Wolfgang Thierse: "Demokratieverdruss ist nicht
nur ein ostdeutsches Problem"
Rückblick auf die deutsche Einheit: Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse
erklärt den Erfolg der AfD im Osten – und wieso er dennoch optimistisch auf die
Region schaut.
Interview: Rita Lauter und Ferdinand Otto
3. Oktober 2019, 12:37 Uhr
Wolfgang Thierse 2017 und 1991
© IPON, Werner Schulze/imago images
Gerade hat der Bundestag seinen 70. Geburtstag gefeiert – am 7. September 1949 trat er
zum ersten Mal in Bonn zusammen. Vier Jahrzehnte später, am 4. Oktober 1990, tagten zum
ersten Mal Abgeordnete aus Westdeutschland gemeinsam mit 144 Parlamentariern aus dem
Osten. Einer davon war der spätere Präsident des gesamtdeutschen Bundestags, Wolfgang
Thierse. Im Interview spricht er über die quälende Langsamkeit des Parlamentarismus, die
AfD und erklärt, was Hartz IV mit der Wiedervereinigung zu tun hatte.
ZEIT ONLINE: Herr Thierse, Sie waren dabei, als vor 29 Jahren erstmals die Mitglieder des
Bundestags gemeinsam mit Vertretern der DDR-Volkskammer tagten, zu denen Sie gehörten.
Wie hat sich das angefühlt?
Wolfgang Thierse: Für mich ging ein Kindheitstraum in Erfüllung: Gleich am ersten Tag
sollte ich meine erste Rede halten. Ich hatte schon als Junge mit großer Begeisterung Reden
aus dem Deutschen Bundestag gehört. Wenn Fritz Erler, Thomas Dehler und Kurt Georg
Kiesinger sprachen, rieselte es mir den Rücken runter, ich hatte Gänsehaut. Von Kindesbeinen
an dachte ich, das müsste ich auch mal können – so was müsste ich auch mal dürfen.
ZEIT ONLINE: Sie waren davor Abgeordneter in der ersten frei gewählten Volkskammer.
Was war da anders als im Bundestag?
WOLFGANG THIERSE
Jahrgang 1943, wuchs in Thüringen auf, studierte Germanistik und Kulturwissenschaft an der
Berliner Humboldt-Universität. Im Oktober 1989 trat er der Bürgerbewegung Neues Forum bei.
Später wechselte er zur neu gegründeten Ost-SPD und wurde ihr Vorsitzender, nach der
Vereinigung mit der Bundes-SPD wurde er stellvertretender Parteichef. Thierse gehörte der ersten
frei gewählten Volkskammer der DDR an und wurde dann in den gesamtdeutschen Bundestag
gewählt. Von 1998 bis 2005 war er Bundestagspräsident, danach bis zu seinem Abschied aus dem
Bundestag 2013 dessen Vizepräsident.
Thierse: Das war unvergleichbar. Es war reizvoll, spannend, dramatisch und
schwindelerregend. Wir waren alle Neulinge. Es war Learning by Doing, wir mussten
innerhalb von Tagen und Wochen all das Handwerkszeug des Parlamentariers im laufenden
Betrieb lernen. Aber es herrschte auch eine viel größere Unvoreingenommenheit: Die
Konturen zwischen den Fraktionen waren viel weniger deutlich als in einem gestandenen
Parlament – das mussten wir alles erst entwickeln. Man war dadurch neugieriger auf die
anderen Redner.
ZEIT ONLINE: Haben Sie das vermisst hinterher im Bundestag?
Thierse: Im Bundestag gibt es Routinen, und die sind wichtig in jedem Beruf. Man kann
nicht immer alles neu machen, das hält kein Mensch aus. Manches war mir im neuen
Bundestag fremd und ist mir fremd geblieben.
Nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden in der DDR im Juni 1990 nimmt Wolfgang Thierse neben Willy Brandt
Platz. Daneben: SPD-Wahlplakate der SPD in Ost-Berlin © photothek, Heiko Feddersen/imago images
ZEIT ONLINE: Was zum Beispiel?
Thierse: Die ersten Monate und Jahre habe ich unter einem Umstand regelrecht gelitten:
Parlamentarische Demokratie ist ständige Wiederholung. Jeden Montagfrüh begann es mit
einer Serie von Sitzungen. Überall sprach man über dieselben Themen, teilweise mit
denselben Leuten. Und die sagten teilweise natürlich dasselbe. Ich dachte, ich halte das nicht
aus, schon beim zweiten Hören starben mir die Worte im Mund weg. Ich hatte das Gefühl, ich
habe das doch schon gesagt, aber offenbar noch nicht zu allen. Mit der Zeit habe ich dann
gelernt, dass die Langsamkeit ein wesentlicher Teil von Demokratie ist. Sie ermöglicht es, dass
möglichst viele an ihren Entscheidungsprozessen teilhaben können.
"Demokratie erlernen unter schwierigsten Umständen"
ZEIT ONLINE: Der Parlamentarismus mag langsam sein, gleichwohl mussten Sie und Ihre
Landleute einen Crashkurs in Demokratie machen.
Thierse: Wir Ostdeutschen mussten Demokratie unter schwierigsten Umständen erlernen.
Es war ein dramatischer und schmerzlicher, ökonomischer, sozialer, politischer und
kultureller Umbruch. Das muss man begreifen, um zu verstehen, warum die Demokratie bis
heute im Osten mit Enttäuschungen behaftet ist. Der Westen hatte die wunderbare Chance, in
einer Phase des ökonomischen Wiederaufstiegs das Ja zur Demokratie zu erlernen. Die
Parallelität von wirtschaftlichem Aufschwung und Demokratisierung hat es den
Westdeutschen leichter gemacht.
Etwa eine Million DDR-Bürger nahmen am 4. November 1989 an der ersten vom Volk ausgehenden genehmigten
Demonstration in der DDR teil – gegen Gewalt und für Reformen. Die Demo wurde live im Fernsehen der DDR
übertragen. Rechts: Eine Trabi-Kolonne in West-Berlin am 10. November 1989, ein Tag nach der Maueröffnung ©
dpa
ZEIT ONLINE: Welche Enttäuschungen im Osten meinen Sie?
Thierse: Die Mehrheit der DDR-Bürger wollte den vollmundigen Versprechungen von
Helmut Kohl glauben. Aber je größer der Glauben, desto größer hinterher die Enttäuschung.
Und was auch kaum ein Ostdeutscher wahrhaben will: Der westdeutsche Sozialstaat wurde
1990 mit 16 Millionen Ostdeutschen belastet, die nicht eingezahlt hatten, das konnten sie ja
auch nicht. Aber das hat den Sozialstaat fast gesprengt, und das gehört zur dramatischen
Vorgeschichte der Hartz-IV-Reformen, für die wir so geprügelt werden, gerade in
Ostdeutschland.
Ein Rucksack mit Minderwertigkeitskomplexen
ZEIT ONLINE: Warum hält sich dieses Gefühl auch 30 Jahre nach dem Mauerfall?
Thierse: Die Ostdeutschen haben mit der Nazizeit und der DDR über 60 Jahre
Diktaturerfahrung und damit teilweise eine autoritäre Prägung. Die Bevormundung hat eine
Haltung erzeugt, alles von oben zu erwarten, weil man nie eingeladen war und nie befähigt
wurde, selbst zu handeln. Das wirkt nach. So hat Helmut Kohl zwei Wahlen gewonnen, mit
dem Gestus: Ich nehme euch bei der Hand und führe euch in das Wirtschaftswunderland. Die
da oben, die im Westen sollen es richten, das war die Erwartung im Osten. Und gegen
ebenjene richtet sich jetzt der geballte Frust.
Links: Dankesschilder am früheren Beobachtungsposten der US-Armee Point Alpha in der Nähe von Fulda. 2005
wurden dort Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush mit dem gleichnamigen Preis geehrt. Rechts: Der
damalige Kanzler Kohl umringt von Unterstützern in Erfurt 1990 © Ralph Orlowski/Getty Images, Reinhard
Krause/Reuters
ZEIT ONLINE: Warum fühlen sich viele Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse?
Thierse: Die Ostdeutschen haben immer einen Rucksack mit Minderwertigkeitskomplexen
herumgetragen. In 40 Jahren Teilung waren wir immer der schwächere Teil Deutschlands.
Wir haben immer mit dem Blick nach Westen gelebt. Und ich ermahne meine Landsleute,
immer auch nach Osten zu gucken, nach Polen, Tschechien, Russland, das ist die andere
Vergleichsgröße. Das wäre ein relativierender Maßstab.
ZEIT ONLINE: Hat die Nähe zu Westdeutschland dem Osten also geschadet?
Thierse: Was ökonomisch, politisch und rechtlich ein Vorteil war – Übertragung eines
Rechtsstaats und einer funktionierenden Wirtschaft – ist sozialpsychologisch ein Nachteil
gewesen. Die Polen konnten nicht auf irgendwelche Brüder und Schwestern Erwartungen
richten und ihnen Schuld zuweisen. Hätte es bei der Wiedervereinigung in Deutschland
anders laufen können? Auch nachgereichte Illusionen sind Illusionen.
ZEIT ONLINE: Hat die anhaltende Enttäuschung etwas damit zu tun, dass sich viele
Ostdeutsche nicht repräsentiert fühlen?
Thierse: Ob Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, Justiz: In keinem gesellschaftlichen Sektor
hatten die Ostdeutschen die Chance, ihresgleichen in Führungspositionen zu bringen – außer
in der Politik. Da konnten sie ihresgleichen wählen. Aber sie wählten in Sachsen die
Westdeutschen Kurt Biedenkopf und in Thüringen Bernhard Vogel zum Ministerpräsidenten
und Helmut Kohl zum Bundeskanzler. Wenn es eine Repräsentationslücke in der Politik
gegeben haben sollte, sind die Ostdeutschen dafür mitverantworlich.
ZEIT ONLINE: Stichwort Repräsentation: Warum rief ausgerechnet Angela Merkel im
Osten so wütende Reaktionen hervor?
Thierse: Merkel wurde nie von einer Mehrheit der Ostdeutschen als eine der Ihren
akzeptiert. Um an die Spitze ihrer sehr westdeutsch geprägten Partei zu kommen, hat sie ihre
ostdeutsche Herkunft eher verleugnet. Joachim Gauck, der erste ostdeutsche
Bundespräsident, war zuvor zehn Jahre lang Chef der Stasibehörde gewesen. Ihr gegenüber
hatten die Bürger der ehemaligen DDR ein zwiespältiges Verhältnis. Sie empfanden ihn als
einen ständigen Vorwurf gegenüber ihren Biografien, selbst wenn sie keine Spitzel und
Halunken waren. Sie haben Gauck als moralischen Scharfrichter empfunden. Das hat zu
Abwehr geführt. Aber jetzt akzeptieren viele Ostdeutsche mit der Wahl der AfD lauter
westdeutsche Neonazi-Funktionäre als die Ihren. Das ist doch verrückt.
ZEIT ONLINE: Warum hat die AfD im Osten so einen Erfolg?
Thierse: Die AfD beutet eine Gefühlslage aus: Wir haben in Ostdeutschland so viele
dramatische Veränderungen überlebt. Und jetzt kommen Globalisierung, offene Grenzen,
digitale Transformation, die nahende ökologische Katastrophe, Terrorismus und Krieg. Die
Flüchtlinge sind die Personifizierung dieser Veränderungsdramatik. All das erzeugt die
Sehnsucht nach einfachen, klaren schnellen Antworten. Das ist die Stunde der Populisten.
Aber die AfD ist auch erfolgreich in prosperierenden Ländern wie Baden-Württemberg, das ist
doch viel erklärungsbedürftiger.
ZEIT ONLINE: Was kann man gegen Populismus ausrichten?
Thierse: Angst und Unsicherheiten überwindet man weder durch Beschimpfen und
Schulterklopfen noch mit der Behauptung, es gebe keinen Anlass für Befürchtungen, Ärger
und Wut. Demokratische Politik kann nicht erlösen, sie kann nur lösen. Und das muss sie tun,
von Kompromiss zu Kompromiss, von Konsens zu Konsens die ängstigenden Probleme zu
lösen.
ZEIT ONLINE: Kompromiss und Konsens, genau darauf haben doch Rechtspopulisten keine
Lust mehr.
Thierse: Politiker müssen erklären und über Alternativen debattieren. "Alternativlos" – das
war eines der problematischsten Worte der letzten 20 Jahre. Die AfD ist eine Reaktion darauf,
dass viele Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar waren.
"Heute wäre ich nicht mehr so gerne Präsident des Bundestags"
ZEIT ONLINE: Sie haben 2013 in Ihrer Abschiedsrede im Bundestag gesagt, dass Sie die
Arbeit des Bundestags weiter mit Empathie und Sympathien verfolgen werden. Wie geht es
Ihnen heute, wenn Sie das Auftreten der AfD so sehen?
Thierse: Heute wäre ich nicht mehr so gerne Präsident oder Vizepräsident des Bundestags.
Die ständige Anspannung, darauf achten zu müssen, ob die AfD mal wieder den guten
parlamentarischen Konsens überschreitet, das macht kein Vergnügen. Es gab ja Journalisten,
die gehofft haben, das Parlament würde lebendiger werden mit der AfD. Aber: Wird ein
Fußballspiel durch Fouls besser und lebendiger? Nein, auch im Bundestag gilt: Gemeinheiten,
Verdächtigungen, Grobheiten machen den Bundestag nicht besser.
Wolfgang Thierse enthüllt 1999 die neue Skulptur des Bundesadlers im Bundestag und eröffnet als
Bundestagspräsident die erste Sitzung im neuen Reichstag in Berlin. © Reuters
ZEIT ONLINE: Finden Sie es klug, dass der Bundestag bisher alle AfD-Kandidaten für das
Amt des Bundestagsvizepräsidenten abgelehnt hat?
Thierse: Die Regel, dass jede Fraktion im Präsidium vertreten sein soll, steht erst seit 1994 in
der Geschäftsordnung. Und es gibt auch das Wahlrecht des Bundestags. Personalwahlen sind
geheime Wahlen, es gibt keine Pflicht, eine bestimmte Person zu wählen. Das wäre
undemokratisch. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen Abgeordneten.
"Es gab ein richtiges Leben im falschen System"
ZEIT ONLINE: Im Osten ist die Zufriedenheit mit der Demokratie deutlich geringer als im
Westen, die AfD schätzt Pluralismus und Parlamentarismus gering: Hat der Bundestag ein
Akzeptanzproblem in Ostdeutschland?
Thierse: Er hat ein Akzeptanzproblem. Aber der Demokratieverdruss ist nicht nur ein
ostdeutsches Problem. Es hat auch damit zu tun, dass man heute leben kann, ohne mit der
Meinung Andersdenkender oder mit Fakten behelligt zu werden. Das ist eine dramatische
Entwicklung. In Ostdeutschland ist es selbst in Freundes- und Familienkreisen fast
unmöglich, sich miteinander über die Wirklichkeit zu einigen. Das ist eine riesige
kommunikative Herausforderung, die weit über Politik hinausgeht.
ZEIT ONLINE: Finden ostdeutsche Themen im Bundestag ausreichend statt?
Thierse: Ja, etwa jedes Mal, wenn es um Löhne und Renten geht. Ostdeutsche Probleme
heißt ja die Probleme der deutschen Einheit. Und dazu gibt es jedes Jahr einen Bericht. Es gibt
keinen vergleichbaren Bericht zur Lage der Ruhrgebietsstädte, denen es auch nicht nur gut
geht. Man kann immer noch sagen: "Dieser blöde Bundestag hat die Wunder nicht bewirkt,
die Kohl versprochen hat." Aber auch da muss man genauer hinsehen, weil es DEN Osten ja
nicht mehr gibt. Der Osten ist ein Flickenteppich von Erfolgsregionen und problematischen
Regionen.
ZEIT ONLINE: Sie haben ja schon zehn Jahre nach dem Beitritt gewarnt, dass der Osten auf
der Kippe stehe. Ist er inzwischen gekippt?
Thierse: Nein. Das war damals eine kalkulierte Provokation von mir, im Vorfeld der
Verhandlungen zum Solidarpakt II. Schon damals gab es Stimmen aus westdeutschen
Ländern, die sagten, es reicht. Da habe ich gesagt: Wenn wir jetzt aufhören mit Subventionen,
kippt das, was wir erreicht haben. Inzwischen gibt so viele ökonomische und soziale Erfolge.
Wer die nicht sieht, will sie nicht sehen! Er ist böswillig – oder dumm.
ZEIT ONLINE: Was hat der Westen falsch gemacht in der Kommunikation mit dem Osten?
Thierse: Man muss unterscheiden zwischen einem Urteil über das System DDR, das zu Recht
gescheitert ist, und dem Urteil über die Menschen, die darin gelebt haben. Auf dem
Vereinigungsparteitag der kleinen ostdeutschen SPD mit der großen westdeutschen SPD habe
ich gesagt: Ich bin nicht gekommen, um mich für unser Leben in der DDR zu entschuldigen.
Es gab ein richtiges Leben im falschen System.
ZEIT ONLINE: Und wenn inzwischen manche enttäuscht und entnervt den Osten
abschreiben?
Thierse: Denen sage ich: Die Aneignung von Demokratie dauert sehr lange. Es gibt ein
wunderbares Zitat des großen Sir Ralf Dahrendorf: 1990 war seine Prognose für die
Entwicklung in Osteuropa, dass die Herstellung rechtsstaatlicher demokratischer Verhältnisse
sechs Monate dauern werde. Die Umwandlung einer Planwirtschaft in eine einigermaßen
funktionierende Marktwirtschaft: sechs Jahre. Und das Entstehen einer Zivilgesellschaft: 60
Jahre. Da sind wir durchaus noch im Zeitplan.
Quelle: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-09/wolfgang-thierse-ex-bundestagspraesident-spd-
interview/komplettansicht
© strapp 2020
Wolfgang Thierse:
"Demokratieverdruss ist nicht
nur ein ostdeutsches Problem"
Rückblick auf die deutsche Einheit: Ex-
Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erklärt
den Erfolg der AfD im Osten – und wieso er
dennoch optimistisch auf die Region schaut.
Interview: Rita Lauter und Ferdinand Otto
3. Oktober 2019, 12:37 Uhr
Wolfgang Thierse 2017 und 1991
© IPON, Werner Schulze/imago images
Gerade hat der Bundestag seinen 70. Geburtstag
gefeiert – am 7. September 1949 trat er zum
ersten Mal in Bonn zusammen. Vier Jahrzehnte
später, am 4. Oktober 1990, tagten zum ersten
Mal Abgeordnete aus Westdeutschland
gemeinsam mit 144 Parlamentariern aus dem
Osten. Einer davon war der spätere Präsident
des gesamtdeutschen Bundestags, Wolfgang
Thierse. Im Interview spricht er über die
quälende Langsamkeit des Parlamentarismus,
die AfD und erklärt, was Hartz IV mit der
Wiedervereinigung zu tun hatte.
ZEIT ONLINE: Herr Thierse, Sie waren
dabei, als vor 29 Jahren erstmals die
Mitglieder des Bundestags gemeinsam mit
Vertretern der DDR-Volkskammer tagten, zu
denen Sie gehörten. Wie hat sich das
angefühlt?
Wolfgang Thierse: Für mich ging ein
Kindheitstraum in Erfüllung: Gleich am ersten
Tag sollte ich meine erste Rede halten. Ich
hatte schon als Junge mit großer Begeisterung
Reden aus dem Deutschen Bundestag gehört.
Wenn Fritz Erler, Thomas Dehler und Kurt
Georg Kiesinger sprachen, rieselte es mir den
Rücken runter, ich hatte Gänsehaut. Von
Kindesbeinen an dachte ich, das müsste ich
auch mal können – so was müsste ich auch
mal dürfen.
ZEIT ONLINE: Sie waren davor
Abgeordneter in der ersten frei gewählten
Volkskammer. Was war da anders als im
Bundestag?
WOLFGANG THIERSE
Jahrgang 1943, wuchs in Thüringen auf, studierte
Germanistik und Kulturwissenschaft an der
Berliner Humboldt-Universität. Im Oktober 1989
trat er der Bürgerbewegung Neues Forum bei.
Später wechselte er zur neu gegründeten Ost-SPD
und wurde ihr Vorsitzender, nach der Vereinigung
mit der Bundes-SPD wurde er stellvertretender
Parteichef. Thierse gehörte der ersten frei
gewählten Volkskammer der DDR an und wurde
dann in den gesamtdeutschen Bundestag gewählt.
Von 1998 bis 2005 war er Bundestagspräsident,
danach bis zu seinem Abschied aus dem Bundestag
2013 dessen Vizepräsident.
Thierse: Das war unvergleichbar. Es war
reizvoll, spannend, dramatisch und
schwindelerregend. Wir waren alle Neulinge.
Es war Learning by Doing, wir mussten
innerhalb von Tagen und Wochen all das
Handwerkszeug des Parlamentariers im
laufenden Betrieb lernen. Aber es herrschte
auch eine viel größere
Unvoreingenommenheit: Die Konturen
zwischen den Fraktionen waren viel weniger
deutlich als in einem gestandenen Parlament
– das mussten wir alles erst entwickeln. Man
war dadurch neugieriger auf die anderen
Redner.
ZEIT ONLINE: Haben Sie das vermisst
hinterher im Bundestag?
Thierse: Im Bundestag gibt es Routinen, und
die sind wichtig in jedem Beruf. Man kann
nicht immer alles neu machen, das hält kein
Mensch aus. Manches war mir im neuen
Bundestag fremd und ist mir fremd geblieben.
Nach seiner Wahl zum SPD-Vorsitzenden in der DDR
im Juni 1990 nimmt Wolfgang Thierse neben Willy
Brandt Platz. Daneben: SPD-Wahlplakate der SPD in
Ost-Berlin © photothek, Heiko Feddersen/imago
images
ZEIT ONLINE: Was zum Beispiel?
Thierse: Die ersten Monate und Jahre habe
ich unter einem Umstand regelrecht gelitten:
Parlamentarische Demokratie ist ständige
Wiederholung. Jeden Montagfrüh begann es
mit einer Serie von Sitzungen. Überall sprach
man über dieselben Themen, teilweise mit
denselben Leuten. Und die sagten teilweise
natürlich dasselbe. Ich dachte, ich halte das
nicht aus, schon beim zweiten Hören starben
mir die Worte im Mund weg. Ich hatte das
Gefühl, ich habe das doch schon gesagt, aber
offenbar noch nicht zu allen. Mit der Zeit habe
ich dann gelernt, dass die Langsamkeit ein
wesentlicher Teil von Demokratie ist. Sie
ermöglicht es, dass möglichst viele an ihren
Entscheidungsprozessen teilhaben können.
"Demokratie erlernen unter schwierigsten
Umständen"
ZEIT ONLINE: Der Parlamentarismus mag
langsam sein, gleichwohl mussten Sie und
Ihre Landleute einen Crashkurs in Demokratie
machen.
Thierse: Wir Ostdeutschen mussten
Demokratie unter schwierigsten Umständen
erlernen. Es war ein dramatischer und
schmerzlicher, ökonomischer, sozialer,
politischer und kultureller Umbruch. Das
muss man begreifen, um zu verstehen, warum
die Demokratie bis heute im Osten mit
Enttäuschungen behaftet ist. Der Westen
hatte die wunderbare Chance, in einer Phase
des ökonomischen Wiederaufstiegs das Ja zur
Demokratie zu erlernen. Die Parallelität von
wirtschaftlichem Aufschwung und
Demokratisierung hat es den Westdeutschen
leichter gemacht.
Etwa eine Million DDR-Bürger nahmen am 4.
November 1989 an der ersten vom Volk ausgehenden
genehmigten Demonstration in der DDR teil – gegen
Gewalt und für Reformen. Die Demo wurde live im
Fernsehen der DDR übertragen. Rechts: Eine Trabi-
Kolonne in West-Berlin am 10. November 1989, ein
Tag nach der Maueröffnung © dpa
ZEIT ONLINE: Welche Enttäuschungen im
Osten meinen Sie?
Thierse: Die Mehrheit der DDR-Bürger
wollte den vollmundigen Versprechungen von
Helmut Kohl glauben. Aber je größer der
Glauben, desto größer hinterher die
Enttäuschung. Und was auch kaum ein
Ostdeutscher wahrhaben will: Der
westdeutsche Sozialstaat wurde 1990 mit 16
Millionen Ostdeutschen belastet, die nicht
eingezahlt hatten, das konnten sie ja auch
nicht. Aber das hat den Sozialstaat fast
gesprengt, und das gehört zur dramatischen
Vorgeschichte der Hartz-IV-Reformen, für die
wir so geprügelt werden, gerade in
Ostdeutschland.
Ein Rucksack mit Minderwertigkeitskomplexen
ZEIT ONLINE: Warum hält sich dieses
Gefühl auch 30 Jahre nach dem Mauerfall?
Thierse: Die Ostdeutschen haben mit der
Nazizeit und der DDR über 60 Jahre
Diktaturerfahrung und damit teilweise eine
autoritäre Prägung. Die Bevormundung hat
eine Haltung erzeugt, alles von oben zu
erwarten, weil man nie eingeladen war und
nie befähigt wurde, selbst zu handeln. Das
wirkt nach. So hat Helmut Kohl zwei Wahlen
gewonnen, mit dem Gestus: Ich nehme euch
bei der Hand und führe euch in das
Wirtschaftswunderland. Die da oben, die im
Westen sollen es richten, das war die
Erwartung im Osten. Und gegen ebenjene
richtet sich jetzt der geballte Frust.
Links: Dankesschilder am früheren
Beobachtungsposten der US-Armee Point Alpha in der
Nähe von Fulda. 2005 wurden dort Helmut Kohl,
Michail Gorbatschow und George Bush mit dem
gleichnamigen Preis geehrt. Rechts: Der damalige
Kanzler Kohl umringt von Unterstützern in Erfurt
1990 © Ralph Orlowski/Getty Images, Reinhard
Krause/Reuters
ZEIT ONLINE: Warum fühlen sich viele
Ostdeutsche als Bürger zweiter Klasse?
Thierse: Die Ostdeutschen haben immer
einen Rucksack mit
Minderwertigkeitskomplexen herumgetragen.
In 40 Jahren Teilung waren wir immer der
schwächere Teil Deutschlands. Wir haben
immer mit dem Blick nach Westen gelebt.
Und ich ermahne meine Landsleute, immer
auch nach Osten zu gucken, nach Polen,
Tschechien, Russland, das ist die andere
Vergleichsgröße. Das wäre ein relativierender
Maßstab.
ZEIT ONLINE: Hat die Nähe zu
Westdeutschland dem Osten also geschadet?
Thierse: Was ökonomisch, politisch und
rechtlich ein Vorteil war – Übertragung eines
Rechtsstaats und einer funktionierenden
Wirtschaft – ist sozialpsychologisch ein
Nachteil gewesen. Die Polen konnten nicht auf
irgendwelche Brüder und Schwestern
Erwartungen richten und ihnen Schuld
zuweisen. Hätte es bei der Wiedervereinigung
in Deutschland anders laufen können? Auch
nachgereichte Illusionen sind Illusionen.
ZEIT ONLINE: Hat die anhaltende
Enttäuschung etwas damit zu tun, dass sich
viele Ostdeutsche nicht repräsentiert fühlen?
Thierse: Ob Wirtschaft, Medien,
Wissenschaft, Justiz: In keinem
gesellschaftlichen Sektor hatten die
Ostdeutschen die Chance, ihresgleichen in
Führungspositionen zu bringen – außer in der
Politik. Da konnten sie ihresgleichen wählen.
Aber sie wählten in Sachsen die
Westdeutschen Kurt Biedenkopf und in
Thüringen Bernhard Vogel zum
Ministerpräsidenten und Helmut Kohl zum
Bundeskanzler. Wenn es eine
Repräsentationslücke in der Politik gegeben
haben sollte, sind die Ostdeutschen dafür
mitverantworlich.
ZEIT ONLINE: Stichwort Repräsentation:
Warum rief ausgerechnet Angela Merkel im
Osten so wütende Reaktionen hervor?
Thierse: Merkel wurde nie von einer
Mehrheit der Ostdeutschen als eine der Ihren
akzeptiert. Um an die Spitze ihrer sehr
westdeutsch geprägten Partei zu kommen, hat
sie ihre ostdeutsche Herkunft eher verleugnet.
Joachim Gauck, der erste ostdeutsche
Bundespräsident, war zuvor zehn Jahre lang
Chef der Stasibehörde gewesen. Ihr gegenüber
hatten die Bürger der ehemaligen DDR ein
zwiespältiges Verhältnis. Sie empfanden ihn
als einen ständigen Vorwurf gegenüber ihren
Biografien, selbst wenn sie keine Spitzel und
Halunken waren. Sie haben Gauck als
moralischen Scharfrichter empfunden. Das
hat zu Abwehr geführt. Aber jetzt akzeptieren
viele Ostdeutsche mit der Wahl der AfD lauter
westdeutsche Neonazi-Funktionäre als die
Ihren. Das ist doch verrückt.
ZEIT ONLINE: Warum hat die AfD im
Osten so einen Erfolg?
Thierse: Die AfD beutet eine Gefühlslage
aus: Wir haben in Ostdeutschland so viele
dramatische Veränderungen überlebt. Und
jetzt kommen Globalisierung, offene Grenzen,
digitale Transformation, die nahende
ökologische Katastrophe, Terrorismus und
Krieg. Die Flüchtlinge sind die
Personifizierung dieser
Veränderungsdramatik. All das erzeugt die
Sehnsucht nach einfachen, klaren schnellen
Antworten. Das ist die Stunde der Populisten.
Aber die AfD ist auch erfolgreich in
prosperierenden Ländern wie Baden-
Württemberg, das ist doch viel
erklärungsbedürftiger.
ZEIT ONLINE: Was kann man gegen
Populismus ausrichten?
Thierse: Angst und Unsicherheiten
überwindet man weder durch Beschimpfen
und Schulterklopfen noch mit der
Behauptung, es gebe keinen Anlass für
Befürchtungen, Ärger und Wut.
Demokratische Politik kann nicht erlösen, sie
kann nur lösen. Und das muss sie tun, von
Kompromiss zu Kompromiss, von Konsens zu
Konsens die ängstigenden Probleme zu lösen.
ZEIT ONLINE: Kompromiss und Konsens,
genau darauf haben doch Rechtspopulisten
keine Lust mehr.
Thierse: Politiker müssen erklären und über
Alternativen debattieren. "Alternativlos" – das
war eines der problematischsten Worte der
letzten 20 Jahre. Die AfD ist eine Reaktion
darauf, dass viele Entscheidungen nicht mehr
nachvollziehbar waren.
"Heute wäre ich nicht mehr so gerne Präsident
des Bundestags"
ZEIT ONLINE: Sie haben 2013 in Ihrer
Abschiedsrede im Bundestag gesagt, dass Sie
die Arbeit des Bundestags weiter mit
Empathie und Sympathien verfolgen werden.
Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie das
Auftreten der AfD so sehen?
Thierse: Heute wäre ich nicht mehr so gerne
Präsident oder Vizepräsident des Bundestags.
Die ständige Anspannung, darauf achten zu
müssen, ob die AfD mal wieder den guten
parlamentarischen Konsens überschreitet, das
macht kein Vergnügen. Es gab ja Journalisten,
die gehofft haben, das Parlament würde
lebendiger werden mit der AfD. Aber: Wird
ein Fußballspiel durch Fouls besser und
lebendiger? Nein, auch im Bundestag gilt:
Gemeinheiten, Verdächtigungen, Grobheiten
machen den Bundestag nicht besser.
Wolfgang Thierse enthüllt 1999 die neue Skulptur des
Bundesadlers im Bundestag und eröffnet als
Bundestagspräsident die erste Sitzung im neuen
Reichstag in Berlin. © Reuters
ZEIT ONLINE: Finden Sie es klug, dass der
Bundestag bisher alle AfD-Kandidaten für das
Amt des Bundestagsvizepräsidenten abgelehnt
hat?
Thierse: Die Regel, dass jede Fraktion im
Präsidium vertreten sein soll, steht erst seit
1994 in der Geschäftsordnung. Und es gibt
auch das Wahlrecht des Bundestags.
Personalwahlen sind geheime Wahlen, es gibt
keine Pflicht, eine bestimmte Person zu
wählen. Das wäre undemokratisch. Es liegt in
der Verantwortung jedes einzelnen
Abgeordneten.
"Es gab ein richtiges Leben im falschen
System"
ZEIT ONLINE: Im Osten ist die
Zufriedenheit mit der Demokratie deutlich
geringer als im Westen, die AfD schätzt
Pluralismus und Parlamentarismus gering:
Hat der Bundestag ein Akzeptanzproblem in
Ostdeutschland?
Thierse: Er hat ein Akzeptanzproblem. Aber
der Demokratieverdruss ist nicht nur ein
ostdeutsches Problem. Es hat auch damit zu
tun, dass man heute leben kann, ohne mit der
Meinung Andersdenkender oder mit Fakten
behelligt zu werden. Das ist eine dramatische
Entwicklung. In Ostdeutschland ist es selbst
in Freundes- und Familienkreisen fast
unmöglich, sich miteinander über die
Wirklichkeit zu einigen. Das ist eine riesige
kommunikative Herausforderung, die weit
über Politik hinausgeht.
ZEIT ONLINE: Finden ostdeutsche Themen
im Bundestag ausreichend statt?
Thierse: Ja, etwa jedes Mal, wenn es um
Löhne und Renten geht. Ostdeutsche
Probleme heißt ja die Probleme der deutschen
Einheit. Und dazu gibt es jedes Jahr einen
Bericht. Es gibt keinen vergleichbaren Bericht
zur Lage der Ruhrgebietsstädte, denen es auch
nicht nur gut geht. Man kann immer noch
sagen: "Dieser blöde Bundestag hat die
Wunder nicht bewirkt, die Kohl versprochen
hat." Aber auch da muss man genauer
hinsehen, weil es DEN Osten ja nicht mehr
gibt. Der Osten ist ein Flickenteppich von
Erfolgsregionen und problematischen
Regionen.
ZEIT ONLINE: Sie haben ja schon zehn
Jahre nach dem Beitritt gewarnt, dass der
Osten auf der Kippe stehe. Ist er inzwischen
gekippt?
Thierse: Nein. Das war damals eine
kalkulierte Provokation von mir, im Vorfeld
der Verhandlungen zum Solidarpakt II. Schon
damals gab es Stimmen aus westdeutschen
Ländern, die sagten, es reicht. Da habe ich
gesagt: Wenn wir jetzt aufhören mit
Subventionen, kippt das, was wir erreicht
haben. Inzwischen gibt so viele ökonomische
und soziale Erfolge. Wer die nicht sieht, will
sie nicht sehen! Er ist böswillig – oder dumm.
ZEIT ONLINE: Was hat der Westen falsch
gemacht in der Kommunikation mit dem
Osten?
Thierse: Man muss unterscheiden zwischen
einem Urteil über das System DDR, das zu
Recht gescheitert ist, und dem Urteil über die
Menschen, die darin gelebt haben. Auf dem
Vereinigungsparteitag der kleinen
ostdeutschen SPD mit der großen
westdeutschen SPD habe ich gesagt: Ich bin
nicht gekommen, um mich für unser Leben in
der DDR zu entschuldigen. Es gab ein
richtiges Leben im falschen System.
ZEIT ONLINE: Und wenn inzwischen
manche enttäuscht und entnervt den Osten
abschreiben?
Thierse: Denen sage ich: Die Aneignung von
Demokratie dauert sehr lange. Es gibt ein
wunderbares Zitat des großen Sir Ralf
Dahrendorf: 1990 war seine Prognose für die
Entwicklung in Osteuropa, dass die
Herstellung rechtsstaatlicher demokratischer
Verhältnisse sechs Monate dauern werde. Die
Umwandlung einer Planwirtschaft in eine
einigermaßen funktionierende
Marktwirtschaft: sechs Jahre. Und das
Entstehen einer Zivilgesellschaft: 60 Jahre. Da
sind wir durchaus noch im Zeitplan.
Quelle:
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-
09/wolfgang-thierse-ex-bundestagspraesident-spd-
interview/komplettansicht
© strapp 2020