Südwesteuropa mit dem Roller: Etappe 3

Montpellier bis Carcasonne

Inzwischen hatte ich 1.500 km zurückgelegt.

Auch der Intermarché in Lunel ist groß und unübersichtlich, und es dauert immer, bis ich meine Einkäufe für unterwegs zusammen habe. Dann aber los, Richtung Frontignan, ich checke am Ortsausgang von Lunel noch mal das Navi.

Danach sprang der Roller nicht mehr an. Alle elektrischen Anzeigen auf Null. Ich stand am Straßenrand in der prallen Sonne, der starke Verkehr rauschte an mir vorbei. Ich versuchte den Roller mit dem Kickstarter in Gang zu bringen, das klappte nach dem vierten Mal, und fuhr zur nächsten Tankstelle; Licht und Blinker funktionierten während der Fahrt nicht. An der Tankstelle startete der Roller auch mit dem Kickstarter nicht mehr.

Benzin fehlte nicht. Nun muss man wissen, dass die Tankstellen in Frankreich überwiegend kein Personal haben, automatisiert sind, man steckt erst die Bankkarte ein, gibt seine Daten ein und tankt danach. Es war Sonntag, kein Mensch weit und breit. Ich suchte auf dem kahlen asphaltierten Platz einen Schatten auf. In diesen Momenten will einen Panik ummanteln, ich kannte dies schon zur Genüge, auf diesen Seiten ist auch schon mehrfach darüber berichtet worden (ich war liegengeblieben mit diversen Fahrzeugen, u.a. in der Ecuadorzeit mit meinem Renegade CJ5-Jeep auf dem Chimborazo sowie im Amazonastiefbecken, in der Bolivienzeit mit meinem Motocrossmotorrad in Innerbolivien, mit meinem Montero-Geländewagen zwischen Argentinien und Chile ).

Ich schnallte das Gepäck ab, trat den Kickstarter wohl an die 50 mal durch: Rien ne va plus. Ich schraubte die Batterieabdeckung ab: Nichts zu sehen. Also Batterieabdeckung wieder zu, dabei drehte ich aus Versehen eine Schraube in ein darunterliegendes Kabel, so dass Funken sprühten.

Auf diese Weise kann man auch nachprüfen, ob die Batterie geladen ist.

Der Manager meiner Absteige spricht gut Englisch, vielleicht hilft mir der weiter. Also schob ich den Roller samt Gepäck (insgesamt etwa 160 kg) über einen halben Kilometer zurück zur Absteige. Das Hotel war geschlossen, ich stand in der brütenden Mittagshitze. Nach einer Stunde kam die Putzfrau, die rief den Manager an, der kam nach wiederum einer Stunde und war sehr hilfreich, erbot sich für mich am nächsten Werktag in Montpellier anzurufen (dort gab es einen Händler meiner Rollermarke) und auch eventuell den Roller mit einem Anhänger die etwa 25 km bis Montpellier zu transportieren. Allerdings war am nächsten Tag Maria Himmelfahrt. Da in Frankreich ein Großteil der Bevölkerung der katholischen Kirche angehört, ist Mariä Himmelfahrt ein gesetzlicher Feiertag. Das hieße, das ich geschlagene drei Tage in Lunel verbringen müsste, und Lunel bietet, gelinde gesagt, wenig.

Mich wandelte die Lust an, in Montpellier beim Händler den Roller zu verkaufen versuchen, mich von der Abhängigkeit von der Technik zu befreien, mit der Bahn heim zu reisen, in sichere Verhältnisse ohne Sprachprobleme (mein Französisch beschränkt sich auf eine gute handvoll Worte), in vertraute Infrastrukturen.

Am späten Nachmittag hatte ich dann eine größere innere Ruhe und schraubte noch ein mal den Batteriekasten auf, isolierte das Kabel neu, das ich vormittags beschädigt hatte, und öffnete mit Mühe zwei plastikummantelte Gehäuse: Sie enthielten jeweils eine Sicherung, von denen eine 7A-Sicherung nach mehrmaligem Hinsehen tatsächlich durchgebrannt war. Weshalb? Betrieb des Navis über die 12V-Buchse bei abgeschaltetem Motor? Ersatzsicherungen waren daneben, und: Der Roller sprang an.

Es war allerdings schon zu spät zum Weiterfahren. Vielleicht wollte der Roller auch nur, dass ich langsamer mache, mich zur Ruhe zwingen, meinen Sonnenbrand an Hals und Oberarm ausheilen.

Die Reisen, bei denen der Weg das Ziel ist, sind praktisch immer von Aufs und Abs begleitet, durch verschiedenste Umstände verursacht.

Der Adler flog wieder, ich verließ das Mittelmeer und begann am Fuße der Pyrenäen nach Westen zu queren, auf bergigen halb-asphalt-halb-Erdsträßchen, wobei auch mal eine Regenwand von den Pyrenäen her drohte oder die Benzinanzeige rapide gegen Null sank und mir kein Mensch und kein Auto begegnete. Es reichte aber immer gerade so und in Carcasonne bekam ich im Hotel zu sehr akzeptablem Preis ein komplettes Studio mit SZ, WZ und Küche, und das auch noch direkt unterhalb der Festung „Cité de Carcasonne„, keine 400m Fußweg.

Die Festung ist monumental und höchst beeindruckend, vor allem im rosigen Abendlicht. Heerscharen von Touristen durchzogen die Festung, in der es ein Unmenge von Restaurants gibt.

Cite de Carcasonne

Cite de Carcasonne

In Deutschland sind üblicherweise solche Massenrestaurants nicht nur überteuert, sondern auch von schlechter Qualität. Nicht so im „Flagrant des Lices“: Schneller Service, gutes Essen. Frankreich halt.

Zum vierten Teil: Carcasonne bis Laredo