Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft  Vorläufiges zur Dynamik der Anpassung Der mensch kommt ungebildet und unkultiviert zur welt. Er ist - wie der biologe in anlehnung an tierische verhaltensweisen sagt - ein extremer nesthocker , das heisst, sein reifungszustand bei der geburt ist sehr weit vom reifungsziel entfernt .... Es ist unbekannt, wie viele menschliche verhaltensweisen angeboren sind. Sicher ist nur eines, dass sie bei weitem nicht ausreichen, unser leben unter unseresgleichen zu regeln. Die eigentlichen regulative unseres verhaltens, der kodex des benehmens, werden langsam erlernt. Angeborene begabungen und erworbene fähigkeiten spielen dabei ineinander Denn: `Darwins anpassung ist ihrem wesen nach nicht fortschrittliche veränderung, sondern vielmehr ein dynamischer weg zur aufrechterhaltung des status quo .' .... Wenn dagegen ein mensch jeder schwankung politischer machtverhältnisse folgt und dabei ohne gewissenseinspruch bisherige freunde aufgibt, ist dies zwar anpassungsgewandt, wohl auch vom standpunkt der verteidiger der macht her gesehen eine positive, von der verlässlichkeit als tugend aus eine schlechte eigenschaft .... wir sind endgültig spezialisten der unvollkommenheit . Der mensch kommt nicht mit erbgenetisch verankertem verhalten auf die welt, das ihn in allen entscheidenden fragen des lebens definitiv einer umwelt zuordnet, sondern, wie wir eingangs sagten, ungebildet und unkultiviert. Er ist ein neuling in jeder seiner kulturen. Das ist vorerst ein naturgeschichtliches faktum Anpassung und Einsicht: Stufen der Bildung .... Jede gruppe legt ihren mitgliedern verzichte auf. `Verzichten müssen' macht feindselig. Feindseligkeit stört den inneren zusammenhalt der gruppe. Um nicht zu neuen verzichten zwingen zu müssen, eröffnen die gruppen dem einzelnen wege, auf denen er seine feindseligkeit ausagieren darf  Schon wegen der ausserordentlichen gefahr der täuschungsmöglichkeiten - vor allem über sich selbst - kann bildung im menschlichen leben nie abgeschlossen sein. Es gibt eine abgeschlossene schulbildung, aber es gibt keine abgeschlossene bildung und selbsterziehung. Der gebildete ist als ein mensch zu charakterisieren, der seine jugendliche ansprechbarkeit auf neues und unbekanntes behalten hat. Er ist auf der suche nach wissen und nach den methoden, erfahrung zu prüfen. .... Alles dogmatisch gewisse ist das ende der bildung (davon werden wir auch die religiöse bildung nicht ausnehmen). Der bildungsphilister ist so ungebildet wie der, der gar nichts weiss Betrachtet man diese einschüchterung des einzelnen bei seinen versuchen, den dingen, vor allem den sakrosankten selbstverständlichkeiten in der eigenen familie, im eigenen stand, in der politik und so weiter auf die spur zu kommen, so kann man sich nicht einem eindruck verschließen: Es gibt offenbar sehr viel mehr menschen, die durch früh übernommene vorurteile in ihren neigungen zerstört und in ihrer natürlichen neugier, in ihrem suchen nicht angesprochen oder gar niedergeschrien wurden, als von der anlage her unbegabte und unbewegliche Die passive anpassung zur konformität wird meist mit wenig einfühlung in die eigenwelt des anderen erzwungen, in die individuelle variante und ihre probierenden versuche, sich zu entfalten. Erziehung ist unendlich öfter terror als führung zur selbständigkeit. Die unüberschaubare vielschichtigkeit und widersprüchlichkeit der gegenwärtigen großgesellschaften wird in der öffentlichen meinung kunstvoll verdeckt und verniedlicht. Die öffentliche meinung gibt sich aufgeklärt, aber in wahrheit übt sie eine andere funktion aus (wie seit je): über die abgründe, das heisst über widersprüche, unkenntnis, das sinnlose vieler anstrengungen hinwegzutäuschen, aber doch zugleich so viel angst zu erwecken, dass sich das individuum zur masse hält Alte freiheitsideale werden uns nicht beschützen, wenn wir sie nicht neu an der wirklichkeit erproben. `Freiheit' ist ein stück der wahrheit, auch sie haben wir nicht für immer und nicht als gewissheit; wir müssen sie mit viel eingeständnis und überwindung von angst neu erfahren, um sie verteidigen zu können Es lässt sich jetzt schon voraussehen, dass viele mitglieder unserer gesellschaft nicht für die religiöse glaubensgewissheit und viele andere nicht für die besitzordnung auf die barrikaden steigen, um so weniger als die machtkämpfe, von denen hier die rede ist, ganz im gegensatz zur öffentlichen meinung in wirklichkeit nicht durch drohgebärden und kriegerische auseinandersetzungen, sondern vielmehr durch angleichung administrativer praktiken, durch werbefeldzüge und sprach- beziehungsweise symbolkorruption (zum beispiel des wortes `freiheit' oder `frieden' oder `partei' und `parlament') entschieden werden. Es wäre doch unrealistisch, um nicht zu sagen töricht, nun zu glauben, man könne vom mann auf der straße, der weder hungert noch friert, weder um seine altersversorgung bangt noch auf die nutzung seiner begabungen verzichten muss, sondern in maßen am überfluss teilhat, verlangen, rot für rot zu erklären, wenn seine gesellschaft gebietet, dass er rot grün nenne. Es muss schon ein entschlossener wahrheitskämpfer sein, der einer konvention um den preis des verlustes von brot und stellung entgegentritt; und die konvention muss schon drückend sein, damit er anderen mit seiner opposition mut macht. Aber müssen denn die konventionen für das identitätsgefühl des sozial geborgenen einzelnen in den überflussgesellschaften drückend sein? Welcher hunger wird hier und welcher dort trotzdem ungestillt bleiben? Die pädagogische absicht dieses buches ist es, dem antipsychologischen affekt in unserer sozialbildung entgegenzuarbeiten. Unsere prämisse beruht darauf, dass nur die stärkung wachen, kritischen denkens das erlöschen der europäischen tradition verhindern kann. Diese tradition verlangt seit den anfängen der aufklärung selbstverantwortung neben dem kollektiven gehorsam - ehrfurchtsloses fragen angesichts von tabus, welche fragwürdige herrschaftsansprüche sichern Das wichtigste kennzeichen der bildung ist demnach folgendes. Gebildet ist ein mensch, der in affekterregenden lebenslagen über eine einigermaßen beständige selbstsicherheit im umgang mit den eigenen triebregungen verfügt Der mangel an erbgenetisch festgelegten auslösungen für ein artspezifisches verhalten wird durch gruppenspezifisch erworbene verhaltensweisen ersetzt Der Instinkt reicht nicht aus - die Evolution zum Bewusstsein .... Die bedeutung der verhaltensrollen und der attribute der rollenmarkierung als leitlinien für das identitätserlebnis und als aufbaustoffe der selbstgefühle kann kaum überschätzt werden Bestechung mit besitz oder macht, die innerhalb der gruppe rang und prestige geben, verleiht der verführung nachdruck. Schon dass man die tatsächlich etwas gruppenunabhängigere existenz gern als aussenseiter, bohemien, diogenesnatur, asket, also mit zügen einer zweifelhaften vereinsamung beschreibt, verweist auf die schwierigkeiten, denen sich das individuum gegenübersieht. Zunächst muss immer, wo von individualismus und individueller freiheit die rede ist, geklärt werden, ob es sich nicht um ein produkt der selbsttäuschung , des falschen bewusstseins handelt Denn im regelfall ist das individuum erschöpfend charakterisiert, wenn man die gruppen kennt, deren schnittpunkt es ist. Dem vorwurf solcher `niederziehenden' kritik setzt sich niemand gerne aus, denn die machtmittel kollektiver ächtung haben auch in der moderne nichts an gefährlichkeit verloren. Trotzdem bleibt es dabei, dass das ich seine fragile leistung nur dann - letztlich für eine gesellschaft von etwas freierem geist - vollbringen kann, wenn ihm nicht nur die kritik der tatbestände erlaubt ist, sondern auch die der tabus, die nichts weniger wollen, als ihm vorschreiben, wie es sich zu verstehen habe Der soziale rollenzwang ist wie der informationszwang (lernzwang) eine an die erweiterung der lernfähigkeit gebundene kompensation fehlender angeborener arteigentümlicher verhaltensschemata. Diese schemata sind, soweit sie sich auf das soziale verhalten beziehen, wie erwähnt, in der tierwelt erblich besonders starr fixiert Für die normale entwicklung des kindes sind beziehungspersonen von konstantem aspekt gefordert. Verfremden sie sich periodisch unter bestimmten reizsituationen, so wird das kind eben jene gespaltenheit als identifikationsangebot übernehmen müssen Verglichen etwa mit den dörflichen verhältnissen, von denen man, ohne sie zu beschönigen, sagen kann, dass sie durch jahrtausende eine relativ konstante umwelt boten, ist der aktionsraum des bekannten und gefühlshaft vertrauten für das stadtkind wesentlich geschrumpft. Die ausweichmöglichkeiten auf mitglieder der weiteren familie sind geringer. Mit anderen worten, die ganze ambivalente gefühlsspannung des kindes konzentriert sich überwiegend auf die mutter, die sich dadurch oft überfordert fühlt und ihrerseits ambivalenter dem kind gegenüber wird. Zudem ist kinder zu haben eine unterbrechung der arbeitstätigkeit, eine schwächung der wirtschaftskraft der familie und bringt die mutter wieder in größere finanzielle abhängigkeit Das veranlasst zu dem schluss, dass die möglichkeit zur entwicklung des spezifischen affektiven sozialkontaktes, den wir mit den worten `liebe zur mutter' umschreiben, nur in einer beschränkten, definierbaren periode besteht. Die erfüllung der bedürfnisse, die sich mit der gestalt der mutter verbindet, muss in den erfahrungen dieses lebensabschnittes gegeben sein; Harlow meint dabei für den Rhesusaffen die zeit zwischen erstem und viertem, für den menschen die spanne zwischen drittem und zwölftem lebensmonat. Danach ist eine prägung, wie sie zuerst Konrad Lorenz in seinen versuchen mit enten gezeigt hat, in dieser richtung nicht mehr möglich. `Hat das kind in dieser zeit nicht zu lieben gelernt, so wird es niemals lieben können.' Wer nicht die erfahrung des vertrauens sammeln konnte, dem gelingt es offenbar nur schwer, sich selbst über die entwicklungskrisen hinweg immer deutlicher als identisches wesen zu begreifen Die affen, die unter menschenähnlichen bedingungen insofern aufwachsen, als ihnen ein verlust der mutter zustösst, den sie in ihrer umwelt nicht überleben würden, oder die auf eine mutterattrappe angewiesen sind, die in etwa einer ihrem kind entfremdeten menschenmutter gleichgesetzt werden kann - diese affen enwickeln im späteren leben seelische reaktionsdefekte, die menschlichen aufs haar gleichen. Wir müssen hinzufügen, dass diese defekte beim menschen durch die spezifischen ichleistungen, etwa durch einsicht, nicht korrigiert werden können. Diesen verödungen gegenüber ist einsicht machtlos. .... Harlows rhesusaffen sind inzwischen, wie er unlängst mitteilte, zu physisch voll gereiften tieren in bestem zustand herangewachsen. Aber trotzdem zeigen sie keinerlei neigung zu einem paarungsverhalten. .... Harlow nimmt an, dass es sich dabei um einen folgezustand der mutterlosigkeit handelt. `Auf irgendeinem uns noch unbekannten weg übermittelt die mutter dem kind die fähigkeit zu normalem geschlechtsverhalten.' Aber mehr noch: Es gelang Harlow (1961), ein mutterlos im drahtkäfig und mehrere mit attrappen [der mutter] aufgezogene weibchen schließlich zur paarung zu bringen; wenn auch ihr verhalten nicht dem wilder affen glich, so wurden sie doch trächtig. Zwei der tiere gebaren junge. Sowohl das ganz mutterlos aufgewachsene tier wie das mit einer stoffattrappe aufgezogene verhielten sich `völlig teilnahmslos' beziehungsweise `reagierten überhaupt nicht auf ihr neugeborenes kind, obwohl das kind normal auf sie reagierte'. Sie sahen nie auf das kind, `sondern starrten ins leere'. Die mutterlos aufgewachsene mutter `wischte das kind von ihrem bauch oder rücken ab in derselben gleichgültigen art, mit der sie fliegen abwischen würde.' `Ihr verhalten zeigte eine auffallende ähnlichkeit mit dem eines völlig affektlosen schizophrenen menschen.' Man sagt etwa, es sei einem menschen nicht gegeben, zärtlich zu sein; es wurde ihm aber nicht von der natur, sondern von der mitwelt nicht gegeben. .... Es scheint, wie bei den mutterlosen affen des experiments, kollektive charakterprägungen zu geben, die fühllos und unzugänglich für das erlebnis großer bereiche der sozialen wirklichkeit machen. Der affektive appell, der von ideologisch markierten gruppen von mitmenschen[,] etwa von missachteten minoritäten kommt, erreicht dann das individuum nicht mehr; ihrer not gegenüber verhält es sich wahrnehmungsblind ``Kurz gesagt, der viktorianische mensch sah die sexualität nicht sosehr als sünde, sondern als etwas bestialisches, verachtenswürdiges an.'' Nun, diese verachtung ist abgeklungen; sie hat in den roaring twenties ihren gegenschlag in hektischer geschlechtsanarchie gefunden und ist teils zu einer kleinbürgerlichen moralität, teils zu einer auffassung verlaufen, in der geschlechtsgenuss nahe dem genuss anderer konsumgüter rangiert, weder poetisch verklärt noch gewissensbelastet, einfach langweilig Das neurotische elend unserer zeit liegt in der präokkupation mit geld und sexualität. Das anale besitzstreben kompensiert die sexuelle versagung; andererseits sichert der besitz den genuss der `schlechten' frauen Mit zunehmender vereinzelung der lebensformen ist der schutz gegen die individuell neurotischen einflüsse nicht gewährleistet, weil jetzt die sicherung durch kollektive handlungsanweisungen fehlt. Das korrektiv der vereinzelung sind zunehmend die wissenschaftlichen ansschauungen und ihre verbreitung .... Da es ein irrtum ist, die gesellschaftliche vereinzelung unserer zivilisation einfach mit individualisierung im sinne einer verstärkung der ichfunktionen im zusammenspiel mit den triebregungen gleichzusetzen, ist die lage kritischer als in den zeiten geschlossener sippen-, stammes- und provinzialkulturen Von der Hinfälligkeit der Moralen .... Manche erziehungsformen wirken offenbar toxisch Mit dem wort identität ist also zugleich die fertigkeit gemeint, sich durch integration neuer erfahrungen wandeln zu können Ein solches training zu triebaufschub, zur askese verschiedener härte - und das ist kultur - ist für ein alleinlebendes wesen undenkbar, weil es unnötig wäre. Erst die notwendigkeit, mit anderen teilen zu müssen, fordert den verzicht; aber nur dort kann mit dem verzicht ein sinn verknüpft, kann verzicht selbst befriedigend erlebt werden, wo die mitwelt bedeutung für den einzelnen hat, oder sagen wir unverhohlen: wo er grund hat, diesen und jenen menschen zu lieben Die vorherrschaft des lieblosen gewaltdenkens gehört vielmehr zu einer umwelt, in der die deckung vitaler grundbedürfnisse schwerfällt und periodisch oder dauernd materielle armut die große menge drückt. Armut ist das produkt einer begrenzten kulturentwicklung weiterlesen Alexander Mitscherlich, `Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft', (1963), R. Piper, München (1996)   
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Siegfried Trapp
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