sie wollen. Die StVO unterscheidet grob gesagt zwischen Radwegen mit Benutzungspflicht (blaue Schilder) und solchen ohne (weiße Schilder). Bei Letzteren liegt die Entscheidung beim Radfahrer, ob er auf der Straße oder auf dem Fußgängerweg fährt. Missverständnisse sind dann hier wie dort wahrscheinlich. Ein wirklich "benutzungspflichtiger" Radweg befindet sich nur da, wo ein weißes Fahrrad auf blauem Grund zu sehen ist. Aber wer weiß das schon? Was gilt und was nicht, das entscheiden laut Gesetz der Straße ja die Autofahrer, nach meinem Eindruck vor allem die angejahrten, die vor 40 Jahren in der Fahrschule waren und denen man ihren Irrglauben nicht ausreden kann. Denn nach ihrem Umerziehungs-Überholmanöver sind sie auf und davon, kopfschüttelnd. Klassiker 3: Parabelflug Ein Auto kommt aus einer Einfahrt, einer Seitenstraße ... und hört nicht auf zu rollen, rückt näher und näher. Für den Fahrer mag’s sich "souverän" oder "sportlich" anfühlen, wenn es ihm gelingt, den Radler vorbeizulassen, ohne eine Sekunde zu viel zu verschenken. Als gehe es nicht darum, auf eine Straße einzubiegen, sondern um einen über Jahre vorausberechneten Parabelflug durchs Weltall, den man leider nicht mehr unterbrechen kann. Dem Autofahrer erscheint sein Weiterrollen also smart und dazu undramatisch, zumal er den Radler ja sieht (falls er ihn denn sieht). Der Radler erkennt aber durch die von außen spiegelnden Scheiben des Autos den Fahrer nicht und muss nach allerlei Erfahrungen befürchten, gar nicht wahrgenommen worden zu sein. Vorsichtshalber wird er langsamer, wodurch die Überschlagsrechnung des anrollenden Autofahrers endgültig nicht mehr aufgeht ... und der Gas gibt, weil er annimmt, der Radfahrer bleibe für ihn stehen. Das führt dann wirklich zu Parabelflügen. Wenn ich nun schreibe, dass mir trotz alldem lange nichts passierte, klingt das so, als hätte ich bis hierhin maßlos übertrieben. Allerdings heißt "nichts passiert" nur: Ich hatte das Glück, kein Pech zu haben. Es bedeutet, regelmäßig geschnitten und von Rechtsabbiegern übersehen worden zu sein, scharf gebremst und aufmerksamen Autofahrern in pantomimischen Ausdruckstänzen gedankt zu haben, dass sie sich an Regeln hielten. "Nichts passiert" hieß auch, abwägend kleine Risiken eingegangen zu sein (in Schlaglöcher zu steuern), um größere Risiken (Zusammenprall) zu vermeiden. Es hieß, in Nebenstraßen auszuweichen und längere Strecken in Kauf zu nehmen. Und schließlich, morgens nicht loszufahren, wann es meinen Bedürfnissen entsprochen hätte, sondern bis mindestens acht Uhr zu warten. Dann wurden die Straßen leerer, waren weniger Eilige und Dienstwagendringliche unterwegs. Ich lernte die Stadt neu zu lesen, als Habitat, in dem ich nicht heimisch war. Eine Antilope wagt sich auch erst ans Wasserloch, wenn die Löwen verschwunden sind. Dass all das als "nichts passiert" erscheint, ist ein Teil des Problems. weiterlesen
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